Geistschreiber
Hinterhältige Miststücke

Der Geistschreiber über Gewichtsverlust dank Netflix und die Frage wo uns bitterböse Serien hinführen.

Willi Näf
Willi Näf
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Im Keller auf dem Rudergerät neun Kilo verloren und wieder gefunden.

Im Keller auf dem Rudergerät neun Kilo verloren und wieder gefunden.

Symbolbild: Jenny Kane / AP

Vor sieben Jahren haben wir uns ein Abo von Netflix gegönnt. Ich wollte abnehmen. Auf einem Rudergerät im Keller mit dem alten Fernseher davor und Netflix darin. Nach Jahrzehnten im Serien-Zölibat wollte ich mir wieder welche gönnen – aber nur auf dem Rudergerät. Beim ersten Mal habe ich meinen Schwur noch feinjustiert, weil man auf einem Rudergerät auch sitzen kann, ohne zu rudern. Den Schwur aber habe ich bis heute nicht gebrochen. Neun Kilo habe ich verloren, acht davon ohne Suchen wieder gefunden und das neunte wird sicher auch noch auftauchen.

Verloren habe ich zudem zehn Kilo Glauben an das Gute im Menschen. Dank Frank und Claire Underwood, die in «House of Cards» ums Verrecken ins Weisse Haus wollen und auch kommen. Sechs Staffeln lang war ich fassungslos, was für hinterhältige, zynische, intrigante Drecksfiguren das waren. Und wie sympathisch sie dabei aussahen. Welche Abgründe muss ein Drehbuchautor in sich tragen, um so böse Charaktere zu kreieren? Und was für Spuren hinterlassen die bei Menschen, die sich ständig solche Serien reinziehen? Wird da nicht das Misstrauen zur Standardeinstellung? Verlieren die nicht den Glauben an die Politikerinnen, die Chefs, die Virologinnen, die ja wohl nur Böses im Sinn haben?

Seit 2018 habe ich auf Radio SRF 1 meine eigene Kinderkrimiserie. Meine Antagonistin, Lady Blake, ist ein so zuckersüsses, durchtriebenes Miststück wie Claire Underwood. Sie fasziniert und schockiert die Kinder und mich und hält die Spannung aufrecht. Gerade diese Woche – ich schreibe an der sechsten Staffel – fädelt Lady Blake wieder etwas besonders Hinterhältiges ein. Und prompt habe ich ein schlechtes Gewissen: Raube ich den Kindern die Unschuld?

Wenn immer mir wieder was wunderbar Fieses in den Sinn kommt, das Lady Blake tun könnte, rede ich mir ein, dass die Zehnjährigen von heute schon ganz andere Stoffe zu Gesicht und zu Gehör bekommen. Und dass sie Fiktion von Realität unterscheiden können. Aus mir ist ja trotz Tom&Jerry, Alexis Colby und J.R. Ewing auch kein Fiesling geworden. Also gönne ich mir im Herbst wieder mal «House of Cards» im Keller. Frank und Claire werden mich sicher auch diesmal so wütend machen, dass ich die acht Kilo wieder loswerde.

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