Filmmusik
Fred Frith zur Zusammenarbeit mit der Basler Filmemacherin Johanna Faust: «Ich wollte ihren Prozess spiegeln»

Der britische Musiker Fred Frith hat den Soundtrack zu «I’ll be Your Mirror» der Basler Filmemacherin Johanna Faust beigesteuert.

Stefan Strittmatter
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Spiegelnde Brille, reflektierter Brite: Fred Frith hat in seiner Musik den Entstehungsprozess des Filmes aufgegriffen.

Spiegelnde Brille, reflektierter Brite: Fred Frith hat in seiner Musik den Entstehungsprozess des Filmes aufgegriffen.

zvg / Heike Liss

Der britische Gitarrist und Komponist Fred Frith ist eine Grösse der Improvisation und Avantgarde. Bekannt ist er für seine Solokonzerte, bei denen er sein Instrument mit Ketten, Bällen und Geigenbögen traktiert. Frith war Mitglied von Bands wie Massacre, Skeleton Crew oder John Zorns Naked City und ist auf über 400 Alben und Soundtracks zu hören. Er war als Dozent an mehreren Schulen ­tätig, zuletzt zehn Jahre lang an der Basler Musik-Akademie. Der 72-Jährige lebt in Kalifornien.

Mit dem Stück «Failing Better» hätten Sie sich im März 2020 musikalisch von Basel verabschiedet. Fehlt dem Kapitel Frith/Basel nun wegen Corona das Ende?

Fred Frith: Es wäre ja nicht mein Abschied von Basel gewesen, lediglich jener von der Musik-­Akademie, wo ich nun in Pension gegangen bin. Aber ich bin seit den Achtzigerjahren ziemlich regelmässig in Basel aufgetreten und gedenke, dies auch weiterhin zu tun. Aber Sie haben Recht: Corona hat uns da schon einen Strich durch die Rechnung gemacht. Am einen Tag durften wir noch in Zürich spielen, und schon am Folgetag in Basel musste alles abgesagt werden.

Also ein klangloser Abgang?

Ja, aber ich stehe noch immer in Kontakt mit den meisten meiner ehemaligen Schülerinnen und Kollegen. Viele von ihnen zähle ich zu meinen Freunden. Da ist es nicht so schlimm, wenn man sich am Ende nicht verneigt.

Sie sind ein Meister der Improvisation. Hat Sie das auf die Pandemie vorbereitet?

Am letzten Tag vor dem Lockdown habe ich mich mit meinen Schülerinnen und Schülern getroffen und wir sind zum Schluss gekommen, dass der einzige Weg durch diese Situation einen Fokus auf Soloarbeiten bedingt. Danach haben wir drei Monate lang nur über Zoom gearbeitet, und das war lustigerweise die intensivste Lehrzeit, die ich je erlebt habe. Die Studierenden haben Grossartiges geleistet und ihre eigenen Stimmen gefunden.

Corona als Lehrer?

Ja! Es ist ein Paradox, aber ich denke, dass wir gemeinsam nicht so weit gekommen wären wie in der Isolation.

Mit dem Film «I’ll be Your Mirror», zu dem Sie die Musik beigesteuert haben, sind Sie bereits wieder in ein Basler Projekt involviert. Wie kam das zu Stande?

Die Filmemacherin Johanna Faust und ich haben gemein­same Freunde. Also hat sie mir bei einer Tasse Kaffee ihre Pläne erklärt, und die haben mich sehr inspiriert. Die Arbeit am Soundtrack war intensiv, ich wollte den richtigen Zugang finden.

Haben Sie auf Improvisation oder Komposition gesetzt?

Ich denke nicht in diesen Kategorien. Das Wichtigste bei dem Prozess waren die Gespräche mit Johanna. Ich wollte ihre Intention und Gedankengänge, so gut es geht, verstehen. Ich wollte bei der Erschaffung der Musik gleich vorgehen wie sie, ich wollte ihren Arbeitsprozess spiegeln. Wie darf man sich das ­konkret vorstellen? Ein Thema, das sich in Johannas Erzählung herauskristallisiert hat, ist beispielsweise: «Ich werde nicht gehört.» Also habe ich die Musikerinnen und Musiker bei der Aufnahme so platziert, dass sie sich gegenseitig nicht hören konnten. Ein anderes Muster war: «Ich wiederhole das immer gleiche Verhalten.» Also habe ich eine Melodie mehrfach überlagert.

Geben Sie uns bitte weitere Beispiele.

Ein weiteres Thema des Filmes ist: «Ich lerne, mich auszudrücken.» Also habe ich eine Melodie auf einer Geige eher schlecht eingespielt – ich bin schliesslich kein Geiger – und diese dann von der begnadeten Ada Gosling, die auf all meinen Soundtracks spielt, doppeln ­lassen. Daraus entstand eine eigenartige Gegenüberstellung ein und derselben Melodie mit zwei verschiedenen Stimmen. Eine Spiegelung eben.

Lassen Sie sich bei diesem konzeptionellen Zugang nur von den Vorgesprächen leiten oder auch von den Stimmungen der Bilder?

Meiner Arbeit lag stets das Gespräch zugrunde. Aber wenn das Konzept steht, dann reagiere ich natürlich auch auf Bilder, Geräusche und Stimmen. Filmmusik funktioniert nur, wenn man ein Gespür hat für das Tempo einer Szene.

Und wann darf man Sie wieder in Basel begrüssen?

Sehr bald: Im Juni zeigt Heike Liss, meine bessere Hälfte, ihre Fotoausstellung in Basel. Auch das musste wegen Corona um ein Jahr verschoben werden. Und ein paar Tage später wohne ich den Konzerten einiger meiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler bei. Sie sehen also: Die Geschichte geht weiter.

«I’ll be Your Mirror» von Johanna Faust.
Kult Kino. Vorerst bis 26.5., tägl. um 16.20 Uhr, am 23.5. auch 12.15 Uhr.
www.kultkino.ch
«The Movie I Will Never Make» von Heike Liss.
Lotsremark Projekte, Klybeckstrasse 170. 5.6. bis 10. 7.
www.lotsremark.net