«Es gibt keinen Altruismus ohne Egoismus»

Professor und Philanthropie-Forscher Georg von Schnurbein erklärt im Interview, wie viel Menschlichkeit und Gutherzigkeit tatsächlich in Stiftungen und spendablen Personen steckt.

Mathias Balzer und Patrick Marcolli
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Georg von Schnurbein forscht schon seit Jahren zu Fragen des Stiftungswesens und über Non-Profit-Organisationen.

Georg von Schnurbein forscht schon seit Jahren zu Fragen des Stiftungswesens und über Non-Profit-Organisationen.

Bild: Juri Junkov (Basel, 17.12.2020)

Herr Schnurbein, sind Sie ein Philanthrop?

Georg von Schnurbein: Das ist eine lustige Frage. Weil man ja auch einen Politologen nicht fragt, ob er Politiker ist. Aber natürlich habe auch ich eine philanthropische Autobiografie wie jeder von uns.

Inwiefern?

Wir verstehen unter Philanthropie jede private, freiwillige Handlung für einen gemeinnützigen Zweck. Sie ist kein Vorrecht der Reichen, sondern eine Frage des Engagements. Es ist nicht die Grösse der Gabe, die Philanthropie definiert, sondern die Werte und die Haltung dahinter. Insofern bin auch ich ein Philanthrop, weil ich mich freiwillig engagiere und spende, obwohl ich nicht reich bin.

Also sind wir im Grunde alle Philanthropen?

Nach unserer Definition schon. Mutter Theresa ist genauso Philanthropin wie Bill Gates. Uns geht es darum, den Begriff wegzuholen von der Idee, dass nur die Elite und das Grosskapital Philanthropie ausmachen. Herr und Frau Schweizer spenden pro Jahr 1,8 Milliarden Franken. Das ist fast so viel wie die Stiftungen ausschütten.

Und wieso spendet jemand?

Das ist eine gute Frage. Es gibt nicht nur das eine Motiv. Wir sprechen von Motivbündeln, ausgehend davon, dass es keinen Altruismus ohne Egoismus gibt. Wenn sich beispielsweise jemand meldet, um bei der Uefa-Europameisterschaft Freiwilligenarbeit zu machen, dann tut er das auch in der Erwartung, dem einen oder anderen Star zu begegnen. Und wenn ein Mäzen dem Museum 100000 Franken gibt, dann freut er sich auch über die Plakette mit seinem Namen.

Und wieso werden Stiftungen gegründet?

Ebenso aus den unterschiedlichsten Gründen. Viele Stifter in der Schweiz stiften, weil sie keine Nachkommen haben. Andere stiften, weil sie geerbt haben und denken, dass es gar nicht ihr Geld sei und es deswegen der Gesellschaft zurückgeben. Andere stiften, weil sie denken, sie seien ein toller Mensch, und hoffen, dass ihr Name der Nachwelt durch die Stiftung erhalten bleibt.

Das machen aber nur sehr reiche Menschen.

Nicht unbedingt. Die Mega-Spender machen nur einen kleinen Teil aus. 80 Prozent der Schweizer Stiftungen haben ein Vermögen von unter drei Millionen Franken. Wenn sie bei der heutigen Lage aus den Erträgen leben, dann können sie pro Jahr ein paar tausend Franken ausgeben. Das ist die Realität der meisten Stiftungen. Das Bild in der Öffentlichkeit wird jedoch von den grossen wie Jacobs oder Mercator geprägt.

Sind Stiftungsgründungen ein Trend?

Stiftungen sind Kinder der Wohlstandsgesellschaft. Es braucht dafür frei verfügbares Kapital. Die Hochphasen der Philanthropie fallen immer mit denjenigen der Hochkonjunktur zusammen. Über 50 Prozent der Stiftungen in der Schweiz, in Deutschland oder den USA sind jünger als 30 Jahre. In der Schweiz wurde die Hälfte nach 2000 gegründet. Aktuell wird hierzulande pro Tag eine Stiftung ins Leben gerufen.

Hat die Höhe staatlicher Mittel für Soziales oder Kultur einen Einfluss darauf, wie viele Stiftungen gegründet werden?

