Fotografie
Zum Schiessen: Baselbieter Maibräuche im Bild

Die meisten Bannumgänge fallen schon zum zweiten Mal aus – für Nostalgiegefühle gibt es das Archiv des Liestaler Fotografen Theodor Strübin.

Hannes Nüsseler
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Vom Treffen der Schweizerischen Trachtenvereinigung nach Liestal gebracht: Bändelitanz, 1953.
8 Bilder
Da wurden sie noch mit echten Seidenbändern geschmückt: Maibaum beim Rössliplatz in Füllinsdorf, 1944.
Am Banntag sollten sich die Buben die Marksteine mit Gewehschüssen merken - oder mit Ohrfeigen.
Unter sich: Liestaler Banntägler beim Znünihalt, 1952.
Dieses Bild dürfte die Ausnahme gewesen sein: Znünihalt am Banntag in Seltisberg, 1949.
Und diese Aufnahme die Regel: Zwischenverpflegung am Bannumgang in Münchenstein, 1951.
Unter sich: Liestaler Buben mit Auffahrtswecken in der Rathausstrasse, 1946.
Zwei Jahre später bekommen auch die Mädchen ihren Lohn - das Seilziehen geht weiter.

Vom Treffen der Schweizerischen Trachtenvereinigung nach Liestal gebracht: Bändelitanz, 1953.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Tradition trifft auf Technologie: Für den Baselbieter Fotografen Theodor Strübin (1908–1988) muss es reizvoll gewesen sein, 1953 den Liestaler «Bändelitanz» rund um den Maibaum in Farbe festzuhalten. Viel früher hätte er die archaisch anmutende Szene aber auch nicht ablichten können, wie Volkskundler Eduard Strübin klarstellt: Der Tanz wurde erst 1948 nach einem Treffen der Schweizerischen Trachtenvereinigung in Liestal eingeführt. Der Ethnologe spricht von «Folklorismus», aber auch von der Lebensfreude, die darin ihren Ausdruck findet.

Wesentlich älter ist der Maibaum selbst, der sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Das Aufstellen von Tannen vor Häusern und als Brunnenschmuck war im Baselbiet um 1700 sogar so verbreitet, dass die Obrigkeit den Brauch zum Schutz des Waldes untersagte. Zwischen den Dörfern gab es regelrechte Fehden, bei denen die mit Seidenbändern geschmückten Maibäume entwendet wurden. Das 150-Jahr-Jubiläum des Landkantons zu Beginn der 1980er-Jahre verlieh dem Brauch eine politische Note, erinnern die Tännchen doch an Freiheitsbäume.

Nicht minder alt ist das Umschreiten der Gemeindegrenzen an Auffahrt, der Bannumgang. Ursprünglich diente er rechtlichen und religiösen Zwecken: Bis zur Reformation wurden der Flur- und Wettersegen erteilt. Im Baselbiet hat sich der Banntag als profanes Volksfest ohne Unterbruch bis in die Gegenwart erhalten. Ziel war es ursprünglich, den Verlauf der Grenzen mangels Karten festzulegen. Auf das Versetzen von Grenzsteinen stand noch bis 1821 das Zuchthaus. Und wer der Gerichtsbarkeit entging, so der Volksglaube, musste im Fegefeuer büssen.

Banntag, Znünihalt, Seltisberg, 1949.

Banntag, Znünihalt, Seltisberg, 1949.

Theodor Strübin / Archäologie Und Museum Baselland

An den Grenzkontrollen nahmen nicht nur Beamte teil, sondern auch «etliche alt- und junge ehrbare Personen». Wer sich vor dem jährlichen Kontrollgang drückte, musste gemeinnützige Arbeit verrichten; Frauen waren von der Pflicht befreit. Seit den Trennungswirren 1833 war es üblich, Grenzsteine mit Pistolenschüssen «in Erinnerung» zu rufen. Mancherorts bekamen Buben auch Ohrfeigen, die sie an den Standort der Steine erinnern sollten: Immerhin galt es, Händel mit den Nachbargemeinden zu verhindern.

Nach dem Vermessen und Kartografieren der Gemeindegrenzen verloren die weinseligen Bannumgänge ihre Bedeutung. Sie wurden abgeschafft – oder neu erfunden: Aus einem Bürger- wurde ein Gemeindefest, das auch Zugezogene ansprach. Als Strübin seine Aufnahmen Mitte der Fünfzigerjahre macht, ist dieser Öffnungsprozess in vollem Gang. In Liestal sind die Frauen allerdings nicht mitgemeint, sie werden nur an den Verpflegungsstationen geduldet.

Da ist dem Männerbanntag der Uffert-Wegge um 70 Jahre voraus: Seit 1948 bekommen sowohl die Liestaler Buben wie auch die Mädchen als Belohnung für ihre Teilnahme am Banntag einen frischen Wecken – und keinen alten Zopf.

Eduard Strübin: «Jahresbrauch im Zeitenlauf», Verlag des Kantons Basellandschaft, 1991. Mehr Fotografien von Theodor Strübin im Kulturgüterkatalog des Museumverbunds Baselland: www.kimweb.ch.