Tag der Kranken

Er lässt sich nicht unterkriegen

Hat noch viel vor: Ueli Pfister.

Hat noch viel vor: Ueli Pfister.

Angeschlagen und trotzdem voller Tatendrang – Ueli Pfister ist ein idealer Botschafter für den Tag der Kranken.

Die Region kennt Ueli Pfister als originellen und gefitzten privaten Stationshalter in Tecknau, der einer grossen Stammkundschaft Bahnbillets in die halbe Welt verkaufte und, zumindest in den Anfängen, nebenbei auch noch Velos flickte. Im Frühling 2015 schloss Pfister seinen Verkehrsladen. Nicht weil er sich mit damals 71 Lebensjahren zu alt fühlte, sondern weil er sich immer wieder mit den SBB zankte und diese ihm die Marge stetig kürzte. Trotzdem bezeichnet Pfister die 24 Jahre in Tecknau als seine besten: «Das war für mich die Erfüllung in vielen Aspekten und ich konnte mich verkehrspolitisch so engagieren, wie es für mich Sinn macht: fürs Zug- und Velofahren.»

Pfister ist seither nicht mehr auf der öffentlichen Bühne aufgetreten – aber offensichtlich nicht vergessen gegangen. Nur erscheint er jetzt in ganz anderer Mission: Die Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion empfiehlt ihn als Botschafter für den Tag der Kranken vom kommenden Sonntag. Was darauf schliessen lässt, dass sich Pfisters Leben in den vergangenen fünf Jahren ziemlich verändert haben muss.

Jetzt fotografiert und repariert er halt

Pfister bestätigt: «Meine chronisch obstruktive Lungenerkrankung namens COPD hat sich massiv verschlechtert. Ich habe im 2016 vier Lungenentzündungen erlitten und ein Viertel meiner Lunge ist kaputt gegangen.» Pfister hat seit Kindsbeinen Lungenprobleme und leidet immer wieder unter Bronchitis und Asthma. Doch mittlerweile ist er stark eingeschränkt: Er muss Anstrengungen meiden, täglich viermal inhalieren und die verschiedensten Therapien durchlaufen. Zudem leidet er noch unter anderen körperlichen Gebrechen. Pfister sagt: «Zum Glück habe ich ein sehr gutes medizinisches Netzwerk. Der Kern meiner Schutzengel sind der Hausarzt, die Pneumologin, die Nephrologin und die Physiotherapeutin.»

Doch Pfister verzagt nicht und ist auch ein schönes Stück weit eine Frohnatur geblieben. Statt zu wandern, Velo zu fahren oder per Bahn in entlegene Winkel Europas zu reisen, ist er jetzt fotografisch mit den Bahnjournalisten in der Schweiz unterwegs oder flickt im «Reparier Kaffi» im heimischen Gelterkinden Haushaltsmaschinen. Und Pfister weiss sofort so manche Geschichte aus seinem neuen Leben zu erzählen. So von einer Exkursion der Bahnjournalisten in den einst umstrittenen Bedretto-Stollen oder von einer misslungenen Reparatur eines Mixers, der in Rauch aufging.

Wer ihn so erzählen hört, dem wird klar, wieso er als Botschafter für den diesjährigen Tag der Kranken unter dem Motto «Ich bin mehr als meine Krankheit(en)» taugt: Pfister lässt sich nicht auf seine Gebrechen reduzieren und spinnt nach wie vor Zukunftspläne. Er erklärt: «Ich vermeide es, den ganzen Tag über meine Gesundheit zu reden. Vor drei Jahren steckte ich in einer depressiven Phase, in der ich meiner Krankheit grosse Bedeutung gab. Da habe ich gemerkt: Ich darf mich nicht herunterziehen lassen, obwohl ich in Sachen Tod in der vordersten Reihe stehe.»

Jene, die ihm Gutes taten, erhalten Goldmedaille

Zu den Plänen gehört ein Umzug. Nach fast sieben Jahrzehnten in Gelterkinden will Pfister zusammen mit seiner Frau nach Sissach ziehen. Er sagt: «In Sissach weht ein offener Geist, seit die ‹Stechpalme› wirkt. Gelterkinden dagegen ist stehen geblieben.»

Pfisters grösster Plan, mit dessen Umsetzung er bereits begonnen hat, ist aber ein anderer: Er will seine Lebensgeschichte niederschreiben. Derzeit befindet er sich bei diesem Prozess im Schicksalsjahr 1965, als sein einziger Bruder, ein angehender Pilot, auf einem Flugplatz vom Blitz erschlagen worden ist. Und er hat noch viel Stoff zu verarbeiten. Dazu nur ein paar Stichworte: Pfister war in seinem Berufsleben vor dem Finale als privater Stationshalter Luftverkehrsangestellter, Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Biafra-Krieg, Berufsberater und Sozialpädagoge im Basler Waisenhaus.

Überhaupt kämpfte der Noch-Genosse – «ich glaube, meinen letzten Lebensabschnitt verbringe ich als Parteiloser» – immer wieder an vorderster Front, sei es als Gewerkschafter für bessere Arbeitsbedingungen oder als Umweltengagierter gegen die Umfahrung Sissach, für Tempo 30 oder gegen eine Handyantenne in Gelterkinden. Ganz am Schluss seiner Lebensgeschichte plant Pfister ein besonderes Kapitel: Er vergibt Goldmedaillen an die, die ihn besonders geprägt oder beeindruckt haben. Seine «Schutzengel» sind dabei gesetzt.

Und da gibt es noch etwas anderes, was Pfister Lebensenergie verleiht: «Ich will noch einige konkrete Erfolge der Klimajugend und die überfälligen Änderungen hin zu einer umweltverträglichen Schweizer Landwirtschaft erleben.»

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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