Glosse
Schwarzes Gold, sterbender Silberling

Zum vermeintlichen Boom der Vinyl-Schallplatte.

Stefan Strittmatter
Stefan Strittmatter
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Wie oft muss etwas wiedergeboren werden, bis es endlich so sehr lebt, dass man diesen Umstand nicht jährlich mit Erstaunen festhält? Im Falle der Vinyl-Schallplatte scheint das noch lange zu dauern. Schliesslich wird ihr nunmehr seit Jahrzehnten – eigentlich seit kurz nach dem vermeintlichen Todesstoss durch die CD – eine wundersame Rückkehr prognostiziert.

So auch vergangenes Wochenende, als die US-amerikanischen Verkaufszahlen bekannt wurden: Die LP machte in der ersten Jahreshälfte stolze 62 Prozent der Umsätze an physischen Tonträgern aus. Auch diese Zeitung reagierte mit einem euphorischen Titel: «Die Wiedergeburt». Die Fanatiker freut's. Auch ich zähle mich zu jenen Nostal­gikern, die den grossen Hüllen nachtrauerten, und zu den Klangbesessenen, die mit der digitalen Scheibe nie ganz warm wurden.

Bitte kein vorschneller Jubel

Dennoch sollte man nicht vorschnell in Jubel verfallen. Denn: Wenn nun mehr LPs als CDs verkauft werden, so heisst das in Wahrheit nur: Es werden noch weniger CDs gekauft. Wir beobachten nicht den Sieg des schwarzen Goldes, sondern den Schwanengesang des Silberlings angesichts von Downloads und Streamings.

Und das heisst in direkter Folge: Musikschaffende verdienen noch weniger an ihren Songs. Denn die Margen der «unphysischen» Verkäufe sind so lächerlich, dass Stephan Eicher einst ausgerufen haben soll, er könne vom Streaming-Geld nicht einmal seine Gitarren neu besaiten. Geschweige denn eine Vinyl-LP kaufen.

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