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Respekt statt Rebellion am diesjährigen Jugendkulturfestival

Das Basler JKF zeichnete am Wochenende das Bild einer kreativen und rücksichtsvollen Jugend. An zwei Tagen gab es viel zu entdecken.

Stefan Strittmatter
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Das abgesperrte Gelände um das Sommercasino erreichte an beiden Tagen des JKF früh seine Kapazität.

Das abgesperrte Gelände um das Sommercasino erreichte an beiden Tagen des JKF früh seine Kapazität.

Roland Schmid

Woher kommt nur diese Engelsgeduld? Seit einer geschlagenen Stunde hat sich die Schlange, die sich vom Eingang des Sommercasinos (SoCa) über die Denkmal-Treppe bis zur Strasse hinunter erstreckt, keinen Milli­meter bewegt. Für die geschätzt 300 Jugendlichen bedeutet das Jugendkulturfestival (JKF) am Freitagabend vor allem: Warten.

Waren die JKF-Bühnen bislang frei zugänglich, so muss das dienstälteste Schweizer Festival für Jugendkultur im Corona-Jahrgang erstmalig auf Abschrankungen und Eintrittskontrollen setzen. Der Besuch der Musik-, Theater-, Tanz-, und Kunstevents bleibt zwar gratis, aber neben einem Covid-Zertifikat braucht es spätestens nach 21 Uhr auch viel Geduld.

Geordnete Schlange vor dem SoCa

Auch am Samstag gibt es zu diesem Zeitpunkt bereits kein Hereinkommen mehr beim SoCa. Von den Securitys am Einlass erfährt man, dass das Gelände voll sei – eine Information, die man den geordnet wartenden Hundertschaften durchaus ­hätte über ein Megafon mitteilen können oder müssen. Zumal die anderen Spiel­orte – das Humbug mit dem umgebenden Areal, die Offene Kirche Elisabethen oder die Kleine Bühne des Theater Basel – noch Kapazitäten aufweisen.

Ein absurder Bruch zwischen den wartenden Massen, dem gut gefüllten Park beim SoCa und dem Geschehen vor der Hauptbühne im Saal zeigt sich am Samstag beim Auftritt von Gentle Beast. Die fünf­köpfige Stonerrocktruppe ist kurzfristig für die ausgefallenen Echolot ins Programm gerutscht. Dass sie ihr Konzert vor einem knappen Dutzend Zuschauerinnen und Zuschauer beginnen müssen, ist alleine damit jedoch nicht zu erklären. Denkbar ist, dass Rock härterer Gangart – und im Falle von Gentle Beast gerät er ebenso wuchtig wie ­variantenreich – bei der jungen Generation nicht mehr auf Anklang stösst.

Gentle Beast mussten im SoCa-Saal ihren Stonerrock vor relativ wenigen Zuschauerinnen und Zuschauern abfeuern.

Gentle Beast mussten im SoCa-Saal ihren Stonerrock vor relativ wenigen Zuschauerinnen und Zuschauern abfeuern.

Roland Schmid

Die im Anschluss aufspielenden Nomuel – um ein paar Jahre jünger und in der Ausrichtung deutlich sanftmütiger – werden jedenfalls von einer johlenden Menge empfangen. Selbst beim Soundcheck erntet das Quartett Beifall. Dabei könnten die sympathischen Jungs gerade hier noch Einiges optimieren – alleine schon, um nicht wegen der Verzögerung beim Umbau so viel Spielzeit einzubüssen.

Ihre Songs wiederum dürfen den Charme des Ungeplanten gerne behalten. Die eingängigen Pop-Melodien klingen auch deshalb so frisch, weil man der Band anmerkt, dass sie ihr Repertoire nicht zu Tode geprobt und bis ins Detail aus­arrangiert hat. Dazu passt, dass sich die Musiker zu keinem Zeitpunkt selber abfeiern – im Gegenteil: Man feiert eine Party auf Augenhöhe mit dem Publikum.

Bei Nomuel wiederum gab es bereits beim Soundcheck Beifall.

