Reformen

Die Ängste der Miliz-Feuerwehren

Waldenburg, 26.2.2019

Bleibt der künftige Feuerwehrdienst für Milizkräfte genügend attraktiv?

Waldenburg, 26.2.2019

Erst seit wenigen Tagen bekannt, wird die Baselbieter Feuerwehrreform heiss diskutiert. Das sind die Knackpunkte.

Unter den rund 2'500 Miliz-Feuerwehrleuten in der Region gibt es seit diesem Dienstag nur noch ein Thema: die angedachte Zentralisierung und Teilprofessionalisierung der Baselbieter Feuerwehren. Noch steht nicht einmal fest, wann genau der Umbau weg von den 42 Gemeindefeuerwehr-Organisationen zu drei grossen Regionalfeuerwehren erfolgen soll.

Die Befürchtung aber, dass mit dem Verschwinden von Ortsfeuerwehren der in über 150 Jahren gewachsene Milizgedanke entscheidend ausgehöhlt wird, ist allgegenwärtig. Dies belegen aussergewöhnlich emotionale Reaktionen und Gespräche mit aktiven und ehemaligen Feuerwehrleuten.

Was dabei stets betont wird: Der Einfluss der Milizfeuerwehren auf die Gesellschaft in Kanton und Gemeinden kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dieser geht weit über ihre Einsätze und Hilfestellung in Notsituationen hinaus. Gerade in kleineren Gemeinden gibt es neben dem örtlichen Turnverein und der Dorfmusik keine andere Organisationen, die derart starke Verbundenheit und Identifikation schafft, Bevölkerungsschichten verbindet und insbesondere den Gedanken des ehrenamtlichen Einsatzes für die Gemeinschaft hochhält.

Basierend auf diesem gemeinsamen Nenner lassen sich die nun vorgebrachten Ängste und Befürchtungen etwa folgendermassen aufschlüsseln:

Keine Not

Sich Gedanken über die Zukunft zu machen, sei unbestritten das eine. Bereits ein derart radikales, zentralistisches Endprodukt zu propagieren, das andere. Vielmals wird die Notwendigkeit einer derart umfassenden Reform negiert. Zahlreiche, auch grössere Feuerwehren im Baselbiet kennen heute keinen Nachwuchsmangel – dies nicht zuletzt wegen der erfreulichen Anstrengungen und Entwicklungen im Bereich der Jugendfeuerwehren; diese hat die Basellandschaftliche Gebäudeversicherung massgeblich gefördert. Ausbildungsstand und Einsatzabläufe entsprächen ebenfalls den modernen Anforderungen. Tenor: Mit der Reform werden in der regionalen Feuerwehrlandschaft Baustellen eröffnet, die schlicht unnötig sind.

Gegen den Trend

Die Reform legt das Pendlerverhalten der letzten Jahrzehnte zugrunde: Feuerwehrleute können tagsüber nicht mehr alarmiert werden, weil sie auswärts arbeiten und zu lange Anfahrtswege haben. Dabei weist die Coronakrise aktuell in die entgegengesetzte Richtung: Die Menschen werden künftig verstärkt im Homeoffice und an ihrem Wohnort arbeiten, folglich wieder rascher der Feuerwehr zur Verfügung stehen. Zudem könnten man konsequenter als bisher die Feuerwehrpflicht für Gemeindemitarbeitende durchsetzen. Diese sind tagsüber ab Arbeitsplatz verfügbar.

Zweiklassengesellschaft

Bereits jetzt bestehen zwischen den fünf Stützpunktfeuerwehren und den örtlichen Feuerwehren mal mehr, mal weniger stark ausgeprägte Konkurrenzverhältnisse. Während die Stützpunkte mit Material überhäuft würden und die «tollen» Einsätze fahren dürften, blieben für die untergeordneten Feuerwehren nur die Brosamen des Alltags übrig. Dies drücke auf deren Attraktivität, sind viele ehrenamtliche Feuerwehrleute überzeugt. Mit der Reduktion und Teilprofessionalisierung würde dieser Graben vertieft: Die Profis stünden künftig automatisch an vorderster Front, den verbliebenen Milizkräften bliebe nur die «Drecksarbeit». Ganz zu schweigen von den dann wohl beschnittenen Möglichkeiten, innerhalb der Feuerwehrorganisation als Nicht-Profi Karriere zu machen.

Rekrutierung

Dies führt direkt zur Frage, wie attraktiv der Feuerwehrdienst für Milizleute dann noch ist. Die jetzige Struktur, basierend auf der allgemeinen Feuerwehrpflicht, ist stark von der Identifikation mit der eigenen Gemeinde geprägt. Gemeinde- Feuerwehren müssen sich vorausschauend um ihren Nachwuchs bemühen. Viele tun dies mit Ideenreichtum und nachweisbarem Erfolg. Ist erst der Grundpfeiler des allgemeinen Dienstgedankens aufgeweicht, ist in Zukunft die Verlockung gross, bei personellen Engpässen den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Dieser hiesse: einfach mehr Profis anzustellen, anstatt mühsam Milizleute anzuwerben.

Keine Kostenersparnis

Kommt es dann so weit, ist es auch mit den in Aussicht gestellten geringeren Kosten von bis zu 30 Prozent nicht allzuweit her. Einsparungen durch die Reduktion des Fahrzeugbestands sowie die Aufgabe von Standorten und Magazinen sind in erster Linie Einmaleffekte, die bald von ständig steigenden Lohnkosten weggefressen werden könnten.

Die Erfahrung aus Basel zeigt: Selbst eine hochgradig professionalisierte Stadt-Feuerwehr benötigt Unterstützung durch motivierte Milizkräfte. Wie diese künftig im Baselbiet bei der Stange gehalten werden können, ist eine der zentralen Fragen der Reform. Zweifellos wird diese noch in manchen Punkten abgeändert werden. Der zukunftsträchtige Wurf gelingt indes nur, wenn auf all diese Befürchtungen überzeugende Antworten präsentiert werden.

Meistgesehen

Artboard 1