Frauenstreik
«Meine Vulva ist systemrelevant»: Frauen demonstrieren für Gleichstellung

Zwei Jahre nach dem historischen Frauenstreik 2019 und zum Jubiläum zu 50 Jahren Frauenwahl- und Stimmrecht gehen die Frauen in Basel wieder auf die Strasse.

Elodie Kolb
Merken
Drucken
Teilen
Etwa 150 Streikende versammelten sich am Mittag auf der Kaserne.

Etwa 150 Streikende versammelten sich am Mittag auf der Kaserne.

Nicole Nars-Zimmer

Bereits am frühen Morgen starteten Frauen und Verbündete auf der Kreuzung vor der Johanniterbrücke den Frauenstreik: Bei einem Sit-in blockierten sie laut Justiz- und Sicherheitsdepartement den Verkehr für rund 45 Minuten. Daraufhin hätten sich die Teilnehmerinnen der Kundgebung in Richtung St.-Johann-Park bewegt, wo sich die Gruppe dann auflöste. Im Laufe des Vormittags versammelten sich dann Unterstützerinnen und Unterstützer auf der Kaserne. Sie sassen in kleineren Grüppchen im Schatten und präsentierten erste Transparente. «Meine Vulva ist systemrelevant», haben junge Frauen auf einem Schild festgehalten. Zwischen den Bäumen wurden Plakate aufgehängt mit den Forderungen. Darunter: «Lohngleichheit für alle!» und «One Struggle one Fight».

Rund 150 Personen waren es gegen den Mittag. Viele haben sich passend gekleidet und tragen violette Shorts, T-Shirts und Badges am Shirt. Die aufgestellte Bühne wurde abgesperrt, die weissen Plastikstühle in der Prallen Sonne waren mehrheitlich leer. Mit Wäscheklammern, sollte die Anzahl Menschen auf 300 beschränkt werden, nötig war das noch nicht. Eine grössere Gruppe Menschen sass im Kreis und diskutierte angeregt. Einige Männer versammelten sich, um sich den gesamten Tag um die Kinderbetreuung zu kümmern.

Die bz hat sich auf der Kaserne umgehört und mit Streikenden und Unterstützern gesprochen.

Nathalie von Tscharner.

Nathalie von Tscharner.

Nicole Nars-Zimmer

Nathalie von Tscharner (30):

«Ich bin heute hier, weil ich vor zwei Jahren ­– 2019 – schon da war. Feminismus ist mir ein grosses Anliegen, weil wir die Gleichberechtigung einfach noch nicht erreicht haben. Es gibt an jeder Ecke noch etwas zu tun, darunter beispielsweise beim Thema Care-Arbeit.»

Matilda Maderni (22):

Matilda Maderni.

Matilda Maderni.

Nicole Nars-Zimmer

«Es ist unser Tag heute und es gibt viele Aktivitäten. Ich möchte gerne Menschen treffen und auf die Anliegen aufmerksam machen. Ich möchte nicht in einer Welt arbeiten, wo ich nicht gleichviel Lohn bekomme wie die Männer und auch von den ständigen Übergriffen auf der Strasse habe ich genug!»

Dorette Paraventi (46):

Dorette Paraventi.

Dorette Paraventi.

Nicole Nars-Zimmer

«Ich bin hier von der Buchhandlung Annemarie Pfister, die erste Schweizer Buchhandlung von Frauen und mache einen Büchertisch. Ich finde es toll, hier zu sein, ist auch ein wichtiges Anliegen. Ich hoffe, dass wir durch den heutigen Frauenstreik mehr Gehör bekommen, es hat sich seit 2019 auch viel verändert. Andere Minderheiten und Gruppen sind in den Vordergrund getreten, die auch gehört werden sollen».

Rosmarie Wydler-Wälti (70):

Rosmarie Wydler-Wälti.

Rosmarie Wydler-Wälti.

