Beschneidungsdebatte

«Die Juden befinden sich im Scherengriff»

«Es kann einem tatsächlich unwohl werden.» Alfred Bodenheimer über die Tendenz in Europa, Juden auszugrenzen. zvg

«Es kann einem tatsächlich unwohl werden.» Alfred Bodenheimer über die Tendenz in Europa, Juden auszugrenzen. zvg

Der Basler Professor Alfred Bodenheimer erklärt in seinem neuen Buch den jüdischen Brauch der Beschneidung. Die gegenwärtigen Entwicklungen in Europa machen ihm in Bezug auf das Judentum Sorgen.

Herr Bodenheimer, Sie haben ein Plädoyer für die Beschneidung geschrieben.

Alfred Bodenheimer: Es ist nicht in erster Linie ein Plädoyer für die Beschneidung. Es ist eine Analyse der Entgleisung, die passiert ist.

Was meinen Sie mit «Entgleisung»?

Es ist ein Konsens entgleist. Deshalb hatte ich das Gefühl, reagieren zu müssen. Die Voraussetzungen für Juden in Europa und vor allem in Deutschland, wonach hier wieder Platz ist für sie sei, waren plötzlich nicht mehr gegeben. Die Juden können hier nur leben, wenn man ihr Jüdischsein vollumfänglich akzeptiert.

Im Buch heisst es, dieses sei «gegen die Sprachlosigkeit der Juden» gerichtet. Wurden die Juden auf dem linken Fuss erwischt?

Die Debatte kam unerwartet. Quasi über Nacht ist die Beschneidung – ein Vorgang, der in Europa seit jeher bekannt war – kriminalisiert worden. Plötzlich wurden die Karten neu gemischt und die Juden kamen unter Druck, sich rechtfertigen zu müssen.

Für Sie ist die Beschneidung primär eine Abgrenzung.

Es ist ein Identitätsmarker. Dieser symbolisiert Differenz. Er steht aber auch für eine Gemeinschaft, die Selbstgenügsamkeit bedeutet, die Absage an den Anspruch, anderen die eigene Religion oder Ideologie aufzudrängen.

Haben Sie das Buch denn für Juden oder für Christen geschrieben?

Ich habe es für die Gesellschaft im Allgemeinen geschrieben. Es geht ja um eine Debatte, die jedermann beschäftigt. Mit diesem Buch wollte ich den kulturgeschichtlichen Hintergrund der Beschneidung aufarbeiten. Das ist eine Aufgabe, für die man als Wissenschafter der Jüdischen Studien das Wissen und die Kompetenz mitbringt.

Sie schreiben von einer Entfremdung, die stattgefunden hat zwischen Juden und der Mehrheitskultur, den Christen. Wie zeigt sich die bei uns?

Es ist seit längerem schon eine Schweizer Diskussion. In Deutschland, wo die Beschneidungsdebatte stattfand, ist diese Entfremdung relativ neu, was vor allem an der unterschiedlichen Geschichte liegt.

Was ist denn passiert?

Durch den Islam ist es zu einer neuen Konfrontation mit uns selber gekommen. Die Frage ist: Wie gehen wir mit dem um, was uns fremd und bedrohlich erscheint? Es geht um die Angst, im eigenen Land ausgehebelt zu werden. Dabei zeigt sich, dass sich dieser Diskurs an vielen Orten auch gegen die Juden wendet. Bis jetzt sprach man ja von einer jüdisch-christlichen Kultur. Plötzlich werden die Juden aber dem «Fremden» zugerechnet. Es zeigt sich: Die Juden waren in einem gewissen Sinne eine Manövriermasse. Sie können nicht davon ausgehen, dass sie in Europa ihren Platz wiedergefunden haben.

Das ist eine schwere Erkenntnis. Wie soll es denn in Zukunft weitergehen?

Es kann einem tatsächlich unwohl werden. Die Juden befinden sich sozusagen im Scherengriff zwischen einem unter eingewanderten Muslimen stärker verbreiteten Antisemitismus und der Mehrheitskultur, die sich plötzlich gegen «archaisch-barbarische» Bräuche wie die Beschneidung wendet.

Ihnen geht es um die Vielfalt der Kulturen und die gewaltlose Koexistenz. Ist die tatsächlich bedroht?

Die ist in Europa teilweise bedroht. Man schaue nur nach Ungarn, wo die Regierung Antisemitismus toleriert. Ungarn ist ja immerhin Teil der EU. Man vergisst: Die Juden haben in Europa einen Neuanfang gewagt. Und jetzt fällt man zurück in alte und unschöne Denkmuster.

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