Diese Frage treibt auch die Forschung um. Nehmen Sie Schweden: Das Land mit einer Staatsquote von 80 Prozent hat 13000 Stiftungen. Etwa gleich viele gibt es in der Schweiz, obwohl sie eine sehr niedrige Staatsquote hat. Es lässt sich also keine eindeutige Beziehung feststellen. Das Stiftungswesen hat wohl viel mehr mit kulturellen Traditionen zu tun. Frankreich hat ein sehr differenziertes Verhältnis zu Stiftungen, weil die Aufklärung Stiftungen nicht gut findet. Sie widersprechen dem Grundsatz der Gleichheit. Jemand soll sich nicht durch sein Vermögen über andere stellen können. Auch Österreich hat ein schwieriges Verhältnis zu Stiftungen, aber nicht aus aufklärerischen Gründen, sondern eher aus einer absolutistischen Denkweise, in der Staat und Kirche für das soziale Wohl zu sorgen haben.

Im Kulturbereich ist es so, dass viele Projekte ohne Stiftungsgelder nicht realisiert werden könnten. Überlassen wir da diese Aufgabe einfach Privaten?

Wenn Sie «überlassen» sagen, setzen Sie voraus, dass Kulturförderung eigentlich Sache des Staates wäre. Das ist zu diskutieren. Ich sehe den gesellschaftlichen Nutzen der Philanthropie in der Förderung der Vielfalt. Denn viele Dinge kann der Staat gar nicht machen. Dafür ist gerade Basel ein gutes Beispiel. Für eine Stadt dieser Grösse haben die staatlichen Museen zwar eine sehr gute staatliche Ausstattung. Was Basel aber zur eigentlichen Kulturstadt macht, sind die privaten Initiativen wie die Fondation Beyeler, das Museum Tinguely oder das Schaulager. Das fördert Pluralismus und Wettbewerb und führt letztendlich dazu, dass alle etwas besser werden.

Nicht nur Privatpersonen, auch Firmen gründen Stiftungen. Werden da nicht zweifelhafte Geschäftspraktiken durch die Philanthropie weissgewaschen?

Natürlich hat ein Unternehmen, das eine Stiftung gründet, auch einen Reputationsgedanken. Wir haben vor ein paar Jahren eine Studie dazu gemacht. Es gibt die klassisch reputationsgetriebenen Gründungen. Beispielsweise eine Bank, die durch eine Stiftung Kunst sammelt, dadurch an Renommee gewinnt und mit anderen Kundensegmenten in Berührung kommt. Dass Stiftungen jedoch die Philanthropie missbrauchen, um andere Aktivitäten zu verschleiern, das funktioniert meistens nicht. Zudem unterstehen sie ja der staatlichen Aufsicht. Wenn der Stiftungszweck sich den Firmenzielen zu sehr annähert, wird die Frage nach der Gemeinnützigkeit gestellt. Institutionelle Philanthropie bewegt sich also nicht im völlig demokratiefreien Raum.

Aber man kann schon sagen, dass Philanthropie die gute Seite des bösen Kapitalismus ist.

Philanthropie gab es schon vor dem Kapitalismus! Aber natürlich braucht es zuerst viel Kapital, damit ein Teil davon in die Philanthropie fliessen kann. Da gibt es immer einen Zusammenhang.

Wie hoch ist die Stiftungsdichte in Basel?

Sehr hoch. In der Schweiz rechnen wir auf 10000 Einwohner mit 15,6 Stiftungen, in Deutschland sind es 2,8, in Basel aber 45.

Und warum ist das so?

Mit ein Grund ist sicher, dass Basel immer stark auf sich alleine gestellt war. Das war schon bei der Universitätsgründung 1460 so, die damals schon durch eine Stiftung gegründet wurde. Kommt hinzu, dass die alten Basler Familien den Übergang in die Industrialisierung geschafft haben und ihrer Stadt treu geblieben sind. Das alte Kapital blieb also in der Stadt.

Altes Geld fördert also die Philanthropie?

