Banken
Hans Furer über die Veränderung im Bankwesen: «Herrn Safra in Brasilien sind wir egal»

Vor 100 Jahren gegründet, kämpft der Bankpersonalverband heute mit den Veränderungen im Bankwesen. Hans Furer im Interview.

Philipp Felber
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Hans Furer präsidiert seit einem Vierteljahrhundert den Bankpersonalverband Nordwestschweiz.

Hans Furer präsidiert seit einem Vierteljahrhundert den Bankpersonalverband Nordwestschweiz.

Kenneth Nars

Vor hundert Jahren streikten in Zürich die Bankangestellten. Daraufhin haben sich auch in der Stadt Basel die Banker zusammengetan und den Bankpersonalverband gegründet. Heute noch vertritt der Verband die Interessen der Bankangestellten. Anders als vor hundert Jahren (siehe Box unten) ist ein Streik von Bankpersonal undenkbar geworden. Über die letzten hundert Jahre hat der Bankenplatz Basel denn auch an Wichtigkeit verloren, Zürich übernahm endgültig.

Der letzte grosse Schock war 1998, als der Schweizerische Bankverein mit der Schweizerischen Bankgesellschaft fusioniert wurde. Damals verlor der Platz Basel auf einen Schlag an Wichtigkeit. Der ehemalige GLP-Landrat Hans Furer ist seit einem Vierteljahrhundert Präsident des Bankpersonalverbands Nordwestschweiz und sitzt auch im Vorstand des Schweizerischen Bankpersonalverbands. Er hat also den allmählichen Bedeutungsverlust aus nächster Nähe miterlebt. Dieser zeigt sich auch in den sinkenden Mitgliederzahlen des Teil-Verbands.

H err Furer, als die UBS gegründet wurde, hat diese angekündigt, dass ein wichtiger Teil der Bank in Basel bleibt. Stört es Sie, dass die Ankündigung nicht umgesetzt wurde?

Hans Furer: Damit muss man leben. Basel war früher der wichtigste Bankenplatz in der Schweiz. Die Stadt hatte und hat aber auch die Life-Science-Industrie. Insofern braucht es im Bankensektor nicht zwei Nummer Eins in der Schweiz. Und es reicht, wenn wir einen stabilen Bankenplatz haben, der unsere Firmen und Privaten vor Ort gut bedienen kann.

Trotzdem hat Basel als Bankenplatz weiter an Terrain verloren. Welche Bedeutung hat die Stadt überhaupt noch?

Basel wird unterschätzt, weil zum Beispiel die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich unter dem Radar liegt. Wir haben hier die Bankier-Vereinigung, ebenso den Hauptsitz der Kantonalbanken. Es gibt also verbandsähnliche Gebilde, welche die Bedeutung des Bankenplatzes aufzeigen.

Weniger Banken auf dem Platz Basel heisst auch, weniger Verbandsmitglieder für ihren Verband.

Tendenziell haben wir in den letzten Jahren stabile Zahlen.

Wie hat sich die Zahl in den letzten 25 Jahren entwickelt?

Heute haben wir noch zirka 1000 Mitglieder, früher 5000. Das hat aber nicht damit zu tun, dass wir nicht mehr bedeutend sind. Uns braucht es. Sobald ein Bankangestellter Probleme bekommt, ruft er uns an. Was auch wichtig ist: Die Arbeitgeber brauchen uns.

Aber das Verbandsmodell ist ein Auslaufmodell.

Ein Auslaufmodell in der Hinsicht, dass es vielleicht in 100 Jahren keine Verbände mehr gibt. Man weiss aber nicht, ob es alternative Modelle gibt. Solange sich die Schweiz zur Sozialpartnerschaft bekennt, braucht es die Verbände. Die Sozialpartnerschaft ist das Gegenstück zum liberalen Arbeitsrecht.

Ein Problem ist, dass sich die Berufsbilder vermischen. Ein Beispiel: Die Baloise ist auch ein Finanzdienstleister. Streng genommen wären Angestellte der Baloise potenzielle Mitglieder Ihres Verbands.

Das stimmt. Es ist eine Herausforderung, wie man diese Leute ansprechen will. Da sind wir dran. Nur ist es schwierig, einem Baloise-Angestellten zu sagen: Du bist auch von einer Bank. Das Ziel ist aber vor allem, einen guten Job zu machen für die Angestellten und nicht möglichst viele Mitglieder zu haben.

Gewerkschaften kämpfen meist für höhere Löhne. Das kann bei einem Bankpersonalverband nicht die Daseinsberechtigung sein.

Früher gab es den Dreiklang höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und bessere Sozialleistungen. Dieser Dreiklang ist nicht mehr zeitgemäss. Bankangestellte haben hohe Löhne, sind sozial gut abgesichert und haben eine sinnvolle Arbeitszeit.

Für was kämpft der Verband denn heute noch?

Die Themen heute sind zum Beispiel Überstunden, Gesundheitsschutz, dauernde Restrukturierung, die Arbeitsplatzsicherheit, die nicht mehr gegeben ist und Weiterbildung, ohne die man heute nicht mehr auskommt.

