«Hingucker» Teil 16
200 Notenrollen für das «Guggerhuus»

Baselbieter Museen stellen sich mit einem Lieblingsstück vor. Diese Woche: das Dorfmuseum Ettingen.

Kurt Brodmann*
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Das elektrische Klavier wurde 1905 in Leipzig erbaut.

Das elektrische Klavier wurde 1905 in Leipzig erbaut.

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Das Dorfmuseum Ettingen ist vor allem für sein Maschinengewehr bekannt, das während des Zweiten Weltkrieges durch die Notlandung eines B-17-Bombers zwischen Ettingen und Aesch zu uns gelangte. Doch gibt es im «Guggerhuus» – benannt nach dem Spottnamen für die Ettinger Bevölkerung – noch viele andere interessante Themenbereiche und Gegenstände, die weitaus friedlichere Anwendungen haben.

So kann unter anderem ein elektrisches Klavier entdeckt werden, für das beinahe 200 Musikrollen zur Verfügung stehen. Rechnet man fünf Minuten pro Rolle, so wäre ein Konzert von ungefähr 16 Stunden möglich – am Stück! Bei Interesse spielen wir gerne die gewünschten Lieder.

Das Museum verdankt das Instrument dem heute 72-jährigen Erich Dietiker, Mitglied des Kulturhistorischen Vereins Ettingen. Dietiker hat schon in frühen Jugendjahren mechanische Musikinstrumente gesammelt, ebenso alte Uhren und Turmuhrwerke. Das Klavier erhielt er mit 22 Jahren im Tausch gegen eine Schwarzwälder Lackschilduhr. Bei dem ausgestellten Instrument handelt es sich um das Modell «Popper Weltpiano Konzertist», 1905 in Leipzig erbaut. Das Handspielklavier läuft mittels gelochter Papierrollen auch selbstständig, ein Elektromotor treibt vier Schöpfbälge an, welche die Vakuumluft für die Automatik erzeugen.

Mit dem «Döschwo» nach Dänemark

Dietiker restaurierte den pneumatischen Apparat und suchte in den Folgejahren nach passenden Musikrollen. Der grösste Teil der Rollen stammt aus einer konkursamtlichen Versteigerung des gesamten Inventars eines Musikautomatenmuseums in Kopenhagen. Dietiker fuhr eigens mit seinem «Döschwo» (Citroën 2 CV) nach Dänemark und kehrte begeistert mit über 150 Rollen in die Schweiz zurück. Der Besitzer zügelte das Klavier mehrmals, bis er es vor einigen Jahren dem Dorfmuseum Ettingen schenkte, um so zu Hause Platz für neue Entdeckungen zu schaffen.

Popper-Notenrolle.

Popper-Notenrolle.

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Da das Modell «Konzertist» in erweiterter Form auch mit Schlagzeug fabriziert wurde und die Herstellerfirma für alle Instrumente die gleichen Rollen verwendete, wurde das vorhandene Modell mit Schlagzeug, Triangel, Tschinelle und Holzblock nachgerüstet. So können alle Informationen auf den Rollen genutzt werden, was den Klang noch abwechslungsreicher macht.

Ein elektrisches Klavier spielt nur so gut wie seine Rollen. Und was ihre Arrangements betrifft, zählen die Popper-Notenrollen mit zu den besten, die je fabriziert wurden. Der Klang eines elektrischen Klaviers ist den damaligen Grammofonen respektive Plattenspielern haushoch überlegen. Dagegen ist der Platzbedarf gegenüber Schallplatten und den heutigen digitalen Speichermedien um ein Vielfaches grösser.

Das Dorfmuseum Ettingen ist jeweils von 10 bis 12 Uhr am ersten Sonntag im Monat geöffnet. Auf Anfrage bieten wir auch Führungen an. Ansprechpartner ist Constantin Stöcklin (061 721 58 31), der Eintritt ist gratis. Weitere Auskünfte finden Sie unter www.museum-ettingen.ch.

*Diese Reihe entsteht in Zusammenarbeit mit dem Museumsverbund Baselland. Der Autor ist Vorstandsmitglied im Kulturhistorischen Verein Ettingen. Weitere spannende Museumsobjekte finden Sie im Kulturgüterportal www.kimweb.ch.

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