Georg Herwegh
Ein Bundeslied für die Arbeiter: «Mann der Arbeit, aufgewacht und erkenne Deine Macht!»

Der Dichter Georg Herwegh (1817–1875) fand in Liestal seine letzte Ruhestätte. Sein Bundeslied wurde früher in Arbeiterkreisen gerne angestimmt.

Martin Stohler
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Seit 1904 erinnert in Liestal ein von Arbeiterorganisationen gestiftetes Denkmal an den Dichter Georg Herwegh (1817–1875).

Seit 1904 erinnert in Liestal ein von Arbeiterorganisationen gestiftetes Denkmal an den Dichter Georg Herwegh (1817–1875).

Martin Stohler

Anfang der 1860er-Jahre witterten die demokratischen Kräfte in Europa Morgenluft. Die Erinnerungen an die schweren Niederlagen, die sie – ausser in der Schweiz – 1848/49 in Europa erlitten hatten, verblassten allmählich. Auch die Arbeiter und Handwerker betraten wieder die politische Bühne. 1864 wurde in London der Grundstein für die Internationale Arbeiterassoziation gelegt. Und bereits ein Jahr früher, am 23. Mai 1863, wurde in Leipzig der von Ferdinand Lassalle inspirierte Allgemeinen Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet.

Für diesen Anlass hatte Ferdinand Lassalle den befreundeten Dichter Georg Herwegh um ein «begeistertes und begeisterndes Gedicht» gebeten. Den Gründungskongress «direkt anzusingen» widerstrebte Herwegh. Er war aber grundsätzlich bereit, seine Feder in den Dienst der Sache zu stellen. Am 25. Oktober 1863 schickte er Lassalle das von diesem mit Ungeduld erwartete Gedicht, das in der Vertonung von Hans von Bülow zum Bundeslied des ADAV werden sollte.

Das gesellschaftliche Über-Ich

Die erste Strophe kommt zunächst als Reminiszenz ans Mittelalter daher: «Bet‘ und arbeit‘!, ruft die Welt.» Doch bereits in der folgenden Zeile meldet sich das gesellschaftliche Über-Ich zu Wort und passt die klösterliche Losung den Erfordernissen der neuen Zeit-Ökonomie an: «Bete kurz! Denn Zeit ist Geld.» Letzteres ist vonnöten, denn: «An die Türe klopft die Not. / Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.»

In den nächsten vier Strophen nennt Herwegh verschiedene Tätigkeiten, sei es auf dem Acker, am Webstuhl, im Bergwerk oder an der Esse, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, dass dem Arbeiter die Früchte seiner Mühen vorenthalten bleiben. Die sechste Strophe bringt es auf den Punkt: «Alles ist Dein Werk, oh sprich / alles aber Nichts für Dich.» Doch damit nicht genug: «Und von allem nur allein / die du schmiedst, die Kette, Dein.»

Die klirrenden Ketten der Lohnsklaverei

Damit führt Herwegh, in einem Vers, der nicht gerade zu seinen besten zählt, die Kette der Lohnsklaverei ein. Diese Kette «knickt dem Geist die Flügel», sie «klirrt am Fuss des Kindes schon» – zur Zeit, als Herwegh das «Bundeslied» dichtete, war Kinderarbeit weit verbreitet, auch in der Schweiz. Das alles muss sich ändern: «Mann der Arbeit, aufgewacht / und erkenne Deine Macht! / Alle Räder stehen still, / wenn Dein starker Arm es will.» Das Lied endet mit dem Aufruf: «Brecht das Doppeljoch entzwei! / Brecht die Not der Sklaverei! / Brecht die Sklaverei der Not! / Brot ist Freiheit, Freiheit Brot.»

Herwegh spricht hier nicht nur von der Unfreiheit, die jemand erlebt, der sich in materieller Not befindet. Die Zeile «brecht die Not der Sklaverei» dürfte Herwegh auch mit Blick auf den 1861 ausgebrochenen amerikanischen Bürgerkrieg und den damit verbundenen Kampf für die Abschaffung der Sklaverei verfasst haben. In dem Krieg, der bis 1865 dauerte, nahm auf Seiten der Nordstaaten neben vielen deutschen Auswanderern auch der Baselbieter Emil Frey teil, der nach seiner Rückkehr in die Schweiz Jahrzehnte später in den Bundesrat gewählt wurde.

Geschätzte Stimme, prekäre Lage

Georg Herwegh, 1817 in Stuttgart geboren, war ein Mann der Feder, kein «Mann der Arbeit» im engeren Sinn. In den 1840er-Jahren hatte er mit seinen «Gedichten eines Lebendigen» einen Bestseller gelandet, der ihn in republikanischen Kreisen zu einer geschätzten Stimme machten und ihm die Liebe der Berlinerin Emma Siegmund einbrachte – die beiden heirateten 1843 in Baden, Kanton Aargau. Damals erwarb Herwegh auch das Gemeindebürgerrecht von Augst und das Kantonsbürgerrecht von Baselland.

Zeitweise liess sich der Dichter kaum mehr vernehmen, doch in den späten 1850er-Jahren meldete er sich wieder zurück. Die finanzielle Situation der Herweghs – sie lebten damals in Zürich – war einmal mehr prekär geworden. «Herwegh», schreibt sein jüngster Biograf Stephan Reinhardt, «nutzte jede vertretbare Möglichkeit, seine fünfköpfige Familie zu ernähren. Sein Pegasus war wieder in Bewegung gekommen, und er schrieb nun in satirischer Versform kontinuierlich Eingriffe ins schrille und immer schriller werdende Zeitgeschehen.»

Eine Detailansicht des Denkmals.

Eine Detailansicht des Denkmals.

Martin Stohler

Als die Schuldenlast zu gross wurde, zogen Emma und Georg Herwegh 1866 von Zürich nach Lichtental bei Baden-Baden, um einen neuen Anfang zu machen. Dort verstarb Herwegh überraschend am 7. April 1875. Seinem Wunsch entsprechend, in seinem Heimatkanton «in freier republikanischer Erde» begraben zu werden, fand er auf dem Friedhof von Liestal seine letzte Ruhestätte.

Bedenken um ein beliebtes Lied

Georg Herwegh scheint von den dichterischen Qualitäten seines Textes nicht völlig überzeugt gewesen zu sein. An Ferdinand Lassalle schrieb er: «Hier ist das Gedicht, weil Sie es absolut haben wollen und dessen Reife nicht erwarten können.» Solche Bedenken haben seiner Popularität keinen Abbruch getan. Solange in der Arbeiterbewegung der Gesang gepflegt wurde, hat man das «Bundeslied» – auch in anderen Vertonungen als jener von Hans von Bülow – immer wieder gerne angestimmt und aus voller Brust gesungen.

Stephan Reinhardt: «Georg Herwegh – eine Biographie», Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 635 Seiten, ca. 55 Franken.