Glosse
Herzstück: Hausräumung, das letzte Kapitel eines dicken Buches

Die Wohnung der Eltern auflösen, heisst auch Abschied nehmen von Orten der Erinnerung.

Martin Dürr
Martin Dürr
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Endlich war es so weit. Ein halbes Jahr lang hatten wir Dinge gesichtet, grosse Möbel und kleine Fingerhüte verteilt in der Familie und verschenkt im weiten Freundeskreis. Die zukünftigen Besitzer hatten entschieden, was sie noch brauchen können. Die Brockenstube einer sozialen Institution hatte ausgewählt, was andere vielleicht günstig wieder kaufen wollen. Jetzt stand nur noch da, was – nach einem Zwischenstopp am Strassenrand, wo sich Nach­barinnen und Passanten bedienen konnten – in die beiden grossen angemieteten Mulden ging (abgesehen von recyclierbaren Materialen, die fachgerecht entsorgt wurden).

Viele, die meine Eltern gekannt hatten, blieben stehen und erzählten von Erlebnissen mit ihnen – und drückten ihre Trauer darüber aus, dass am Ende so viel Material im Abfall landet. «Das ist jetzt sicher schwierig für dich», sagten einige, die mich seit meiner Kindheit kennen. Das war es nicht. Ich empfand vor allem grosse Erleichterung. Das letzte Kapitel eines dicken Buches wird geschlossen – eine ganz neue Seite wird aufgeschlagen.

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel.

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel.


zvg/ Roman Weyeneth

Ich fürchte, dass mich einzelne für etwas herzlos hielten. Das Abschiednehmen über lange Zeit, die vielen Entscheide über Behalten und Loslassen führen irgendwann auch zu einer gewissen Erschöpfung. Es ist gut jetzt, dachte ich. Und ging auf einen letzten Gang durch die fast leeren Räume. Wo 50 Jahre Möbel gestanden und Bilder gehangen haben, sind die Konturen an der Wand deutlich zu erkennen. Mich wundert nicht, dass sich um leer stehende Häuser manchmal Erzählungen von seltsamen Tönen und Erscheinungen entwickeln.

Strolchi unter dem Tisch, das Bett unter der Dachschräge

Geister habe ich natürlich keine gesehen. Aber einige innere Bilder von Menschen, von Begebenheiten tauchten auf in mir. Ein Filmregisseur würde diese Bilderwelt visualisieren. Hier starb vor Jahren mein Vater. Da gehörte der Weihnachtsbaum hin. Unter diesem Tisch schlief Strolchi, der Hund meiner Kindheit. Dort in der Ecke stand mein Bett unter der Dachschräge. Die ersten scheuen Küsse, das erste Ende einer jungen Verliebtheit. In der Stube sass meine Mutter zuletzt fast immer auf ihrem Sessel und döste, wenn ich sie mit einem Besuch überraschte. Dort drüben ist der Spann­teppich immer noch gut sichtbar angekokelt, weil ich als Junge Experimente mit Kerzen machte (und dafür gab es natürlich ein Donnerwetter).

Die Küche sieht so klein aus, haben wir da wirklich alle zusammen gegessen? Hier holte ich tief Atem, als ich meinen Eltern sagte, dass ich zum ersten Mal Vater werde. In diesem Türrahmen stand mein Vater, als er mir nahelegte, auszuziehen (ich war 19, zurück aus der Rekrutenschule und fand die Welt und mich selbst unerträglich – und verhielt mich entsprechend).

Jedes Zimmer hat seine Geschichten, gute und weniger gute. Sie gehören alle zu meinem Leben. Sie begleiten mich wie die Erinnerungen an belebte Räume, erstaunlich klar und manchmal sonderbar. Ich ziehe die Tür ein letztes Mal zu, drehe den Schlüssel. Draussen ist es kühl und dunkel geworden. Aufgeräumt und heiter gehe ich in die Nacht.