Sie haben vor 40 Jahren die Stiftung für Sucht- und Jugendprobleme gegründet und haben quasi seit den Anfängen die Schweizer Drogenproblematik verfolgt.

Hans-Peter Schreiber: Ja, damals in den frühen 1970er-Jahren hat sich das Drogenelend erst abzuzeichnen begonnen. Als evangelischer Pfarrer kam ich in Kontakt mit dem Gerichtsfall eines Drogendealers und dreifachen Vaters. Sein Schicksal hat mich motiviert, solchen Leuten aus dem Drogenkuchen zu helfen. Zusammen mit anderen habe ich die Stiftung gegründet und den Hof «Chratten» in Beinwil gekauft, der als Drogen-Entzugsheim diente.

Der «Chratten» war damals die erste Institution mit einem therapeutischen Angebot in der Schweiz.

Ja, und die Geschichte der Stiftung widerspiegelt die ganze Drogenpolitik der letzten 40 Jahre – von der relativen Ahnungslosigkeit über Strenge bis zu einem humanen Umgang mit den Süchtigen. Unser Motto in der Stiftung war stets, allen Süchtigen zu helfen. Wir haben uns immer gewehrt gegen die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen.

Mit welchen Argumenten?

Es gibt medizinisch keinen Grund, zwischen einem Alkohol- und einem Heroinabhängigen oder einem starken Raucher zu unterscheiden. Sucht ist Sucht. Statt von Drogen reden wir darum besser von psychoaktiven Substanzen. Das schliesst alle ein.

Bis in die 1990er-Jahre war das Drogenelend ein grosses Thema. Heute, so scheint es, sind die Junkies von der Bildfläche verschwunden.

Das stimmt. Es gibt nicht mehr viele Neueinsteiger in die Junkie-Szene. Der durchschnittliche Junkie ist heute eher älteren Datums.

Warum diese Entwicklung?

Die heutige beruhigte Situation ist das Ergebnis einer umsichtigen Drogenpolitik. Die Schweiz hat da enorm dazu gelernt. Zuerst hat man keinerlei Erfahrung gehabt und nicht gewusst, wie man mit den Substanzen umgehen muss. Die Abhängigen hat man kriminalisiert. Dann ist das Elend immer grösser geworden; in den 1980er Jahren kamen noch die Probleme mit HIV und Hepatitis dazu. Schliesslich hat man gemerkt, dass man mit einem strengen Gesetz das Problem nicht in den Griff kriegt. Das hat zu einer pragmatischeren, humaneren Drogenpolitik geführt – Stichwort Methadon-Abgabe.

Wie hat die Methadon-Abgabe die Drogensituation beeinflusst?

Die Beschaffungskriminalität ist enorm zurückgegangen. Als wir im Jahr 1989 das Heim Gilgamesch für Heroinabhängige eröffneten, kostete ein Gramm Heroin über 1000 Franken. Ein Abhängiger musste also zwangsläufig kriminell werden. Wir haben es damals laufend erlebt, dass die Heimbewohner mit geklauten Stereoanlagen zurückkamen. Heute ist die Kriminalität kaum mehr ein Thema. Gleichzeitig hat das Elend für die Abhängigen abgenommen.

Braucht es die Stiftung unter diesen Bedingungen überhaupt noch?

Auf jeden Fall. Denn wir werden nie eine drogenfreie Gesellschaft haben, das ist eine Illusion. Die Suchtproblematik verlagert sich angesichts des zunehmenden wirtschaftlichen Drucks auch in die Mittelschicht. Was viele nicht wissen: In der Schweiz konsumieren über 100000 Menschen regelmässig Kokain. Koks ist zur Alltagsdroge geworden. Der Unterschied zu den verelendeten Drogenabhängigen von früher ist: Heute sind die Abhängigen oft gesellschaftlich gut integriert. Was wir in der Stiftung heute anbieten, sind zwei stationär-therapeutische Einrichtungen: ein Tageshaus für Obdachlose sowie eine Werkstatt für Menschen mit einer akuten Suchtproblematik, der Jobshop. Ziel ist, sie aus ihrem unorganisierten Leben rauszuholen. Die Leute verrichten dazu bei uns für fünf Franken in der Stunde leichte Tätigkeiten.

Und das funktioniert?

Und wie. Die Leute, meist Obdachlose, stehen am Morgen unter der Brücke auf und stehen dann bei uns um 10 Uhr auf der Matte. Wir stellen sie ein, auch wenn sie voll verladen sind. Es gibt ihnen eine Tagesstruktur und Anerkennung. Das Pilotprojekt hat sich rasch herumgesprochen und ist ein voller Erfolg. Es kommen bis zu 40 Leute pro Tag. Das sind sogar viel mehr, als wir bezahlen können. Wir nehmen darum bald mit den Basler Behörden Verhandlungen auf über Subventionen. Zum Glück sind die Basler sehr verständig und fortschrittlich. Basel-Stadt war im Jahr 1994 auch der erste Kanton, der einen Kredit für eine kontrollierte Heroinabgabe bewilligt hatte.

Zurück zu den Süchtigen: Wie hilft man ihnen am besten?

Indem man ihnen Strukturen gibt und Anerkennung. Wichtig ist auch, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, indem man ihnen zu verstehen gibt: «Du bist jemand, du bist nicht der letzte Dreck.»

Greift man heute noch aus den gleichen Gründen wie vor 40 Jahren zu den Drogen?

Nein. Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren war die Drogenszene stark politisiert. Als Studenten ist man abends zusammengesessen und hat bei roten Lampen und Bob-Dylan-Musik gekifft und mit LSD experimentiert. Drogen waren ein Mittel zur Bewusstseinserweiterung; man hat sie genommen, um auszubrechen und um die Gesellschaft zu verändern. Danach ist das Drogenproblem in die Unterschicht abgesunken. Diese Menschen greifen zu Drogen, um sich angesichts ihrer vielfältigen Probleme zu betäuben.

Wie viele Menschen schaffen den Weg aus der Drogenszene zurück in die Gesellschaft?

Das sind ganz wenige. Es gibt jedoch Erfolgsgeschichten: Vier Besucher von Jobshop haben im letzten halben Jahr nun wieder einen normalen Job. Wollen wir realistisch sein, kann das aber nicht das Ziel sein.

Was ist dann das Ziel?

Den Leuten zu helfen, ihr Leben zu stabilisieren. Jeder Mensch hat Anrecht darauf, als Mensch behandelt zu werden. In unserer Bundesverfassung steht ein mutiger Satz dazu: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl des Schwachen». Genau das ist unser Motto – auch in Zukunft.

Viele Drogeninstitutionen kämpfen mit Geld-Problemen – wo sehen Sie Ihre Stiftung in zehn Jahren?

Wir sind auf Unterstützung durch den Kanton, die Christoph-Merian-Stiftung und die GGG stark angewiesen. Und das wird auch für die Zukunft gelten.

Hans-Peter Schreiber führt die Stiftung für Sucht- und Jugendprobleme seit deren Gründung vor 40 Jahren. Der 75-Jährige hat in Frankfurt, Basel und Zürich Theologie und Philosophie studiert und sich in Molekularbiologie weitergebildet. Er war unter anderem Studentenpfarrer und Professor für Philosophie und Ethik an der ETH Zürich und der Uni Basel. Er wohnt in Riehen. Infos: www.ssj-basel.ch