Glosse
Schiblis Kopfsalat: Der Eskimo als Risiko

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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«Kennet ier das Gschichtli scho vo däm armä Eskimo…»,

so beginnt eines der bekanntesten Chansons des Berner Troubadours Mani Matter. Jede Zeile endet in grösster Konsequenz auf «-o», was dem Text etwas hübsch Hämmerndes, Insistierendes verleiht. Wäre der Berner Jurist und Liedermacher nicht 1972 durch einen Verkehrsunfall ums Leben gekommen, so hätte er den Text längst ändern müssen.

Denn inzwischen zieht man es vor, statt von Eskimos von Inuit zu sprechen. Und schütteln Sie einmal ein paar Reime auf «-uit» aus dem Ärmel! Das wäre eine erhebliche dichterische Herausforderung. Kurzum, ein solcher Text könnte heute gar nicht mehr geschrieben werden. Das Volk der Inuit musste in der Vergangenheit noch für mehr herhalten als für Mani Matters Chanson. So wissen fast alle, die sich schon einmal Gedanken über Sprache und Wahrnehmung gemacht haben, dass unser Denken und Wahrnehmen und unsere Sprache durch unsichtbare Fäden verbunden sind.

Und da kommt das gute alte Eskimovolk wieder ins Spiel. Dieses kennt, so ist häufig zu lesen und zu hören, eine Vielzahl von Wörtern für Schnee. Einfach deshalb, weil die Bewohner des ewigen Winters alltäglich mit dieser Materie zu tun haben. Sie leben wenn nicht vom, so doch mindestens mit dem Schnee. Und nehmen diesen daher in seinen vielfäl­tigen Varianten wahr, während wir Mitteleuropäer allenfalls zwischen Pulverschnee und Sulzschnee unterscheiden.

Häufig zitiert und nur selten ganz gelesen

Die philosophische Formulierung dieser Erkenntnis lautet so: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» Der Satz stammt vom österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein und ist seinem «Tractatus logico-philosophicus» entnommen, erschienen vor hundert Jahren. Der andere berühmte Satz aus diesem Jahrhundertwerk der modernen Philosophie ist jener, mit dem der «Tractatus» schliesst: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.»

Dieser Wittgenstein wäre wohl auch dann berühmt, wenn er nur diese beiden Sätze formuliert hätte. Sein «Tractatus» gehört zu den Büchern, die häufig zitiert und nur selten ganz gelesen werden. Denn die knapp hundert Seiten haben es in sich. Leichte Kost ist das nicht, auch nicht der Satz von den «Grenzen der Welt».

Freilich sollte man Wittgenstein nicht vorschnell mit der Lebenswelt der Eskimos oder eben Inuit kurzschliessen. Denn deren Sprache kennt in Wirklichkeit wenig Differenzierungen des Schnees, dafür aber umso mehr Vokabeln für Eis. Die grossen Schnee-Spezialisten unter den Ethnien dieser Erde seien nicht die Inuit, schreibt der Sprach­wissenschaftler Harald Haarmann. Er weist in seinem Buch «Die seltsamsten Sprachen der Welt» auf einen populären Irrtum hin: Es sind die Samen (ehemals Lappen genannt), die als Rentierzüchter am meisten über die Beschaffenheit des Schnees wissen und darauf angewiesen sind, ihre Beobachtungen in sprachliche Form zu giessen.

«Kunscht isch gäng es Risiko»,

heisst es im Eskimo-Chanson von Mani Matter. Das gilt fraglos auch für Sprachkunst.