Reiseverkehr

Dreiste Reisende fixieren Vignette mit Nivea auf der Scheibe

Grenzwächter Patrick Gantenbein am Grenzübergang

Grenzwächter Patrick Gantenbein am Grenzübergang

Ferienzeit ist Reisezeit. Während die Schweizer ihre Traumdestination bereits erreicht haben, fahren die nördlichen Nachbarn und die Benelux-Touristen erst los. Ein Stimmungsbericht von der Grenze.

Der Chauffeur steuert seinen Bus auf der falschen Seite, nämlich rechts. Über seinem Kopf klebt ein Blatt Papier an der Windschutzscheibe, auf dem schwarz auf gelb «Lake Maggiore» steht. Das ist der vierte Reisebus innert weniger Minuten, der in St. Louis an der Schweizer Grenzkontrolle hält. «Sobald mehr als ein halbes Dutzend Reisecars bei uns haltmachen, entsteht ein starker Rückstau, weil nicht genügend Abstellfläche bereitsteht und die Cars alles blockieren», sagt der Pressesprecher der Grenzwachtregion Basel, Patrick Gantenbein.

Im Schnitt passieren 7000 Fahrzeuge den Grenzübergang St.Louis in 24 Stunden. An Spitzentagen wie an diesem und am kommenden Samstag sind es gut 12000. Laut Gantenbein stossen die Grenzwächter dann an ihre Kapazitätsgrenzen. Hinzu komme, dass die Mobilität immer noch zunehme.

11.07 Uhr am Samstag, dem Ferienbeginn der Luxemburger, Holländer, Belgier und eines Teils der Deutschen und Franzosen. Die Autos stauen auf 2 bis 3 Kilometer vor dem Grenzübergang zurück. Die Fahrer müssen etwa eine halbe Stunde in der Zweierkolonne ausharren, bis der Verkehr nach der Grenze wieder fliesst. Auf der einen Bahn fahren jene mit gültiger Autobahnvignette, und auf der anderen stehen diejenigen, die eine kaufen müssen. Doch so genau nehmen das die Autofahrer nicht. Deshalb kontrolliert ein Schweizer Grenzwächter die angeblichen Vignettenbesitzer. Dabei weist er nicht nur alle «Schwarzfahrer» zum Vignettenverkäufer, sondern überwacht, ob die Autobahnzulassung auch richtig an der Scheibe klebt. Gantenbein: «Wem die 40 Franken für die Vignette zu teuer sind, der klebt sie mit Klebstreifen an die Windschutzscheibe.» So bestehe die Möglichkeit, sie später weiterzuverkaufen oder an einem anderen Auto anzubringen. «Besonders Dreiste fixieren die Vignette mit Nivea-Creme an der Scheibe. Aber den Grenzwächtern entgeht das natürlich nicht», so Gantenbein. Sein Grenzwächter-Kollege greift deshalb immer wieder hinters Steuer der Vignettentrickser und bringt mit einer routinierten Handbewegung den Kleber ordnungsgemäss an.

«Top-Grenzwächter-Wetter»

Ohne Reklamationen,aber mit verdutztem Gesicht fährt ein Trickser weg. Ein Schwall Abgas weht den Wächtern entgegen. Doch Gantenbein lässt sich nicht irritieren: «Heute haben wir Top-Grenzwächter-Wetter: Es ist nicht zu heiss, es regnet nicht und es weht ein leichter Wind.» Denn bei drückend heissem Wetter und Windstille seien die Autofahrer tendenziell gereizt. «Und wir kriegen dann den Frust ab», gibt er zu bedenken. Dabei seien die Grenzwächter ja nicht schuld daran, dass alle zur selben Zeit unterwegs sind. Franz Fasl, ein Wachtmeister-Kollege am Grenzübergang Basel-Weil, weiss aber: «Die Autofahrer sind schnell frustriert, wenn sie warten müssen.» Er wird dieses Wochenende gleich zweimal «beglückt» mit seinem Dienst: Am Samstagmorgen und am Sonntagnachmittag ist er im Ein-satz. Dann, wenn am meisten Verkehr herrscht. Das Verkehrsaufkommen steige aber auch wegen der Tages- und Wochenendtouristen, sagt Fasl. «Ausserdem beobachte ich vermehrt Einkaufstouristen, die den schwachen Euro nutzen.»

Heute verweht der Wind den stehenden Abgasgestank. Doch die Motoren brummen und verursachen ein Grundrauschen, das wiederum den Kopf brummen lässt. Die Grenzwächter stehen mit gelber Weste, blauer Uniform und einer Pistole am Gurt unbeirrt neben der Autokolonne. Dass sie durch ihr Auftreten Signale aussenden, ist Gantenbein bewusst: «Ein grosser Teil der Kommunikation an der Grenze passiert auf nonverbaler Basis. Auch wir urteilen nach Fahrzeug, Kontrollschild und den Personen, die im Auto sitzen.» Je näher einer komme, je mehr man sehe, desto mehr passiere auf psychologischer Ebene.

«Intuition und Erfahrung»

«Der Grenzwächter arbeitet mit seiner Intuition und Erfahrung, denn er hat nur eine sehr kurze Zeitspanne, in der er entscheiden kann, ob er ein Fahrzeug kontrolliert oder nicht», erklärt der erfahrene 46-Jährige. Gantenbein interessieren aber vor allem die letzten hundert Meter vor dem Zoll: «Was besprechen die Autofahrer in dem Moment?» Denn für ihn ist klar: «Eine Grenze löst Emotionen aus. Viele Leute sind nervös und denken: ‹Kontrolliert er mich oder nicht?›» Aber das sei doch normal.

Tipps für die ferienfreudigen Autofahrer hat Gantenbein auch auf Lager: «Die schlauen sind die, die in der Nacht fahren.» Aber nur unter dem Vorbehalt, dass sich der Fahrer gut gegen Sekundenschlaf rüste. «Ich denke da an regelmässige Fahrerwechsel. Viel Flüssigkeit trinken und sich in den Pausen bewegen, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen, ist ebenfalls wichtig.» Doch die Planung zuvor sei matchentscheidend: «Je nachdem, welcher Kanton oder welches Land Ferien hat, weicht man besser auf andere Tage aus.»

Nächsten Samstag erwartet das Grenzwachkorps in Weil ein weiterer Spitzentag, weil dann im Bundesland Baden-Württemberg die Ferien beginnen. Gemäss Gantenbein wird am Freitag der Verkehr wieder anziehen. Am Samstag solle man dann eben nicht an der Grenze sein, empfiehlt er. Erst am Sonntag flache der Verkehr allmählich wieder ab.

Die Schweiz als Nadelöhr auf der Nord-Süd-Achse Europas: Die Autofahrer kommen aus Wales, Spanien, Ungarn und Luxemburg und fahren nicht nur in die Schweiz, sondern passieren die hiesige Grenze, um nach Italien, Frankreich oder in die Türkei zu fahren. Gantenbein tuckert stressfrei mit dem Zug in die Ferien. Oder fliegt als Hobby-Pilot gleich selbst.

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