Gastbeitrag
Wann wird’s mal wieder richtig Konzert?

Der künstlerische Direktor des Sinfonieorchester Basel über lange nachhallende Kultur-Erlebnisse, den Zustand der Unerreichbarkeit und Konzerte während Corona.

Hans-Georg Hofmann
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Am Karfreitag 2018 spielte das SOB «Parsifal» im Goethanum.

Am Karfreitag 2018 spielte das SOB «Parsifal» im Goethanum.

Zvg / Benno Hunziker

Werde ich nach einem eindrücklichen Konzerterlebnis der letzten Jahre gefragt, dann fällt mir die konzertante Aufführung von Wagners «Parsifal» am Karfreitag 2018 im Goetheanum ein. Ich bin – das sei vorausgeschickt – weder Wagnerianer noch anthroposophisch sozialisiert. Aber wenn die Musik wirklich eine spirituelle Wirkung auf unser Seelenleben hat, dann traf das für mich wohl an diesem Tag unerwartet zu.

Ich war bei heftigem Schneeregen auf den Dornacher Hügel gelaufen. Mehrere Tage lang hatte sich die Sonne nicht gezeigt. Der Sänger der Titelpartie musste kurzfristig wegen Krankheit absagen. Im letzten Moment konnte ich einen neuen Parsifal finden.

Der Auftritt des Chores der Gralsritter auf der Bühne gestaltete sich schwierig und der Kartenvorverkauf lief schleppend. Umso überraschter war ich, als ich bei meiner Ankunft eine lange Schlange vor der Kasse erblickte. Es stellte sich heraus, dass dieser Karfreitag auf den 93. Todestag von Rudolf Steiner fiel.

Konzentration auf die Musik

Ich möchte nicht näher auf dieses Konzert mit dem Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Sir Mark Elder eingehen. Nur so viel: Die volle Konzentration auf die Musik, ohne Inszenierung, Bühnenbild und Kostüm, löste nicht nur bei mir starke Emotionen aus: Zum Raum wurde hier die Zeit.

«Da ist er, der Karfreitagszauber!»

«Da ist er, der Karfreitagszauber!»

Bild: zvg / Hans-Georg Hofmann

Doch das eigentliche Wunder offenbarte sich am Ende, nachdem der Gral – zumindest musikalisch – bereits enthüllt war. Das Publikum hatte nach einer anhaltenden Stille heftig applaudiert und verliess den Saal. Vor dem Goetheanum erwartete uns alle ein einmaliges Naturschauspiel: Der Himmel riss auf und ein doppelter Regenbogen umschloss das Goetheanum. Einige fotografierten, andere lagen sich in den Armen. Neben mir rief eine Frau: «Das ist er, der Karfreitagszauber!»

Steigerung durch äussere Einflüsse?

Später habe ich darüber nachgedacht, ob man so ein unerwartetes Erlebnis nicht auch in ein Konzert einbauen kann. Wir wissen viel über die kathartische Wirkung durch Musik.

Aber kann diese durch äussere Einflüsse gesteigert werden, wenn zum Beispiel mitten in der Kadenz, der Sologeigerin die E-Saite reisst? Der Dirigent mit hochrotem Kopf noch einmal von der Bühne rennt, um die richtige Partitur zu holen? Oder – so geschehen vor der neuen Belüftungsanlage im Stadtcasino im Sommer – ein Konzertbesucher in Ohnmacht fällt? Mitnichten – Konzerte mit einem doppelten Regenbogen bleiben unerreichbar, man kann sie nicht planen.

Hans-Georg Hofmann, künstlerischer Direktor des Sinfonieorchester Basel.

Hans-Georg Hofmann, künstlerischer Direktor des Sinfonieorchester Basel.

Bild: zvg

Was ich damit eigentlich sagen möchte, ist Folgendes: Wenn wir heute über neue Konzertformate sprechen und über Programminhalte wie innovative künstlerische Strategien debattieren, um ein neues Publikum für die klassische Musik zu begeistern, müssen wir uns zuerst die Frage stellen: Welchen Einfluss hat das gemeinsame Erleben von Musik auf unsere Emotionen?

