Parlamentarier

Handfestes Personalproblem bei den Grünen – obwohl Grün im Hoch ist, will niemand nachrücken

Nachgerückte unter sich: Tonja Zürcher (Basta, l.) und Lea Steinle (Grüne, r.).

Nachgerückte unter sich: Tonja Zürcher (Basta, l.) und Lea Steinle (Grüne, r.).

Lea Steinle und Barbara Wegmann sind beide ins Parlament nachgerückt – und jetzt schon zurückgetreten.

Eigentlich könnte alles in bester Ordnung sein: Bei den nationalen Wahlen im vergangenen Herbst konnten sich die Grünen als grosse Gewinner feiern. 3,6 Prozentpunkte legte das Grüne Bündnis (Grüne und Basta) zu. Beste Voraussetzungen, um im Oktober den nächsten Sieg zu verbuchen, da Klima und Gleichberechtigung nicht von der politischen Tagesordnung verschwinden dürften.

Doch während die Partei von der aktuellen Themenlage profitieren kann, haben die Basler Grünen ein handfestes Personalproblem. Von den acht Parlamentariern, die vor vier Jahren gewählt wurden, sitzt nur noch die Hälfte im Parlament. Selbst bei denjenigen, die erst Anfang der Legislatur nachgerückt sind, müssen die Grünen Abgänge verkraften: Für Barbara Wegmann und Lea Steinle ist die morgige Grossratssitzung das vorläufige Ende ihrer politischen Karriere. Faktisch wurden sie kein einziges Mal gewählt.

Die Begründungen bei Wegmann und Steinle ähneln sich. Beide sind kürzlich Mutter geworden und arbeiten in einem Job, bei dem sie mehrfach in der Woche pendeln müssen. Trotz ihrer kurzen Zeit im Parlament, wiegen die zwei Abgänge schwer. Wegmann ist ehemalige Vizepräsidentin der Grünen. Steinle kandidierte im Herbst 2019 für den Nationalrat und holte das zweitbeste Resultat hinter Sibel Arslan. Falls diese in den nächsten Jahren zurücktreten sollte, würde Steinle folglich nach Bundesbern nachrücken.

Parteipräsident Harald Friedl sagt: «Ich bedauere die beiden Rücktritte sehr. Es ist schade, dass es zwei junge Frauen getroffen hat, zumal wir uns sehr für die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Politik einsetzen.» Man weise die Kandidierenden immer auf die Mehrfachbelastung hin, «aber es kann ja auch nicht die Lösung sein, dass wir keine jungen Frauen mehr aufstellen», sagt Friedl.

Bei den Wahlen unter ferner liefen, nun im Parlament

Für die Grünen kommen die vielen Abgänge zu einem schlechten Zeitpunkt: Bei den Wahlen fehlen viele bekannte Köpfe vom letzten Mal wie etwa Nora Bertschi, Anita Lachenmeier, Michael Wüthrich oder der Riehener Thomas Grossenbacher, der aufgrund der Amtszeitbeschränkung nicht mehr kandidieren wird. «Wir haben zurzeit klar zu viele personelle Wechsel», meint auch Friedl.

Auffallend ist eine weitere grüne Besonderheit: Während bei Rücktritten in anderen Parteien in der Regel der Erst- oder Zweitnachrückende den Sitz im Parlament übernimmt, sagen beim Grünen Bündnis reihenweise potenzielle Parlamentarierinnen und Parlamentarier ab. Immer wieder wird gemunkelt, die Parteileitung bestimme, wer im Parlament sitzen soll.

Für Wegmann etwa rückt Parteisekretär Oliver Thommen nach – bei den Wahlen 2016 landete er auf seiner Liste ziemlich genau in der Mitte auf Platz 11. Weil aber vier Kandidaten abgesagt haben, kommt er nun als Achtnachrückender zum Handkuss. Als Erste an der Reihe gewesen wäre Thommens Frau Anina Ineichen – ehemalige Nationalratskandidatin und Co-Präsidentin von Pro Velo. «Ich habe lange mit mir gerungen, aber für mich ist es der falsche Zeitpunkt», sagt sie. Aktuell sei ihr ihre berufliche Karriere wichtiger. Dennoch will sie im Herbst für das Parlament ab 2021 nochmals kandidieren.

Auch bei den restlichen Personen auf der Liste gibt es nachvollziehbare Gründe für die Absage: Von der Weltreise über neue berufliche Herausforderungen bis hin zum Familienzuwachs. «Wir fragen alle und machen niemandem Druck zu verzichten», betont Friedl, der 2016 selber als Achtnachrückender ins Parlament rutschte. «Wir haben tendenziell viele junge Leute auf unseren Listen. Da steht man vier Jahre nach der Kandidatur oft an einen völlig anderen Punkt im Leben», so seine Begründung.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1