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Dieser Baselbieter regiert im Emmental

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Nach Opernphantom und Alpöhi schlüpft Florian Schneider in die Rolle des Ammanns von der Vehfreude. Der Baselbieter schimpft, singt und regiert in makellosem Berndeutsch.

Florian Schneider setzt die Bierflasche an und nimmt einen grossen Schluck. Eben erst polterte er als Ammann noch über die Bühne der Thunerseespiele und herrschte über eine Emmentaler Gemeinde. Die Welturaufführung des «Gotthelf»-Musicals ist jetzt Geschichte. «Was so locker aussieht, haben wir zwei Monate lang zwölf Stunden täglich geprobt», sagt Schneider, der die struppigen Augenbrauen des Ammanns wieder abgelegt hat. «Mit diesem Musical haben wir einen Pflock eingeschlagen», ist der Baselbieter Sänger überzeugt. Das «Dream-Team» mit Regisseur Stefan Huber, Musikkomponist Markus Schönholzer und Autor Charles Lewinsky habe einen neuen Massstab im Unterhaltungstheater gesetzt.

Die Mundart-Produktion überzeugt mit lustigen Dialogen und der gesanglichen und der tänzerischen Leistung der Schauspieler. Die Musik fügt sich leicht ins Spiel ein. Und der Emmentaler Dialekt ist nicht nur tragendes Element im Stück, sondern auch der Hauptgrund, weshalb Schneider im «Gotthelf»-Musical mitspielen wollte. «Der Reiz liegt für mich in der Sprache», erklärt er. Für Lyrik und Gedichte habe er eine grosse Leidenschaft. Ausserdem sei er verliebt in die deutsche Sprache. «Gerade im Dialekt kann man sich wunderbar ausdrücken», schwärmt der Sänger, der auch eigene Liedtexte in Baselbieter Mundart verfasst (eine neue CD sei geplant).

Für die authentische Umsetzung büffelte der Baselbieter zusammen mit einem Sprachcoach echten Emmentaler Dialekt. «Mundartpapst Tinu Heiniger durchleuchtete jedes einzelne Wort genau. Ähnlich wie im Baselbiet erkennt auch ein Berner an Nuancen, aus welcher Gegend jemand kommt.» Doch neben der Bühne gibt Schneider seine Wurzeln Preis und legt das Berndeutsch ab. «Als Sprachpuritaner würde ich mir nie anmassen, so zu tun, als könnte ich wie ein Berner sprechen», gesteht er.

Anfang 90er-Jahre kehrte der heute 51-Jährige der Oper den Rücken. Seit er Musicals gesungen habe, wolle er nicht mehr zurück zur Oper. «Im Rockmusical konnte ich erstmals richtig die Sau rauslassen», erinnert er sich. Ihm sei die Lust vergangen, zum wiederholten Male den Tamino in der «Zauberflöte» zu interpretieren. Die stilistischen Vorgaben seien zu strikt. Vielmehr versucht Schneider, seine künstlerischen Freiheiten auszureizen: «Ein Regisseur muss mich zwar am Zügel führen, diesen aber immer wieder laufen lassen. Dann galoppiere ich am besten.» Im Musical werde die persönliche Interpretation eines Charakters viel eher akzeptiert als in der Oper, begründet Schneider seine Begeisterung.

Schneider ist einer, der es wissen muss. Als Phantom der Oper trat er über 500-mal im Basler Musical-Theater auf. Davor sang er als lyrischer Tenor verschiedene klassische Opern. Und diesen Sommer spielt er zum sechsten Mal auf einer Seebühne, zuletzt sang er am Walensee. Vor der Thuner Bergkulisse an der frischen Luft zu arbeiten, habe ihn motiviert, erneut bei einem Sommermusical mitzumachen, sagt Schneider. «Ich fühle mich fit und gesund, wenn ich viel draussen bin.»

Für die einmalige Kulisse nehmen die Veranstalter das schlechte Wetter in Kauf. Zur Premiere brachte aber nicht einmal ein massives Gewitter die Vorführung ins Wanken: Rund 600 Tonnen Stahl stehen auf dem Boden des Thunersees und tragen Schauspieler und Publikum. Letzteres verfolgt das Spektakel ohne Überdeckung. Dafür richtet sich die Tribüne nach dem See und den Berner Alpen. Vor Eiger, Mönch und Jungfrau tanzen Hexen und Teufel, die Bauern schlagen sich die Köpfe ein und fluchen in währschaftem Dialekt. Die Musik spielt mal leise Töne bei Liebesliedern, mal lupfigere Stücke im Wirtshaus.

Dass einer während der Vorstellung ins Wasser plumpst und eine andere dem Tod nur knapp entkommt, haben sich die Emmentaler Bauern selbst eingebrockt. Sie streckten aus Gier ihre Milch mit Wasser. Der Käse hat deshalb zu wenig Löcher und kann nicht verkauft werden. Nicht einmal der (Baselbieter) Ammann vermag den Verlust der Bauern noch zu retten. Immerhin sorgt Sohn Felix für ein Happy End.

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