Standing Ovations gab es noch nie nach einer Aufführung vom Glaibasler Charivari – bis letzten Samstag. Das Premierenpublikum war schlicht begeistert von der Vorfasnachtsveranstaltung 2012, die zum zweiten Mal unter dem Team um Programm-Chef Erik Julliard steht. Gelungene Pointen in den Rahmestiggli, spritzige Beiträge der Schnitzelbängg und musikalische Topleistungen sorgen für eine rundum gelungene Ausgabe des Kleinbasler-Vorfasnachts-Gegenstücks zum grossen Drummeli.

«Wiesn» auf die Schippe genommen

Die Angst vor der Angst steht im Prolog im Zentrum. Das Schauspielensemble schützt sich mit Helm, Ohren- und Mundschutz vor den Problemen, mit denen die Basler täglich konfrontiert werden: Fluglärm, Chemieindustrie, die zu hohen Steuern. Man könnte kritisieren, das Stiggli sei ein Mü zu lang – wie auch «Die Basler Wiesn» – aber die Komik, die Mimik der Schauspieler und deren Kleidung machen die zaghafte Kritik wett.

Die dümmliche Kathrin im Dirndl (Colette Studer) sucht die Wiesn in Basel. Im Schlepptau ihre Mutter (Stephanie Schluchter) und Vater Hugo (Niggi Reiniger), der sich bayrisch anziehen soll. Das Trio stösst auf einen echten Bayer (Pirmin Muckenhirn), der versucht, Wiesn-Stimmung ins Volkshaus zu bringen. «Mir sin an dr Wiesn. Do isch e Schwoob, wo nid schafft», sagt Kathrin als Seitenhieb an die deutschen Nachbarn.

Die VKB brilliert mit präzisem Piccolo- und Tambouren-Spiel. Letztere bringen das Publikum mit dem Marsch «Dr Glugger» zu begeistertem Applaus. Mit «Die letschte Schwyzer» und «Vaudois» setzen sie noch einen drauf. Dass die erste Basler Fasnachtsclique (1884) mit ihrem wunderschönen gelb-violett-grünen Ueli-Kostüm, das sie zum 100. Geburtstag anfertigen liess – die Bühne betritt, sorgt optisch für einen Höhepunkt. Zur musikalischen Unterhaltung tragen zudem die Cliquen «D Ruesser 89» und die traditionelle «Charivari-Pfyffergrubbe» bei. Einen Auftritt bestreiten sie mit Stücken aus den Balletten «Nussknacker» und «Schwanensee». Zu «Tütü» tanzen vier Tänzerinnen und ein Tänzer der Basel Dance Academy.

Guy Morin kommt als erster dran

Im Vorfeld gross angekündigt wurden die 15 Politiker, die in der Talkshow «Tele Basel bim Volgg» in die Mangel genommen werden. Mit dabei sind unter anderen fünf der sieben Basler Regierungsräte sowie Christoph Blocher (7. Februar). Auf dem Königsthron Platz nimmt am Samstag – wie könnte es anders sein – Regierungspräsident Guy Morin. Vorgaben an die Politiker: Sie können sich nicht vorbereiten, sie dürfen schlagfertig sein, sich über ihre Partei lustig machen – aber nicht unter der Gürtellinie. Morin gelingt die Spontanität nur teilweise, er gibt sich verhalten. Vor allem, als er sein am Tag zuvor bei Telebasel bereits aufgesagtes «Värsli» präsentiert. Aber er schaut Bernadette Brack in den von ihr aufgerissenen Mund. Sie sagt zu ihm, er sei doch mal Arzt gewesen, sie habe einen Belag auf den Zähnen.

Den zweiten Teil eröffnet die Gugge «Negro-Rhygass» mit einem fetzigen Medley. Die Alti Garde der Top Secret zieht gleich mit einem brillanten Auftritt nach. Mit einer aussergewöhnlichen Idee toben sich sechs Tambouren der Gruppe aus –, dass sie dabei Spass haben, ist unübersehbar. Und genauso tobt das Publikum bei «Charivari on the Rocks»: Eine Piccolo-Tambouren-Gruppe wird beim «Wettstaimarsch» krachend unterstützt von einer E-Gitarre, einem Bass und einem Schlagzeug.Immer wieder taucht zwischen den Auftritten – als Integrationsbeitrag – Schauspieler Ayhan Sahin auf. Er übersetzt den Prolog für die ausländischen Gäste im Saal auf Tamilisch, Italienisch, Afrikanisch und Arabisch. Ein «Running Gag», der fruchtet.

Blocher, Berlusconi und Gass

Würzig sind die Auftritte der Schnitzelbängg «D Gwäägi» und «D Schlyffstai». Blocher und Berlusconi haben etwas gemeinsam, singen «D Gwäägi». Sie seien beide weg vom Fenster. Um Gammelfleisch zu kaufen, muss man nicht mehr nach Deutschland, sondern einfach in den Coop. Auch Regierungsrat Hanspeter Gass bekommt sein Fett weg. «D Schlyffstai» nehmen die Griechen zu «Griechischem Wein» und Hildebrandt zum ABBA-Song «Money, money, money» auf die Schippe.

Bevor am Ende des Charivari die Cliquen den «Fasnachtsmarsch Arabi» spielend den Saal verlassen, tritt das Schauspielensemble zum – ideal eher kurzen – Epilog «Trennt und zämme» auf. Sie zählen die verschiedenen Geschmäcker der Leute im Publikum auf. Den einen habe es zu wenig Guggemuusig, den anderen zu viel, die einen hätten Pointen, die die anderen zum Lachen brachten, lahm empfunden. Eine witzige Idee, den Fasnachtsabend zu beschliessen. Das Charivari 2012 hat auf jeden Fall eine Bestnote verdient.