Mein Leben im Dreiland
Strassburger Alltag unter den Nazis

Im städtischen Archiv von Strassburg dreht sich die neue Ausstellung um die Jahre 1940 bis 1944. Damals war die Region von den Nationalsozialisten annektiert. Ein Einblick in das Leben.

Peter Schenk
Peter Schenk
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Der erste Umzug vom 21. Juni 1941 von jungen Männern in Strassburg, die zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurden.

Der erste Umzug vom 21. Juni 1941 von jungen Männern in Strassburg, die zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurden.

zvg

Schon der Besitz einer Baskenmütze wurde mit einem Jahr Konzentrationslager bestraft. Wer beim Hören der BBC erwischt wurde, konnte sieben Monate ins Gefängnis wandern, und auch französische Fahnen durfte niemand aufbewahren. Von 1940 bis 1944 war Elsass-Lothringen von den Nationalsozialisten de facto annektiert.

Was das für den Alltag der Strassburgerinnen und Strassburger bedeutete, zeigt eine eindrückliche Ausstellung im Städtischen Archiv, den Archives Municipales – ein zusätzlicher Grund für einen sommerlichen Ausflug in die elsässische Metropole. Ab dem 9. August braucht es für den Besuch der Ausstellung einen Impfausweis.

«Das Deutsche Strassburg heisst Dich willkommen»

Als der Zweite Weltkrieg Anfang September 1939 ausbrach, wurden 120'000 Einwohner nach Südwestfrankreich evakuiert. Sie kehrten nach der krachenden Niederlage der Franzosen und dem Waffenstillstand vom Juni 1940 zum grössten Teil in ihre Heimatstadt zurück. Dort empfingen sie grosse Spruchbänder, auf denen stand: «Das Deutsche Strassburg heisst Dich willkommen.» In der Sicht Hitlers wurden die Elsässer befreit. Mit deutscher Gründlichkeit machten sich die neuen Machthaber daran, sämtliche Spuren Frankreichs zu beseitigen.

Strassen und Plätze erhielten neue Namen, Denkmäler wurden entfernt und 27'000 Strassburger bekamen neue deutsch klingende Vornamen, bei 20'000 wurde der Familienname geändert – alles fein säuberlich mit Dokumenten bestätigt. Wie im Deutschen Reich wurde alles gleichgeschaltet und 60 Prozent der Bevölkerung gehörte den nationalsozialistischen Organisationen wie der Hitler Jugend oder dem Bund Deutscher Mädchen an.

Originale zur Wehrpflicht

Im Mai 1941 führte der Gauleiter Robert Wagner, der Hitler direkt unterstellt war, den Reichsarbeitsdienst (RAD) ein. Die Teilnahme und der Schwur auf Hitler waren Pflicht. Am 21. Juni defilierten die ersten jungen Männer mit einem geschulterten Spaten durch die Stadt. Der RAD war als Vorbereitung auf den Wehrdienst gedacht. Dieser wurde am 25. August 1942 eingeführt. Betroffen waren die 17- bis 38-Jährigen – viele von ihnen sollten an der russischen Front sterben.

In der Ausstellung sind auch viele Originalplakate der nationalsozialistischen Propaganda zu sehen. Der Versuch vor der Einführung der Wehrpflicht, die jungen Elsässer zu bewegen, sich freiwillig für den Kriegsdienst zu melden, zeitigte keine grossen Erfolge. Auf anderen Plakaten heisst es: «Elsässer, sprecht Eure deutsche Muttersprache.» In der Ausstellung gibt es zu jedem Plakat ein weiteres, auf dem der elsässische Künstler Edouard Steegmann der Propaganda seine Sicht entgegenstellt. Auf der Internetseite der Strassburger Médiathèque sind auf Youtube Gespräche zum elsässischen Widerstand zu sehen.

Informationen zur Ausstellung: Archives municipales, 32, Avenue du Rhin, Strasbourg 1940–1944: le quotidien d’une cité annexée, bis 16. Januar 2022.

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