Ehrung
Frank Matter erhält den Basler Filmpreis 2021

Der Basler Regisseur Frank Matter wird für seinen berührenden Dokumentarfilm «Parallel Lives» ausgezeichnet.

Hannes Nüsseler
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Filmemacher Frank Matter und Produzentin Madeleine Corbat.

Filmemacher Frank Matter und Produzentin Madeleine Corbat.

zVg / Abteilung Kultur Basel-Stadt, Nici Jost

Bereits zum zweiten Mal geht der mit 20’000 Franken dotierte Basler Filmpreis an den Regisseur und Produzenten Frank Matter. Er nimmt die Auszeichnung für seinen Dokumentarfilm «Parallel Lives» entgegen, eine «bewegende und bildgewaltige Reise», die sich zu einem «vielschichtigen Fresko der Zeit» zusammensetze, so die Jury. Der Film wird voraussichtlich ab Februar 2022 in den Schweizer Kinos zu sehen sein.

Werkstattgespräch mit Frank Matter im Stadtkino Basel

Am Mittwoch, 24. November, spricht Nachwuchsproduzent Cyrill Gerber mit Frank Matter über das Filmemachen im Wandel der Zeit. Dabei wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Anfangsjahre gelegt, die von viel Idealismus, Gratisarbeit und tiefen Budgets geprägt waren. Das Gespräch findet im Anschluss an die Filmvorführung von Matters New Yorker Film «The Definition of Insanity» statt.

In «Parallel Lives» erzählen Menschen unterschiedlichster Herkunft aus ihren Leben, die eines verbindet – der 8. Juni 1964 als gemeinsamer Geburtstag. Welche Erinnerungen an historische Ereignisse teilen die Datumszwillinge, welche Erlebnisse haben sie geprägt? Frank Matter vereint die Stimmen seiner Protagonistinnen und Protagonisten zu einem kraftvollen Akkord, der sechs Jahrzehnte und vier Kontinente umfasst.

Schon in der Sonntagsschule plagten den Regisseur existenzielle Fragen. Lebte der in Sissach, Baselland, geborene Matter wirklich in der besten aller Welten? Der Pfarrer, der regelmässig Filmaufnahmen aus den globalen Krisengebieten zeigte, schärfte seinen Schäfchen ein, dass sie nur dank Gottes Gnade auf den üppigen Weiden des Schweizer Wirtschaftswunders grasten. «Demut, Kinder, Demut!», forderte der Pfarrer von seinen Schutzbefohlenen – und einen Teil des Sackgeldes für die Bedürftigen dazu.

Die Gnade der günstigen Geburt hatte ihren Preis: ein schlechtes Gewissen und – in Matters Fall – das Gefühl von Fremdsein. Der junge Bursche wollte vom vorgespurten Dorfleben nichts wissen und zog der Demut den Mut vor, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen. Als freischaffender Journalist reiste Matter viel und lebte während 13 Jahren in New York, wo seine «Flausen im Kopf» Wirklichkeit wurden und er das Handwerk als Filmemacher («Von heute auf morgen») und Produzent («Nel giardino dei suoni») lernte.

Für «Parallel Lives» machte sich der Regisseur über die sozialen Medien auf die Suche nach «Geschwistern», die das gleiche Geburtsdatum haben wie er. So fand er Melissa, die aus einer US-amerikanischen Soldatenfamilie stammt und sich als langweilige Person beschreibt, obwohl der Wandel ihre einzige Konstante ist und sie noch nie einen festen Wohnsitz hatte.

Der von seinem Vater verstossene Franzose und Ex-Junkie Michel wiederum kreierte Mode für David Bowie und Mick Jagger, bevor ihn die Finanzkrise 2008 aus der Bahn warf. Innerhalb weniger Monate verlor er seine Eltern, seine Beziehung und den Job. Heute fristet er ein kärgliches Dasein in einer kleinen Wohnung in Los Angeles, die er mit seiner Freundin und einer Bassgitarre teilt.

Die Südafrikanerin Zukisma wuchs in der festen Überzeugung auf, dass ein Umdenken möglich sei, nur um nach dem Ende der Apartheid festzustellen, dass sich gewisse Dinge nie ändern. Jetzt schneidert die Uniabgängerin Vorhänge, für die sie Stoffe aus China bezieht. Dort lebt Li, der über die brutalen Folgen der Kulturrevolution höflich schweigt und in geselliger Runde auf das Wohl der Volkspartei trinkt. Der Wirtschaftsboom war die Opfer wert, meint Li.

Kontrast und Resonanz

Der Regisseur setzt seine eigene Biografie immer wieder in Beziehung zu diesen Lebensläufen mit all ihren Brüchen, mal als Kontrast, mal in Resonanz. Matter hatte sich aus der Schweiz gegen das Apartheid-Regime engagiert, den Anschlag auf die Twin Towers aus nächster Nähe miterlebt und auch China mehrfach besucht: Der Traum vom konsumfreien Kommunismus stellte sich bald als Illusion heraus. Heute lebt Matter in Basel, er scheint angekommen zu sein.

«Parallel Lives» taucht nicht in eine nostalgische Vergangenheit ab; der Film trägt seine Erinnerungen in die Gegenwart und bringt sie zum Klingen. Das Leben mag sich auch ohne Pandemie im Warteraum des Zufalls abspielen, den Soundtrack dazu steuern wir aber selber bei.

Der Kurzfilmpreis geht an Thabea Furrer («Ann’s Pub»), der Basler Medienkunstpreis an Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė («Mouthless Part I») sowie an Ted Davis («p5.glitch»). Den Spezialpreis für besondere Leistungen im Bereich Regie und Autorenschaft erhalten Christof Schaefer und Yamini Deen für den Dokumentarfilm «Delhi Dreams».

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