Rotlicht
Ex-Prostituierte Angela Longhi: «V-Männer bringen überhaupt nichts»

Nur wenige kennen das Rotlicht-Milieu besser als sie: Über 30 Jahre arbeitete Angela Longhi im Kleinbasel als Prostituierte, bevor sie sich 2001 aus gesundheitlichen Gründen zur Ruhe gesetzt hat. Sie beklagt die Verrohung der Sitten im Milieu.

Hans-Martin Jermann
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Über das Kleinbasler Milieu hat Angela Longhi ein Buch geschrieben. Es ist reich an Anekdoten und persönlichen Einschätzungen.Martin Töngi

Über das Kleinbasler Milieu hat Angela Longhi ein Buch geschrieben. Es ist reich an Anekdoten und persönlichen Einschätzungen.Martin Töngi

Angela Longhi bezeichnet sich als «Basels dienstälteste Hure». Die 57-Jährige bereut nicht, dass sie sich bereits als Teenager für ein Leben am Rande der Gesellschaft entschieden hat. Ein Leben, das zwar von Abenteuer und Luxus, aber auch von Gewalt und Alkoholproblemen geprägt war. Eines bedauert Longhi im Interview mit der bz hingegen: dass sich das Milieu in eine falsche Richtung entwickelt hat und sich heute von der Polizei kaum mehr kontrollieren lässt.

Frau Longhi, Sie beklagen eine Verrohung der Sitten im Rotlicht-Milieu. Nun will der Basler Polizeikommandant Gerhard Lips mit versteckten Fahndern die illegale Prostitution bekämpfen. Das klingt nach einer begrüssenswerten Idee.

Angela Longhi: Natürlich ist das an sich eine gute Idee. Sie scheitert aber an der Ausführung. Wie wollen Sie einen V-Mann ins Milieu einschleusen? Jedem 100 Franken geben, damit er sich eine Prostituierte angeln kann? Eine Prostituierte erkennt auch einen Fahnder in zivil von Weitem. Das weiss ich aus eigener Erfahrung. Kommt hinzu, dass auch die Etablissements in der Regel sehr gut informiert sind. V-Männer bringen im Rotlichtmilieu nichts. Da haben sich die Büroheinis im Sicherheitsdepartement etwas ausgedacht, was nicht funktioniert.

Wie präsentiert sich die Szene heute?

Die Situation ist schlimm. Ich würde heute nachts nicht mehr alleine in die Ochsengasse gehen, wo ich früher gearbeitet habe. Das wäre mir zu gefährlich. Das Gebiet um die Weber- und Ochsengasse ist leider kein Ort zum Ausgehen mehr. Zudem ist der Markt kaputt. Für 50 Franken kriegt ein Freier Geschlechts- und Oralverkehr ohne Gummi. Das wäre zu meiner Zeit undenkbar gewesen. Kein Wunder, arbeiten auf der Gasse viele mit Aids und Geschlechtskrankheiten. Im Gegensatz zu Deutschland oder Holland gibt es in der Schweiz keinen vorgeschriebenen Gesundheitsausweis für Sexarbeiterinnen. Auf der Gasse in Basel schaffen vornehmlich Schwarze an, Kenianerinnen, Nigerianerinnen, die viel versprechen und nichts davon halten. Stammkunden gibt es dort – im Gegensatz zu privaten Studios – kaum mehr. Angesichts des Überangebots lässt sich auch kaum mehr Geld verdienen. Ausser vielleicht im «Klingeli». Dort hat es teilweise richtig schöne Frauen.

Wie verhält sich die Polizei?

Eine stärkere Polizeipräsenz im Milieu wäre angebracht. Viele Prostituierte schaffen illegal und unter grösstem Druck ihrer Zuhälter an. Doch die Gesetzeshüter haben Angst, sie kriegen aufs Maul. Das Kleinbasel ist zu einem schwarzen Fleck geworden, wo sich niemand die Hände schmutzig machen will.

Und das war früher anders?

Ja. Man kannte sich und es gab einen grossen Zusammenhalt auf der Gasse. Das ist heute leider nicht mehr der Fall. Ich hatte jedenfalls immer einen guten Draht zu den Polizisten. Wurde im Kleinbasel ein Krimineller gesucht, fragten sie mich, ob ich den Kerl gesehen hätte. Oft konnte ich ihnen helfen. Auch kamen einige Basler Polizisten privat zu mir und nahmen meine Dienste in Anspruch.

Stellen Sie die alten Zeiten nicht etwas gar rosig dar?

Ich bereue nichts in meinem Leben, obwohl ich einst wegen der Prostitution von der Schule flog. Ich habe immer ohne Zuhälter in meine eigene Tasche gewirtschaftet. Zu meinen besten Zeiten verdiente ich bis zu 30000 Franken – pro Tag. Ich habe das freie Leben genossen und konnte mir zur Hochkonjunktur in den 80er-Jahren einen Lebensstil leisten, den es heute nicht mehr gibt. Da liess ich mich schon mal für ein Zmorge mit dem Taxi nach Zürich chauffieren. Oder ich schenkte meinem Freund zum Geburtstag einen Porsche. Leider habe ich den 90er-Jahren wegen Fehlinvestitionen mein Vermögen verloren und muss nun jeden Rappen zweimal umdrehen.

Haben Sie je versucht, in der bürgerlichen Berufswelt Fuss zu fassen?

Ja. Einmal in den 80er-Jahren sagte ich mir: «Jetzt reichts mit der Prostitution», und ich habe im Läggerlihuus eine Stelle angetreten. Allerdings blieb ich nur drei Wochen. Mit dem Aufstehen am Morgen hatte ich keine Probleme. Aber damit, mich in ein starres Schema einzufügen. Jeden Tag um eine bestimmte Zeit im Geschäft zu stehen, zu einer fixen Zeit die Znüni-Pause zu haben – das ist nicht mein Ding.