Die Szene erinnert ein wenig an einen Freizeitpark. Vor einem «Kassenhäuschen» stehen viele Leute Schlange. Nur ihr Ziel ist weit weniger spannend als eine Fahrt auf einer Achterbahn. Beim «Kassenhäuschen» handelt es sich nämlich um eine Amtsstube des deutschen Zolls, wo die Ausfuhrscheine – im Volksmund auch «Grüne Zettel» genannt – abgestempelt werden.

Mit diesen Grünen Zetteln erhalten die Schweizer Einkaufstouristen beim nächsten Einkauf die Mehrwertssteuer von rund 19 Prozent zurück.

Im Minutentakt fahren die Autofahrer vor, parkieren, lassen sich den Grünen Zettel abstempeln und rasen wieder davon. Zeit scheint hier ein rares Gut zu sein; die Leute haben es eilig. Auffällig ist, dass sich nicht nur Basler und Baselbieter die Grünen Zettel abstempeln lassen. Man sieht auch Nummernschilder mit Berner, Luzerner oder gar Zuger und Nidwaldener Kantonswappen. Rund die Hälfte der vorfahrenden Autos kommen aus einem nicht grenznahen Kanton.

Deutsche Zöllner verärgert

Das tägliche Abstempeln sorgt nun für Zündstoff. Die Schweizer Einkaufstouristen nehmen bekanntlich stetig zu. So berichtet das Zollamt Lörrach von einer Zunahme der Grünen Zettel von rund 26 Prozent im ersten Halbjahr 2010 im Vergleich zum Vorjahresraum. Die deutschen Zöllner sind verärgert: Sie seien mehr am Abstempeln als daran, die Grenze zu überwachen. Vor Ort zeigt sich, dass die Leute sogar für Beträge von fünf Euro in die Schlange stehen. «Wenn man dies konsequent macht, lohnt sich das auf jeden Fall», ist ein Zuger Einkaufstourist überzeugt. Er habe kein schlechtes Gewissen, das seinetwegen die Zöllner mehr Arbeit haben.

Sichtlich angespannt kehrt ein Nidwaldner vom Stempeln zu seinem Auto zurück. «Wenn die Zeit teurer ist als das Geld, das man zurückbekommt, lohnt es sich nicht, hier anzustehen», ist er sich sicher. Er habe eine Schmerzsgrenze von rund 20 Euro. Ein Blick auf seinen Grünen Zettel zeigt: Immerhin bekommt er 25 Euro zurück. Auch eine Luzernerin, die jede zweite Woche ins Rhein-Center einkaufen geht, hat eine Schmerzensgrenze von 20 Euro. Sonst wäre ihr die Zeit fürs Anstehen zu schade.

«Das ist doch einfach lächerlich»

Noch öfter ist Killian Schumacher aus Bern, der als Einziger seinen Namen nennen wollte, am deutschen Zoll anzutreffen. Er gehe einmal die Woche im Rhein-Center einkaufen und nutze extra seinen freien Tag. «Ich lasse mir jede Woche die Grünen Zettel abstempeln. Das lohnt sich auf alle Fälle.» Einen Mindestbetrag kennt er dabei nicht.

Eine Aargauer Einkaufstouristin will ebenso nichts von einer Schmerzensgrenze wissen. Auch mit den deutschen Zöllnern hat sie kein Mitleid: «Das interessiert mich doch nicht, das ist das Problem der Zöllner. Sollen sie doch mehr Personal einstellen.» Man könne auch Automaten installieren, meint sie fast ein wenig trotzig. Diese Meinung ist weit verbreitet. Doch es gibt auch Leute, die anderer Meinung sind. Eine Zürcherin etwa würde nur ab einem Betrag von 100 Euro an der Zollanlage anstehen. «Wer für fünf Euro ansteht, ist doch einfach lächerlich», meint sie kopfschüttelnd. «Ich kann den Ärger der Zöllner verstehen», sagt ihr Beifahrer.

Am späten Nachmittag gibt es immer noch Leute, die anstehen. Die Schlange ist unterdessen gar länger geworden. Tendenz für das Wochenende: steigend.