Ja, und natürlich auch das Verständnis, die eigene Stadt zu fördern. In Zürich gibt es mehr Stiftungen, aber die sind lange nicht alle auf die Stadt ausgerichtet. Das besondere in Basel ist: Wir haben hier 877 Stiftungen und 80 Prozent haben im Zweck einen regionalen oder lokalen Bezug. In Zürich ist die Quote nur 50 Prozent.

Aber im Unterschied zu den USA steht auf dem Museum in Basel nicht «Oeri-Fundation».

Das typisch baslerische «Me git, aber me sait nüt» ist hier tief verankert. Man will nicht im Rampenlicht stehen. In den USA gehört die Philanthropie zur öffentlichen Sphäre, in der Schweiz eher zur privaten. Aber auch das ist im Wandel begriffen. Früher war die anonyme Spende normal, heute fragt man sich, wieso der Spender nicht sagt, wer er ist.

Gerade diese Unsichtbarkeit fördert die Vorstellung, dass im Hintergrund Kräfte wirken, die das gesamte Stadtgefüge beeinflussen.

Ich sehe da schon einen Wandel. Das neue Naturhistorische Museum im St. Johann wird das erste Museum Basels sein, das ohne private Hilfe gebaut wird. Das ist bemerkenswert und hat unter anderem auch damit zu tun, dass es der Stadt Basel mittlerweile finanziell sehr gut geht. Ich sehe diesen Wandel aber nicht unbedingt als positiv. Es ist zwar falsch anzunehmen, dass Philanthropie alles löst. Ich würde es aber gut finden, wenn Philanthropie und Staat zu einem positiven Miteinander finden.

Wie meinen Sie das genau?

Es existieren auf beiden Seiten Vorurteile: Der Staat ist langsam und bürokratisch. Stiftungen machen, was sie wollen, sprechen Anschubfinanzierungen und dann muss der Staat übernehmen. Das sind die bestehenden Klischees. Dabei könnten wir die Vorteile beider Seiten zum Wohle der Gesellschaft nutzen. Die Abstimmung im Mai gab mir schon zu denken: Dass das vor allem privat getriebene Ozeanium dem staatlich finanzierten Naturmuseum gegenübergestellt wurde, fand ich sehr unglücklich.

Der Neubau des Kunstmuseums ist ja auch ein Beispiel des schwierigen Zusammenspiels. Frau Oeri spendet zwar 50 Millionen, am Ende reden aber alle über die fehlenden Betriebskosten.

Da ist sicher vieles schlecht gelaufen. Auch deshalb, weil man davon ausgegangen ist, dass die höheren Betriebskosten privat finanziert würden. Dabei gilt in der Schweiz ja eigentlich die Regel, dass der Staat den Betrieb garantieren muss.

Gibt es eine Institution, die zwischen den beiden Sphären vermittelt?

Unser Institut versucht da schon mitzuwirken. Es gibt den Verein Stiftungsstadt Basel, der seit eineinhalb Jahren versucht, mit dem Präsidialdepartement einen regelmässigen Austausch aufzubauen. Aber das ist auch nicht ganz einfach. Auf der einen Seite haben sie den Staat mit klaren Strukturen und auf der anderen eine Vielzahl unterschiedlichster Akteure, die man nicht alle über einen Leisten schlagen kann. Wir versuchen, all dem eine Sichtbarkeit zu geben, damit das Verständnis verbessert wird.

Ist die Tatsache, dass das Naturhistorische Museum staatlich finanziert wird das Ergebnis von zwölf Jahren links-grüner Regierung? Eine Reaktion auf die eher dem bürgerlichen Lager zugehörigen Mäzene?

Einerseits würde ich zustimmen: Etatisten mögen die Philanthropie nicht. Andererseits ist die Philanthropie keineswegs nur bürgerlich geprägt. Es gibt viele Stiftungen wie beispielsweise die Habitat, die keineswegs Auswüchse bürgerlicher Politik sind. Und mit Blick auf die USA sehen wir zwar eine starke, konservative Philanthropie, aber eben auch eine genauso finanzkräftige aus dem linken Lager. Aber zum konkreten Beispiel des Naturmuseums: Es ist natürlich auch einfacher für den Staat, ein solches aus einer Hand zu planen, ohne Rücksicht auf Wünsche anderer Geldgeber nehmen zu müssen.

