Ausstellung
Die Designerin Gae Aulenti vermied eine wiedererkennbare Handschrift – das Vitra Schaudepot beleuchtet ihr «kreatives Universum»

Umgang mit dem Vorhandenen: Aulenti beschäftigte sich intensiv mit ihrer Umgebung und vereinte in ihren Kreationen stilistisch unterschiedliche Objekte zu radikalen Lösungen.

Benjamin Adler
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Gae Aulenti

Gae Aulenti

Zur Verfügung gestellt
Aufmerksame Beobachterin: Gae Aulenti im Jahr 1989.

Aufmerksame Beobachterin: Gae Aulenti im Jahr 1989.

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Mit dem Umbau des Gare d’Orsay – einer Ikone der Pariser Jugendstilarchitektur – in ein Museum gelang Gae Aulenti (1927-2012) Mitte der 1980er-Jahre der internationale Durchbruch als Architektin. Sie gehörte damit zu den ersten Frauen ihrer Profession, die mit einem Projekt dieses Umfangs betraut wurden. Die Meinungen waren geteilt: Die einen lobten den rücksichtsvollen Umgang, der ohne Anbiederung und Imitation der historischen Substanz auskommt. Die anderen erinnerte der roh belassene Stein an ein Grabmal.

Die Kritik änderte nichts daran, dass Aulenti in der Folge mit der Transformation einer ganzen Reihe von Bauten zu Museen betraut wurde. Darunter etwa der Palazzo Grassi in Venedig oder das Museu Nacional d’Art de Catalunya in Barcelona. Trotzdem ist Aulenti heute als Architektin weit weniger bekannt als ihre männlichen Kollegen, die den Museumsmarkt mit aufmerksamkeitserregenden Neubauten besser zu bedienen wussten.

Die Gründe für Aulentis vergleichsweise geringe Popularität liegen nicht zuletzt in ihrer ureigenen Auffassung von Gestaltung. Als sie sich Mitte der 1950er-Jahre nach ihrem Architekturstudium in Mailand selbstständig machte, schloss sie sich der Neoliberty-Bewegung an, die sich in Italien formiert hatte.

Im Gegensatz zum damals vorherrschenden Internationalen Stil, wie ihn etwa Ludwig Mies van der Rohe verkörperte, war für Aulenti zeitgenössische Architektur nur als Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem kulturhistorischen Kontext denkbar. Deshalb lehnte sie jede Form von Stil ab. Anstatt eine wiedererkennbare Künstlerhandschrift zu entwickeln, zählte bei ihren Projekten der individuelle Umgang mit dem bereits Vorhandenen. Gerade weil Aulenti diese theoretische Haltung kompromisslos in die Praxis umsetzte, bleibt ihr vielfältiges Werk, das von der Produktgestaltung über Theaterinszenierungen bis zur Architektur reicht, nur schwer fassbar.

Gae Aulenti lehnte jede Form von Stil kompromisslos ab.

(Quelle: )

Das zeigt sich auch exemplarisch an der kleinen Ausstellung, die das Vitra Design Museum der italienischen Entwerferin nun im Schaudepot widmet. Im Vordergrund stehen hier Möbel- und Leuchtenentwürfe. Aulenti hat sie praktisch ausschliesslich im Zusammenhang mit ganzen Einrichtungen geschaffen. Allen voran ihr bekanntestes Design, die Pipistrello-Leuchte. Der in Sachen Gestaltung progressive Büromaschinenhersteller Olivetti hatte Aulenti 1966 mit der Einrichtung eines Showrooms in Paris beauftragt.

Für die Beleuchtung entwarf sie eine höhenverstellbare Tischlampe, die sich vom funktionalen Design der Schreibmaschinen klar unterschied und sich zugleich annäherte. So erinnert der geschwungene Lampenschirm an die Flügel der namengebenden Fledermaus und die Lampe insgesamt an eine Palme. Sie verweist so auf etwas den Maschinen gänzlich Fremdes. Dagegen nimmt der bewusst zur Schau gestellte teleskopartige Auszug der Lampe direkt Bezug auf die Apparaten-Technik.

Beschäftigung mit der Umgebung und radikale Lösungen

Der fünfzehn Jahre später entstandene Clubtisch Tavolo con Ruote könnte auf den ersten Blick formal nicht weiter entfernt sein: Eine dicke quadratische Glasplatte ruht auf Industrierollen. Die Schrauben zu ihrer Befestigung bleiben sicht- und greifbar. Und doch sind Lampe und Tisch ideelle Verwandte: Auch beim Clubtisch ist es Aulentis intensive Beschäftigung mit ihrer Umgebung, die sie zur radikalen Lösung bringt.

Gae Aulenti ist zum Zeitpunkt dieser Kreation künstlerische Leiterin von Fontana Arte – einem Hersteller für Leuchten und andere Objekte aus Glas – und lässt sich von den Rollwagen inspirieren, die in den Fabrikhallen für den Transport schwerer Glasplatten benutzt werden. Hinzu kommt, dass sich sowohl Lampe als auch Tisch, wie so viele Entwürfe aus Aulentis Hand, bewegen und verändern lassen.

Was die stilistisch so unterschiedlichen Objekte also miteinander verbindet: Sie sind allesamt Verkörperungen eines bis ins hohe Alter so flexiblen wie differenzierten Geistes.

«Gae Aulenti. Ein kreatives Universum». Vitra Design Museum, Schaudepot, Weil (D). Bis 11. Oktober.
www.design-museum.de