Fussballfans

«Generelle Kriminalisierung von Fussballfans ist falsch»

Markus Lehmann setzt auf Sachpolitik statt Polemik.Nicole Nars-Zimmer

Markus Lehmann setzt auf Sachpolitik statt Polemik.Nicole Nars-Zimmer

CVP-Nationalrat Markus Lehmann unterstützt das Komitee gegen die Verschärfung des «Hooligan-Konkordats». Im Interview erklärt er, dass in Basel bereits die richtigen Massnahmen gegen Gewalt im Fussballstadion angewendet werden.

Herr Lehmann, sind Sie selber Fussballfan?

Markus Lehmann: Absolut. Ich besuche eigentlich jedes Heimspiel des FC Basel. Auswärts bin ich, im Gegensatz zu früher, nicht mehr so häufig dabei. Früher habe ich neben Handball auch Fussball gespielt.

Sie stehen aber nicht in der Kurve?

Nein. Meine Töchter standen früher in der Muttenzerkurve. Ich war Präsident und Gründer des Fanprojekts, das heute Fanarbeit heisst.

Engagieren Sie sich deshalb für das Komitee gegen das verschärfte «Hooligan-Konkordat»?

Sicher. Mit diesen Forderungen wird der falsche Weg eingeschlagen. Es hat sicher auch richtige Komponenten drin, aber diese werden in Basel bereits umgesetzt.

Welche sind das?

Die Polizei bewilligt seit Jahren jedes Spiel. Im Stadion wurde ein Leichtbier eingeführt. Die Pyros können allerdings nie komplett eliminiert werden. Da finden die Fans – trotz guter Kontrollen – immer Wege. Und ich bleibe dabei: Je mehr auf Verbote, statt auf Dialog gesetzt wird, desto härter werden die Fronten.

Kann das Komitee Erfolg haben?

Von links nach rechts haben bisher einige Politiker ihre Unterstützung zugesichert. Ich denke, dass wir aufgrund der breiten Abstützung eine Mehrheit erreichen können.

Haben Sie im Stadion noch nie eine kritische Situation erlebt?

Doch. Am Cupfinal zwischen Luzern und Zürich vor ein paar Jahren stürmten einige Zürcher Fans nach dem Schlusspfiff das Feld und warfen Pyros in die Luzerner Fans. Auch für uns ist klar: Wenn ein Fackelwerfer identifiziert werden kann, dann ist die höchstmögliche Strafe angezeigt. Wird eine Fackel hingegen in friedlicher Absicht zur Stimmung gezündet, sehe ich darin noch kein Gewaltverbrechen – obwohl es natürlich verboten ist.

Trotzdem: Pyros sind gefährlich.

Das ist richtig. Aber wer in der Kurve steht, ist sehr gut instruiert. Bevor gezündet wird, werden die Umstehenden jeweils dazu aufgefordert, etwas wegzustehen. Die Selbstregulierung funktioniert. Deswegen empfinde ich die Kriminalisierung als falsch. Zudem sind die geforderten Leibesvisitationen bis in den Intimbereich, die jeden Zuschauer treffen, auch aus rechtsstaatlicher Sicht höchst fragwürdig.

Können die geforderten harten Strafen die Gewalt rund um den Fussball nicht eindämmen?

Wenn ein Gewalttäter erwischt wird, ist es Sache der Behörden, die entsprechenden Strafmassnahmen umzusetzen. Das stellen wir keinesfalls infrage. Mich stört die generelle Kriminalisierung des Fussballs wegen einiger weniger.

In den letzten Jahren hat sich das «Feindbild Fan» als Schlagwort etabliert. Weshalb?

Die Medien haben das entsprechend hochgekocht und damit Stammtischdiskussionen angeheizt. Auch die SBB haben beispielsweise mit der Kommunikation von massiv überhöhten Schadenssummen bei ihren Fanzügen dazu beigetragen. Im Verhältnis mit anderen Straftaten ist es für mich störend, dass der Fussball richtiggehend kriminalisiert wird.

Wie kann sich dieses Bild ändern?

Mit gegenseitiger Toleranz. Das Auftreten der Fans in der Öffentlichkeit ist sicher etwas laut. Aber das sollte man auch vertragen können. So lange beispielsweise bei Fanmärschen keine Sachbeschädigungen und Gewalt dabei sind, finde ich das eigentlich tragbar. Wenn einem das stört, kann man schliesslich auch einen Bogen darum machen.

Die gegenseitige Toleranz steht also im Zentrum?

Absolut. Und ich denke, in Basel sind wir damit dem Rest der Schweiz einen Schritt voraus. Bei uns wird der Dialog zwischen Behörden, Klub, Fanarbeit und den einzelnen Fan-
gruppierungen gefördert. Wir setzen schon seit längerem auf Dialog anstelle von reiner Repression. Durch das «Basler Dialogmodell» haben wir jetzt seit längerer Zeit Ruhe im und ums Stadion; doch das Eis ist trotzdem dünn, wenn sich unerwartet Extremsituationen ergeben.

Haben Sie keine Befürchtungen, dass Sie sich mit Ihrem Engagement als Nationalrat auf dünnes Eis begeben?

Nein, überhaupt nicht. Ich vertrete diese Meinung bereits seit Urzeiten. Ich habe dies auch innerhalb der CVP schon schriftlich zu Protokoll gegeben. Trotzdem befürworten auch die konservativen Kräfte in unserer Partei den Weg der Repressionen. Dass das nicht funktioniert, wissen wir aufgrund der ausländischen Beispiele aus Deutschland und England. Aber das interessiert kurzfristig niemanden. Es braucht Repression bei Straffälligen, das ist natürlich klar, aber es muss mehr differenziert werden.

Erhoffen Sie sich mit Ihrem Einsatz gar Sympathiepunkte in der «Fussballstadt Basel»?

Damit hat das gar nichts zu tun. Mir haben viele Leute gesagt, ich sei verrückt, mich in der Fanpolitik zu engagieren. Das sei politischer Selbstmord. Ich bin aber Sachpolitiker und deshalb ist mir das egal. Ich setze nicht auf Populismus und Polemik, sondern mache das, was ich für richtig empfinde. Das war schon immer meine Einstellung und das ziehe ich auch durch.

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