Bei Nomuel wiederum gab es bereits beim Soundcheck Beifall.

Roland Schmid

Etwas Straffung hätte man sich indes am Freitag auf der kleinen Bühne des Theaters gewünscht. Die je nach Zählweise fünf- bis sechsköpfige Truppe Glitzerteer spielt vor vollem Haus die Premiere ihres selbst geschriebenen Stücks «Wartezimmer aufs Leben». Das karge Bühnenbild ist bestechend und die schauspielerische Leistung zwischen sehr solide und herausragend. Grossartig sind auch die tänzerischen Einlagen, bei denen man zuweilen um das körper­liche Wohl der Darstellerinnen und Darsteller bangt.

Einzig beim Text hätte die eine oder andere Streichung für mehr Drive gesorgt – wenngleich ein Stück über das Warten natürlich bewusst mit Längen spielen darf. Auch hier zeigt sich beim grösstenteils jugendlichen Publikum Gelassenheit und ehrliches Interesse an der Darbietung. «Wartezimmer aufs Leben» funktioniert ohne Anbiederung und mutet an wie die reifere Version von Woody Allens Spermium-Vignette aus «Everything You Always Wanted to Know ­about Sex». Einen Lacher kann das Theaterstück gegen Ende dennoch verbuchen: Beim Sinnieren darüber, was für ein Leben wohl auf sie warte, malt sich eine der Figuren ein Horror­szenario aus: «Das Schlimmste, was passieren ­könnte, wäre ein Leben in ... Sissach!»

In der Padelhalle des Klybeck-Areals feierte das Kollektiv Schleuse seine «Bahnbrechende Innovation».

In der Padelhalle des Klybeck-Areals feierte das Kollektiv Schleuse seine «Bahnbrechende Innovation».

Roland Schmid

So weit aus der Stadt heraus musste das JKF nicht gehen, um die Coronamassnahmen umzusetzen. Doch trieb der Wegfall des bisherigen Epizentrums um Barfüsser- und Theaterplatz (Orte, die nicht abgesperrt werden können) das Festival in die Peripherie der Stadt. Mit dem Effekt, dass die Massen bleiben, wo sie sind, statt von Bühne zu Bühne zu pendeln. Zu weit liegen die Pole SoCa und Humbug voneinander entfernt.

Spannende Entdeckung im Humbug

Ebendort, also im Kleinbasler Humbug, gibt es am frühen ­Freitag mit Anouchka Gwen ein spannendes Jungtalent zu entdecken: Mit grosser Gelassenheit und noch grösserer Stimme macht die Musikerin bei ihrem Soloauftritt grosse Lust auf das für Herbst angekündigte Album. Insbesondere ihr von ätherischen Stimmen getragener Neo-Soul-Wurf «Lovin» weiss sehr zu gefallen.

Jugendkulturfestival Basel JKF. Sommercasino, Warteschlange.

Jugendkulturfestival Basel JKF. Sommercasino, Warteschlange.

Roland Schmid / LMD

Alles andere als verträumt gestaltet sich am Samstag nach Mitternacht die Show von Was Ghetto im SoCa: Genre-typisch geht es bei der angesagten Rap-Crew härter zur Sache, wobei auch hier ein gesundes Mass an Selbstironie spürbar bleibt. Und ehe die mitreissende Truppe in einem ihrer vom Publikum lauthals mitgesungenen Refrains «Mir mache alles kaputt!» skandiert, mahnen die MCs dazu, im Publikum beim Tanzen und Pogen aufeinander aufzupassen: «Respäkt isch ä sehr wichtigi Komponänte.»

Dass das mehr ist als eine ­leere Floskel, haben die rund 7000 Besuchenden des JKF – so die erste Schätzung der Veranstalter – an diesem Wochenende eindrücklich bewiesen.

Die One-Man-Band Mono Mojo gefiel im Keller des Sommercasinos mit zeitlosen Songs.

Die One-Man-Band Mono Mojo gefiel im Keller des Sommercasinos mit zeitlosen Songs.

Roland Schmid

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