Das innere Gefühlschaos kontrollieren

Damit sind wir schon mitten im Spannungsfeld zwischen Musik und Ritual. Denn spätestens seit der Renaissance zählte die Musik wie auch der Tanz zu den Kunstformen, die dem Menschen helfen, das innere Gefühlschaos zu kontrollieren.

Norbert Elias hat diesen «Prozess der Zivilisation» in seinem 1939 in Basel erschienenen gleichnamigen Buch ausführlich beschrieben. Mit dem Bau von Konzerthäusern im 19. Jahrhundert entstand ein neues bürgerliches Ritual. Es bewegt sich bis heute zwischen gesellschaftlicher Repräsentation (Kleidung, Sitzplatz) und Konzentration auf die Musik (absolute Stille, Applaus).

Kaum vorstellbar heute, dass Mozart vom Pariser Publikum bei der Uraufführung seiner «Pariser-Sinfonie» mitten im Satz Szenenapplaus bekam. Applaudieren oder Bravo-Rufe zwischen den Sätzen werden im klassischen Konzert immer noch mit einem Zischen bestraft, während diese Gesten im Jazz-, Pop- oder Rockkonzert unverzichtbar sind.

Der Zustand der Unerreichbarkeit

Szenenwechsel: Kurz vor dem Wiedereröffnungskonzert des neuen, alten Stadtcasinos stellte ich in letzter Minute fest: Es gibt ja noch gar keine automatische Begrüssung vom Band. Ich rief schnell unsere beiden Solotrompeter. Wenige Augenblicke später stimmten sie eine Fanfare an. Ich sprach mit einem Mikrofon aus dem Off: «Liebes Konzertpublikum, unser Eröffnungskonzert mit dem Sinfonieorchester Basel beginnt in wenigen Minuten. Bitte schalten Sie JETZT ihre Mobiltelefone aus. Verzichten sie auf Filmen, Twittern und SMSlen. Geniessen Sie mit uns den Zustand der Unerreichbarkeit und lassen sie sich dabei von der neuen Lüftungsanlage erfrischen.»

Zugegeben, der «Zustand der Unerreichbarkeit» war aus dem Wortfundus des Theater Basel entliehen. Doch ich muss in letzter Zeit immer häufiger an diese Worte denken. Zum Beispiel wenn ich mit meiner Partnerin einen Film in der Mediathek nachschaue (einen Fernseher besitzen wir nicht), kommt am nächsten Morgen die liebevoll provozierende Amnesie-Frage: «Und kannst Du Dich noch an die Handlung erinnern?» Tatsächlich muss ich meistens den Kopf schütteln. Hingegen kann ich mich an fast jedes Detail aus meinem letzten Kinofilm («Parasite»), Theaterbesuch («Metamorphose») oder Konzerterlebnis erinnern.

Etwas Entscheidendes fehlt

«Konzerte sind wie Spitäler für die Seele», sagte mir einmal Christopher Hogwood, der ehemalige 1. Gastdirigent vom Kammerorchester Basel. Meine Vorstellungskraft hatte lange Zeit Mühe mit diesem Vergleich. Doch inzwischen bekomme ich diesen Satz nicht mehr aus meinem Kopf.

Wir dürfen im Stadtcasino proben, streamen und Musik aufnehmen. Aber es fehlt etwas Entscheidendes, damit Musik ihre Wirkung entfalten kann: der Empfänger – unser Publikum. Ohne den Funkenflug und Blickkontakt zwischen Podium und Parkett, ohne das Spannungsverhältnis zwischen Konzentration und Applaus lässt uns jedes gestreamte Konzert «unberührt».

Schutzkonzepte für Restaurants, Theater und Konzerthäuser sind erarbeitet. Jetzt liegt es an der Politik, so schnell wie möglich Voraussetzungen zu schaffen, um das öffentliche Leben wieder gemeinsam zugänglich zu machen.