Vergiftung

Fall des toten 15-Jährigen: Jugendliche sorgen sich um die Gefahr einer Überdosis

«Kokain ist im Umlauf, und das zu einem Preis, welcher erschwinglich geworden ist», so Daniel Wenger von den Jugenddiesten BL

«Kokain ist im Umlauf, und das zu einem Preis, welcher erschwinglich geworden ist», so Daniel Wenger von den Jugenddiesten BL

Nach dem Tod des 15-Jährigen geht die Rechtsmedizin von einer Vergiftung aus.

Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt ist in den Ermittlungen rund um den Tod des am 5. Oktober verstorbenen 15-Jährigen einen Schritt weiter gekommen. Noch ist die Todesursache nicht abschliessend geklärt. «Das Institut für Rechtsmedizin geht jedoch von einer Intoxikation aus», schreibt Peter Gill, Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft, auf Anfrage.

Dass der Junge an einer Vergiftung gestorben sein könnte, wurde schon länger angenommen. Gegenüber dem «Blick» erzählten seine Freunde, dass er einen Cocktail aus verschiedenen Substanzen, darunter Xanax, Hustensaft und LSD, getrunken habe. Seit einiger Zeit scheint der Drogenkonsum von Jugendlichen in der Region dramatisch zuzunehmen.

Es wird immer einfacher, an Drogen zu kommen

Dennis Kuyper ist der Leiter des Jugendzentrums Lavater in Birsfelden. Dort gehen täglich bis zu 70 Jugendliche ein und aus. Sie sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Die allermeisten von ihnen konsumieren selbst keine Drogen, aber sie erzählen von Freunden, die es tun.

«Seit rund zwei Jahren hören wir dabei manchmal von Jugendlichen, die nicht nur Cannabis, sondern auch Benzodiazepine nehmen oder andere Medikamente missbrauchen. Im vergangenen Jahr hat sich die Thematik nochmal etwas verschärft», sagt Kuyper.

Auch dem Kriminalpolizisten und stellvertretenden Leiter des Jugenddienstes des Kantons Baselland, Daniel Wenger, war die Thematik bekannt. Das Ausmass des aktuellen Falls überraschte ihn dennoch.

«Dass Jugendliche Cocktails mit Hustensaft und Sprite konsumieren, war mir schon bekannt, aber dass da noch viel mehr an Drogen reingemischt wird, habe ich zwar vermutet, es schockiert mich jedoch schon ein bisschen.»

Diese Mischungen seien ein grosser Teil des Problems, sagt Kuyper. Denn wer verschiedene Substanzen mische, habe kaum noch Kontrolle über die Wirkung in seinem Körper. «Die Gefahr, dann an einer Überdosis zu sterben, ist gegeben», so Kuyper.

Wenn die Jugendlichen im Jugendzentrum Lavater von Freunden erzählen, die Xanax oder Tilidin konsumieren, sind sie sehr besorgt. Sie wollen ihren Kollegen helfen, aber niemanden verpfeifen. Sozialarbeiter Kuyper spricht dann mit den jungen Menschen und rät ihnen, ihren Freunden zu helfen, indem sie sich an offizielle Stellen wie die Suchtberatung wenden.

Viel laufe im Verborgenen 

Er weiss aber auch: «Die Angst vor rechtlichen Konsequenzen und die Befürchtung, dass die Eltern über den Konsum informiert werden, ist sehr gross.» Von einigen Fällen erfahren die Sozialarbeiter und Polizisten aber auch nie: «Ich bin immer noch überzeugt davon, dass viel im Verborgenen läuft! Eine gewisse Dunkelziffer bezüglich des Konsums von Benzodiazepine ist einfach da», so Wenger.

«Gib mir Tilidin, ja ich könnte was gebrauchen», rappen Capital Bra und Samra. Sie wirken als Vorbilder für Jugendliche und verherrlichen in ihren Texten den Konsum von harten Drogen. «Solche Songs sind sicher nicht der einzige Auslöser für junge Menschen, Tilidin zu konsumieren, aber zusammen mit einem schwierigen sozialen Umfeld, kann es schon negative Auswirkungen haben», so Kuyper.

Neben dem Medikamentenmissbrauch sei der Konsum von Cannabis immer noch stark verbreitet – die Konsumenten würden immer jünger, erzählt Wenger. Hinzu komme, dass sich das Cannabis verändere. Aus seinen Erfahrungen weiss Kuyper, dass der THC-Gehalt im Cannabis in den letzten Jahren von 9 auf 20 Prozent und mehr angestiegen ist. Ausserdem wird zurzeit mit synthetisch hergestelltem Marihuana gedealt (die bz berichtete).

Leichtere Beschaffung, erschwingliche Preise

Im Gespräch mit Wenger erzählen einige Jugendliche auch, dass sie Kokain konsumieren. «Kokain ist im Umlauf, und das zu einem Preis, welcher erschwinglich geworden ist», so Wenger. Die Beschaffung der Medikamente beschreibt auch Sozialarbeiter Kuyper als weitere Problematik.

Für Jugendliche sei es oft keine Schwierigkeit, an die Medikamente zu kommen – sei es im Park oder im Internet. «Hinzu kommt, dass sich die Pillen viel einfacher schmuggeln lassen als beispielsweise Cannabis. Sie sind so klein, dass man sie bei einer Kontrolle einfacher verstecken kann als viele andere Drogen.»

Um den Drogenkonsum bei Jugendlichen zu verhindern, gibt es zahlreiche Präventionsangebote

Das Blaue Kreuz beider Basel führt das obligatorische Angebot talk@about seit fünf Jahren auf allen Schulstufen durch. Der Drogenkonsum ist dabei ein wichtiges Thema. «Sicherlich ist die Präsenz und Verfügbarkeit der Substanzen eine andere. Die Schülerinnen und Schüler bekommen dies mit, es beschäftigt sie und sie stellen uns Fragen», so die Projektleiterin Rea Ammann.

Trotz den teilweise dramatischen Entwicklungen halten sowohl Wenger als auch Kuyper fest, dass die Gruppe Jugendlicher, die harte Drogen konsumiere, klein sei: «Die Mehrheit der Jugendlichen ist meines Erachtens ohne Drogen und somit gut unterwegs», so Wenger.

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