Mittlerweile gibt es ja auch Beratungsformate für Menschen, die Stiftungen gründen wollen. Wie bestimmen Stiftungen ihren Zweck? Braucht es da neue Ideen?

Ja, gerade weil sich die Gesellschaft immer weiterentwickelt. Wir haben vor zehn Jahren eine Analyse für eine Stiftung gemacht, die andere Stiftungen im Bereich Migration suchte. Wir fanden damals keine einzige weitere Stiftung mit diesem Zweck. Mittlerweile gibt es viele Stiftungen zum Thema Migration. Allgemein kann man sagen, dass sich Stiftungen heute sehr stark nach aktuellen Trends und Themen orientieren, wie beispielsweise zur Flüchtlingskrise oder zum Klimawandel.

Sind die Stiftungen politischer geworden?

Sicher. Das war ja gerade ein Thema bei der Konzerninitiative. Es stellt sich die Frage, wie weit sich der gemeinnützige Sektor in die politische Debatte einbringen darf. In diesem Sinne sind die Philanthropie und das Stiftungswesen immer auch ein Abbild der Gesellschaft. Deshalb habe ich ein Problem, wenn gesagt wird, dieser Bereich sei undemokratisch. Philanthropie entsteht immer aus der Gesellschaft heraus.

Nehmen die Stiftungen die Gesellschaftsthemen vorweg oder nehmen sie diese auf?

Sie treiben sie mit an. Der Staat ist da immer langsamer. Es sind die privaten Akteure, die zuerst Impulse setzen, und die brauchen privates Geld. Nehmen wir die Friedens- oder die Umweltbewegung oder das IKRK: Das waren zu Beginn immer private Akteure mit privater Förderung. Der Staat kam immer hinterher. Oder nehmen wir als Beispiel den WWF, 1961 gegründet. Bis es das erste Amt für Umwelt gab, wurde es 1981. Aber der WWF könnte nie im selben Masse Umweltstandards durchsetzen, wie es der Staat kann.

Also sind Stiftungen auch Innovationstreiber?

Ja, aber sie sind natürlich auf Akteure angewiesen. Es hilft ja nichts, wenn sie Geld und eine Idee haben ohne Menschen, welche diese umsetzen. Umgekehrt braucht eine soziale Bewegung irgendwann Geld, um Strukturen aufzubauen. Aber damit ein Thema wirklich breit in der Gesellschaft verankert wird, muss es vom Staat aufgegriffen werden. In diesem Sinne können sich Staat und Philanthropie sehr gut ergänzen, wenn klar ist, was die jeweilige Seite leisten kann. Dazu braucht es Austausch.

Welchen Einfluss haben Grossstiftungen wie die CMS in Basel?

Die Stiftung hat ein Budget von 20 Millionen Franken. Damit deckt sie verschiedenste Bereiche ab. Alleine das Kulturbudget der Stadt beträgt 120 Millionen. Die CMS wird also nie den Kanton übernehmen!

Aber sie macht gutes Marketing.

Das ist etwas anderes. Wir nennen das Hebelwirkung und versuchen, das auch zu vermitteln: Wie kann eine Stiftung möglichst viel Wirkung pro eingesetztem Franken erzielen? Die aktuellen Ansätze der Philanthropie gehen in diese Richtung.

Was sind aus Ihrer Sicht besonders interessante oder zukunftsträchtige Stiftungsprojekte in Basel?

Bemerkenswert ist sicher die Edith-Maryon-Stiftung, die klein angefangen hat und heute ein Sozialunternehmen mit vielen verschiedenen Aspekten darstellt. Und was die Philanthropie in Basel immer wieder auf ein höheres Level hebt, ist das Engagement der Familien Oeri und Hoffmann. Diese beiden Familien haben für Basel schon unheimlich viel gemacht. Und das immer mit einer besonderen Exzellenz.

Das heisst, Sie sind mit Ihrem Fachgebiet am richtigen Ort?

Ich fühl mich hier wohl, ja!