Geist & Reichlin
Lasst euch nicht den Kopf verdrehen!

Die Pandemie verstärkt den Eindruck, dass sich viele Menschen gerne als moderne Galileos, als Vorkämpfer für die Wahrheit, sähen. «Autsch!», würde Immanuel Kant da wohl sagen.

Naomi Reichlin
Naomi Reichlin
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Wie bilden wir unser Wissen? Das ist eine entscheidende Frage gerade während der Covid-Pandemie, aber keineswegs eine neue. Auch schon vor Galileo Galilei gab es Kämpfe um die Vorherrschaft über das Wissen und die Wahrheit. In den aktuellen Diskussionen über die Pandemie kann man den Eindruck bekommen, viele sähen sich als moderne Galileos, als Vorkämpfer für die Wahrheit.

Die Aussagen von Behörden und wissenschaft­lichen Instituten werden als unwahr und manipulativ bezeichnet, selbst ernannte Experten auf Youtube sind die neuen Wahrheitsbringer. Man ist kein «Corona-Skeptiker» – Gott bewahre – man ist natürlich ein «Massnahmen-Skeptiker» oder nach Wahl eine «Masken-», «Impf-», oder «Zertifikats-» Skeptikerin.

Doch macht das wirklich einen grossen Unterschied? Mir scheint, dass gesunde Staatskritik leider teilweise abdriften kann in jene Gedankenwelt, wo es nur noch Diktatoren, Schafe und «Selbstdenker» gibt. Diese Entwicklung wird verstärkt durch Bubbles und Algorithmen in den sozialen Medien. In dieser Welt wird das löbliche Prinzip der Quellenkritik, das Prinzip der Aufklärung («Bediene Dich Deines eigenen Verstandes») ins Absurde verdreht. Das gleicht eher einem «bediene Dich Deines eigenen Unverstandes», wobei jegliche redlichen Prinzipien der kritischen Quellenkritik ausser Kraft gesetzt werden.

Youtube hat mehr Gewicht als Studien

Das führt zur absurden Situation, dass sich auf wissenschaftliche Papiere und Studien stützenden Aussagen eines Epidemiologen eines Schweizer Unispitals plötzlich als Fake News betrachtet werden, und dass ein You­tuber, der sich vielleicht ursprünglich mal zum Hautarzt ausgebildet hat, plötzlich als die verlässlichere Quelle gilt. In der Art: «Er ist einfach sehr plausibel.». «Autsch!», würde Immanuel Kant da wohl sagen (wenn wohl auch in drei komplizierten Absätzen).

Ist es das, was vom aufklärerischen Geist übrig geblieben ist? Totalopposition aus Prinzip gegen die Wissenschaft und ­damit die Etablierung einer parallelen Pseudowissenschaft? Verstehen Sie mich nicht falsch: Was von politischen und wissenschaftlichen Autoritäten geäussert wird, soll man nicht einfach unkritisch hinnehmen. Im Gegenteil, Aussagen sind stets entsprechend dem Kontext, der Absenderschaft und der Interessenlage kritisch zu hinterfragen.

Jedoch kommt nun ein grosses «Aber»: Der Zweifel – in richtigen Dosen essenziell für die eigene Wissensbildung – darf nie zum Selbstzweck verkommen, der schliesslich nur dazu dient, die eigenen Annahmen und Überzeugungen zu bestärken. Nach dem Motto: Was meiner Meinung entspricht, nehme ich an, was meiner Meinung nicht entspricht, «muss» ich «im Dienste der Wahrheit» schärfstens bezweifeln und ablehnen.

Man muss sich mit den Gründen befassen

Dass Impfen einen persön­lichen Entscheid voraussetzt, ist klar. Dass ein Impfobligatorium abzulehnen ist, ist ebenfalls klar. Problematisch ist jedoch, wenn Personen vermeintlich im Sinne der Wahrheit die Vorstellung haben, die Wissenschaft um den Impfstoff sei gekauft, gefälscht und manipulativ. Weil das jemand auf Youtube so sagt.

Ein Blick auf die Impfquoten im Baselbiet zeigt grosse Unterschiede zwischen zentrumsnahen und ländlichen Gemeinden – besonders bei den Jungen. Es muss uns beschäftigen, was die Gründe dafür sind. Möglicherweise sind es die erwähnten Bubbles, die wir durchbrechen müssten. Ein Impfentscheid soll in jedem Fall auf gut informierten Grundlagen stattfinden und nicht aufgrund eines Gerüchts, das einem im Internet über den Bildschirm geflattert ist.

Insbesondere Menschen meines Alters möchte ich ansprechen: Informiert euch gut, glaubt nicht alles, was ihr hört, und lasst euch nicht von allzu plausiblen Erklärungen den Kopf verdrehen.

Naomi Reichlin studiert Politikwissenschaften in Friedrichshafen
und war von 2017 bis 2020 Vizepräsidentin der FDP Baselland.

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