Landzunge und Stadtmund

G wie Gastfreundschaft

«Es wäre mir ein Anliegen, Ihnen etwas anzubieten. Ich habe Leitungswasser und ‘ne halbe Mandarine.»

«Es wäre mir ein Anliegen, Ihnen etwas anzubieten. Ich habe Leitungswasser und ‘ne halbe Mandarine.»

Eva Oberli leistet nach bestandener Matur Landdienst auf dem elterlichen Bauernhof.

Gäste empfangen oder zu Gast sein. Das ist ein wichtiger Teil unseres Soziallebens, von dem wir uns Geselligkeit, gute Gespräche und einen schönen Abend in vertrauter Umgebung versprechen. Wäre da nicht die Klausel der Gastfreundschaft, die allerlei Regeln und Pflichten mit sich bringt, wie man sich als Gastgeberin zu verhalten hat. Die Einen befolgen jede einzelne Vorschrift, die Anderen boykottieren jede einzelne. Daher teile ich Gastgeber grob in zwei Typen ein:

Typ 1 hat das Gastgeber-Game voll im Griff. Da steht nicht nur eine Auswahl an gekühlten Getränken stets bereit, sondern auch die passenden Gläser, ein unerschöpflicher Vorrat an Eiswürfeln, und ein voll aufgeladener Bluetooth- Lautsprecher für die musikalische Untermalung. Typ 1 fragt gerne Sachen wie: «Möchtest Du lieber einen Schuss Grenadine oder eine Scheibe rosa Grapefruit in Deinen frischgepressten Blutorangensaft?» Kann überfordern.

Typ 2 ist viel simpler. Bei ihm trinkt man entweder aus einer Blumenvase oder aus einem ausgespülten Senfglas. Man braucht nicht zwischen Grenadine und Grapefruit entscheiden, weil die Wahl stets auf jenes Getränk fällt, das in der Packung noch nicht Unheil versprechend raschelt. Dieser Typ wurde treffend von Judith Wessendorf mit den Worten beschrieben: «Es wäre mir ein Anliegen, Ihnen etwas anzubieten. Ich habe Leitungswasser und ‘ne halbe Mandarine.»

Ich sehe mich als Typ 2, der ambitioniert versucht, ein Typ 1 zu werden. Oder um im Bild der Zitrusfrüchte zu bleiben: Ich bin eine halbe Mandarine, die versucht, eine rosa Grapefruit zu spielen. Klappt insofern, als dass ich meinen Gästen das Leitungswasser mittlerweile in Kristallgläsern und mit einem Pfefferminzzweiglein garniert vorsetze.

Aber trotzdem google ich noch immer alle Weine, die ich im Keller vertikal gelagert vorfinde und gewissenhaft vor dem Eintreffen der Gäste dekantiere, um mich von önologischen Revues inspirieren zu lassen. In der Hoffnung, dass ich in einem Cabernet Sauvignon mehr schmecke als «Naja, Rotwein halt». Ist das nötig? Nein.

Abgesehen davon, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass 7 von 10 Weintrinkern nur so tun, als wären ihre Geschmacksknospen tatsächlich in der Lage, in vergorenem Traubensaft grüne Paprika, Rosen oder erdige Töne zu schmecken – ist es doch im Grunde irrwitzig. Ich könnte einfach ehrlich sein und sagen: «Bei mir gibt’s Leitungswasser! Hat einen mineralischen Körper, dominiert von Kalzium, devoterem Hydrogencarbonat und im Abgang schmeckst Du vielleicht sogar noch ein bisschen Pflanzenschutzmittel aus dem Grundwasser. Gediegen, nicht?»

Dann bräuchte ich nicht den halben Abend mein Rotweinglas anzustarren, als ob ich darin irgendwas sehen würde und mich wie eine halbe Mandarine zu fühlen. Oder ich höre auf, meine Gäste lückenlos verpflegen zu wollen und empfange sie mit offenen Armen und dem Hinweis, dass rosa Grapefruit gerade aus ist.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1