Ein anderes Thema ist die Gleichstellung von Mann und Frau. Da ist man offenbar noch nicht soweit.

Ich finde es eine Frechheit, dass es in den Verwaltungsräten keine oder nur sehr wenige Frauen gibt. Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem. Die Gesellschaft ist nicht bereit, sich selber zu regulieren. Ich wäre deshalb für eine Quote.

Eine Quote ist umstritten. Selbst unter Frauen.

Man muss nur an die Diskussion zur Einführung des Frauenstimmrechts zurückdenken. Damals hiess es, dass die Welt unter geht, wenn Frauen plötzlich abstimmen können und gewählt werden. Heute sieht man ja aber, dass es der Schweiz nicht schlechter geht. Deshalb bin ich für eine Quotenregelung.

Was macht der Verband konkret, um die Gleichstellung zu erreichen?

Wir sind mit dem Thema auf der Traktandenliste bei den Banken. Ein Verband kann aber nur Forderungen stellen. Ich glaube, dass die Forderung nach Gleichstellung einfach immer wieder gestellt werden muss. Und dann hoffen wir, dass es eine Langzeitwirkung hat.

Früher hiess es noch Bankier, heute Banker. Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu Bankster, also Gangster. Wie hat sich das Bild des Bankangestellten geändert?

Mit dem Wort Banker bezeichnet man das oberste Prozent, das zum Teil rücksichtslos wirtschaftliche Eigeninteressen vertritt. Wenn sie auf eine Bank gehen, sind das keine Banker, sondern normale Angestellte. Mich wundert aber immer wieder die Geldgier der Managementetage. Zwar wird vordergründig gesagt, man verdient nur so viel, aber hintendurch – etwa über Boni und weitere Leistungen – läuft noch anderes. Das hat mit Charakter zu tun.

Das Bild der Bankangestellten hat sich aber trotzdem verändert?

Es hat sich insofern geändert, dass die Kunden früher an den Schalter gingen und Geld holten. Heute ist ja das meiste elektronisch. Das Bild hat sich deshalb schon verändert. Derjenige, der in der Bank arbeitet, erbringt heute Dienstleistungen.

Auch diese Dienstleistungen stehen unter Druck. Stichwort Digitalisierung.

Ja, aber die Auswirkungen der Digitalisierung sehen wir ja schon.

Wird es denn noch schlimmer?

Ich finde den Begriff «schlimmer» falsch. Das sind Veränderungen, die man nicht bremsen kann. Das heisst nicht, dass Banken keine Angestellten mehr haben werden. Das heisst nur, dass sie bald andere Gruppen von Angestellten haben werden.

Trotzdem ist das schmerzhaft für das Personal. Nicht jeder, der am Schalter arbeitet, kann in die IT wechseln.

Auch das ist ein Prozess. Viele werden bald pensioniert. In den Banken werden die Anforderungen an die Angestellten aber steigen.

Geändert hat sich wohl auch die Zusammenarbeit mit den Banken?

Es ist schwieriger geworden. Früher hatte man weniger Ansprechpartner. Das Problem ist, dass wir bei kleinen und mittleren Banken teilweise völlig unbekannt sind. Dem Herrn Safra in Brasilien ist es egal, ob es uns gibt und was wir denken.

Landesstreik 1918

Im November 1918 stand die Schweiz Kopf. Das erste und bisher einzige Mal in der Schweizer Geschichte wurde ein landesweiter Generalstreik durchgeführt. Vom 12. bis 14. November streikten 250 000 Arbeiter. Bereits vom 30. September bis zum 1. Oktober kam es sozusagen zur Generalprobe für den grossen Streik.

In Zürich legten die Bankangestellten ihre Arbeit nieder. Sie kämpften für einen Mindestlohn. Aus heutiger Sicht sieht die Forderung von 225 Franken im Monat bescheiden aus. Der Zürcher Bankpersonalverband organisierte den Streik. Dieser Verband entstand bereits 1917. Im Zuge des Arbeitskampfs wurde dann 1918 auch in Basel ein Bankpersonalverband gegründet.

Die Bankangestellten hatten nach dem 1. Weltkrieg zu kämpfen. Die Inflation, welche nach dem Grossen Krieg einsetzte, frass ihre Löhne auf. Der Streik in Zürich wurden von der Arbeiterunion mit einem lokalen Generalstreik unterstützt. Schon damals war klar, dass sich die Situation weiter zuspitzen wird und noch mehr Arbeiter in Streiks treten werden.

Einen Monat später eskalierte die Situation dann endgültig. Zuerst markierte die Armee Präsenz und marschierte am 7. November 1918 in Zürich ein. Daraufhin kam es zu weiteren Streiks, ehe am 12. November in Zürich der unbefristete Generalstreik ausgerufen wurde.

Die Arbeiterschaft wollte neun Forderungen umgesetzt haben. So etwa die sofortige Neuwahl des Nationalrats, die Einführung des Frauenstimmrechts, die 48-Stunden-Woche und eine Alters und Invalidenversicherung. Am 14. November kam es dann zum schweizweiten Generalstreik. In Basel sorgten Regierung und Streikleitung dafür, dass die Situation nicht eskalierte. (phf)