Nicole Nars-Zimmer

«Ich bin Ökofeministin und das schon seit den 1970er-Jahren. Ich finde, die Themen Klimaschutz und Feminismus müssen mehr verbunden werden. Ich hoffe am heutigen Tag als Klimaseniorin auch darauf aufmerksam zu machen, und den Leuten zu zeigen, dass zwischen den Themen ein Zusammenhang besteht. Und ich finde es wichtig, dass auch Männer eingebunden werden. Durch Care-Arbeit erhalten sie oft einen besseren Einblick. Achtsamkeit gegenüber Menschen und Umwelt, das ist wichtig.»

Lisa Kwasny (25):

Lisa Kwasny.

Lisa Kwasny.

Nicole Nars-Zimmer

«Ich bin hier, weil ich eine bessere Zukunft will. Und zwar für alle. Und den Feminismus halte ich für einen Weg, der sich dafür einsetzt. Es geht auch nicht nur um Frauen, sondern vor allem gegen das Patriarchat. Ich bin heute hier, um darauf aufmerksam zu machen, wo überall noch etwas fehlt. Wie beispielsweise in der Care-Arbeit: Der bezahlten und der unbezahlten: Erstere muss besser entlöhnt werden und auch die zweite muss entlöhnt werden. Aber das ist nur etwas von den vielen Dingen, die sich verändern müssen».

Nils Lukes.

Nils Lukes.

Nicole Nars-Zimmer

Nils Lukes (24):

«Ich bin heute hier, um die streikenden Frauen zu unterstützen, indem ich ihnen mit anderen Männern die Care-Arbeit abnehme. Ich fühle mich solidarisch. Ich wünsche mir generell mehr Anerkennung für die Care-Arbeit. Besonders auch die AHV-Erhöhung finde ich nicht gut, weil Frauen sowieso schon so viel arbeiten und auch Altersarmut insbesondere ein Frauenthema ist.»

Die eigentliche Demonstration begann um 18.00 Uhr. Hierzu versammelten sich mehrere tausend Streikende im De Wette-Park. Polizisten waren mit Dialogteams vor Ort. Ansonsten gab es keine grosse Polizeipräsenz. Die meisten Anwesenden hielten sich an die geltende Maskenpflicht. Der Demonstrationszug lief via Elisabethenstrasse zum Barfüsserplatz, die Polizei sperrte derweil die Freie Strasse ab.

17 Bilder

Helena Krauser

Von der Küche ins Parlament

Am Vorabend des Frauenstreiks am Montag zeigte das «Frauennetzwerk beider Basel» der Parteien Grüne, Junges Grünes Bündnis und Basta den Film «De La Cuisine au Parlement Edition 2021» in Liestal. Stéphane Goël zeichnet darin den langen Weg der Schweizer Frauen bis zum Wahl- und Stimmrecht nach. Mit viel Wortwitz zeigt er tragikomische Szenen der letzten 150 Jahre und lässt Expertinnen und Politikerinnen zu Wort kommen. Thematisiert wird der niederschmetternde Kampf um das Stimm- und Wahlrecht der Frauen, das vom Gutwillen der stimmberechtigten Männer abhängig war und dementsprechend oft scheiterte: «Die Männer entscheiden, ob sie die Frauen an der Urne dulden», heisst es im Film. Dies wird überspitz illustriert: Für jedes «Nein» in der Schweiz erscheint auf dem Bildschirm in schwarz und violett ein dickes «Nein», «non» und «no».

Vor 50 Jahren schliesslich war es soweit, die Frauen durften auch an die Urnen. Doch damit endete der Kampf um die Gleichstellung nicht. Auch 2021 gehen die Frauen noch auf die Strassen, um für Gleichberechtigung zu kämpfen. Wie die Grüne-Ständerätin Maya Graf zwischen den beiden Filmvorführungen am Sonntag bemerkte: «Wenn jemand aufstehen und weitermachen kann, dann sind es die Frauen in diesem Land».