Syrien

Ein Kinderbuch über den Krieg

Rashid Abed: «Das Engagement des Einzelnen kann etwas bewirken.»

Rashid Abed: «Das Engagement des Einzelnen kann etwas bewirken.»

Rashid Abed will den Schweizer Kindern die Themen Flucht und Not näherbringen. Dafür hat er ein Kinderbuch geschrieben.

Ein Mädchen flüchtet mit seiner Familie bei Nacht und Nebel über die Grenze zwischen Syrien und Jordanien. Der Krieg in der Heimat hat sie vertrieben. Im Gepäck haben sie nur das Nötigste. In Jordanien angekommen, werden sie in ein Zeltlager geschickt, das bald zu einer Zeltstadt anwächst. Souraya verliert unterwegs ihre Puppe, friert während des Winters im Zelt, vermisst die Schule in Syrien. «Warum Souraya ihre Heimat verlassen musste» ist kein typisches Kinderbuch. Fröhliche Wimmelbilder, eine aufbauende Moral und ein Happy End fehlen.

Die Geschichte ist erfunden. Doch: «So erging es in den vergangenen Jahren vielen syrischen Kindern», sagt der Autor des Buches Rashid Abed. Auf 36 Seiten erzählt er realistisch, aber kindergerecht die Geschichte des syrischen Mädchens. Das Buch richtet sich an Acht- bis Elfjährige. Flucht und Krieg sollen damit thematisiert werden können, sowohl von Eltern als auch von Lehrern.

«In den Büchern, die es bis jetzt gibt, kommen die Flüchtlinge immer in die Schweiz, finden Freunde, sind glücklich», sagt der Halbjordanier. Seine Protagonistin verlässt 2012 ihr Zuhause und strandet in einer Zeltstadt in Jordanien. Ein Happy End rückt in die Ferne.

Abed ist eigentlich kein Kinderbuchautor, sondern gelernter Chemielaborant. Hat Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften studiert, mit Masterabschluss. Arbeitet jetzt als Praktikant bei Amnesty International in Bern. Und der 35-Jährige kennt das Leid der Flüchtenden, hat es mit eigenen Augen gesehen.

Vor sieben Jahren reiste er durch das noch unversehrte Syrien, «ein wunderbares Land», sagt Abed. 2013 gab er Deutschunterricht im Baselbiet. Vor zwei Jahren gründete er mit Freunden den Basler Verein Strickwärme. «Ich habe mich schon früher engagiert, aber eher auf intellektueller Ebene», sagt Abed. Er gehört seit Jahren der Regionalgruppe «foraus», einem Forum für Aussenpolitik, an.

«Ich bekam aber ein schlechtes Gewissen, weil ich immer vom Elfenbeinturm aus referiert habe.» Abed rückt seinen feuerroten Schal zurecht, zupft einen Fussel von seinem Pullover. Mit Strickwärme versucht er nun «Wärme zu vermitteln». Physisch mit den handgestrickten Mützen und Socken, die er schon in Jordanien, Griechenland oder Kroatien verteilt hat.

Emotionale Unterstützung bieten die gestrickten Puppen und Kuscheltiere. Wenn Abed von den Begegnungen mit den Kindern in den Lagern erzählt, wird seine Stimme weich. Grosse Emotionen zeigt er nicht – mit Bedacht wählt er seine Worte. Man merkt, er hat Erfahrung im Sprechen über diese Thematik.

«Kenne keine Langeweile»

Man könnte Abed als Workaholic bezeichnen. Neben seinem Vollzeitpraktikum nimmt sein Posten als Co-Präsident von Strickwärme zusätzliche zehn bis zwanzig Stunden pro Woche ein. «Langeweile kenne ich eigentlich gar nicht», sagt Abed mit einem Grinsen im Gesicht. Gerne würde er sich hauptberuflich einem einzigen Projekt, einer NGO, einem Verein widmen: «Aber dieser Wunschtraum ist noch in weiter Ferne.»

Sein Antrieb wird dadurch aber nicht geschmälert: «Ich bin überzeugt, dass das Engagement des Einzelnen etwas bewirken kann.» Die Situationen, in denen Flüchtende stecken, seien alles andere als fair. In Jordanien wurde ihm bewusst: «Ich kann nur lachen, wenn es hier heisst: ‹Das Boot ist voll!›». Viele Schweizer blickten zu wenig über den Tellerrand. Dabei sei genau das nötig, um etwas zu verbessern.

Abed ist sich bewusst: Die Vorurteile und das politische Gerangel hier in Europa können nicht mit einem Fingerschnippen aus der Welt geschafft werden. Darum wird bei ihm in nächster Zeit auch keine Langeweile aufkommen: «Im Februar werden wir mit einer Ladung Hygieneartikel, Spenden und natürlich mit Stricksachen nach Como reisen.»

Und Abed wird seine Rolle als Kinderbuchautor noch eine Weile beibehalten: «Die Erzählung ist als Trilogie angedacht.» Denn die Geschichte von Souraya gehe weiter. Ebenso wie die der 65 Millionen Menschen, die momentan auf der Flucht sind.

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