«Jerusalema»
Eine Privataudienz beim Welthit

«Jerusalema in Basel» war ein kolossaler Flop: Keine 100 Zuschauer fanden am Freitag den Weg in die Messe zu Nomcebo Zikode. Doch sie hatten ihren Spass.

Stefan Strittmatter
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Nomcebo Zikode singt ihren Welthit «Jerusalema» live in Basel geht dabei auf Tuchfühlung mit den Fans.

Nomcebo Zikode singt ihren Welthit «Jerusalema» live in Basel geht dabei auf Tuchfühlung mit den Fans.

Roland Schmid

«Wir haben ein Problem», sagt die Veranstalterin den Tränen nahe. Es ist 19 Uhr am Freitag, das Gelände im Rundhof der Halle 2 beim Basler Messeplatz ist seit gut zwei Stunden geöffnet, doch nichts deutet darauf hin, dass hier demnächst das grösste Post-Lockdown-Konzert der Stadt stattfinden soll, als das «Jerusalema in Basel» im Vorfeld angepriesen wurde.

Hier hätten 3000 Menschen Platz, die Hälfte davon wäre coronatechnisch erlaubt, weniger als 100 sind gekommen. Entsprechend schnell hat die Frau, die sich hinter der bis dato unbekannten Event-Firma Cre-Art verbirgt, den Fotografen und den Journalisten ausfindig ­gemacht. Viele Besucherinnen und Besucher seien draussen geblieben, sagt sie auf Französisch, weil neben dem ­Ticket ein Covid-Zertifikat verlangt werde.

Anstelle der erlaubten 1500 Besucherinnen und Besucher ist am Freitag keine Hundertschaft in der Rundhalle der Messe aufgetaucht.

Anstelle der erlaubten 1500 Besucherinnen und Besucher ist am Freitag keine Hundertschaft in der Rundhalle der Messe aufgetaucht.

Roland Schmid

Das wahre Problem, das sich am ersten von zwei aufeinanderfolgenden Abenden stellt, ist jedoch weitaus grösser: Die Band – gemeint sind Sängerin Nom­cebo Zikode, die dem Welthit «Jerusalema» ihre Stimme gegeben hat, ihr DJ und die beiden Tänzer – verfüge ebenfalls nicht über die nötigen Zertifikate und warte nun im Hotelzimmer. Ein Schnelltest, wie er vor den Toren der Halle angeboten wird, käme nicht in Frage, da die aus Süd­afrika angereisten Künstler keine Krankenversicherung hätten, und sie, die Veranstalterin, die Test-Kosten nicht aufzubringen vermöge. Bei Ticketpreisen von knapp 70 Franken, notabene.

Seifenblasen, Prosecco und viele leere Plastikstühle

Von alledem bekommt das Publikum aber nichts mit. Auf der Bühne dreht die Genfer DJane Gety Gets an den Reglern, auch wenn die Musik sehr dezent in den Hintergrund gemischt ist. Eine Handvoll Frauen mit Seifen­blasenpuster in der einen und Prosecco-Glas in der anderen Hand tänzeln sich warm. Die übrigen paar Dutzend sitzen wartend auf ihren Plastikstühlen. Ein trauriger Anblick.

Es gäbe im Programm eine Verspätung, verkündet um 20 Uhr ein Ansager auf Englisch, Französisch und Deutsch. Kein Wort vom möglichen Ausbleiben des Stars des Abends. Dann übernehmen mit Remady & Manu-L zwei Männer die ­Bühne, die ihren Job als Anheizer vorbildlich erfüllen. Das Elektro-Pop-Duo um den Basler Sänger Emanuel Gut schafft es in seinem 20-minütigen Kurzset, das Publikum von den Stühlen zu fegen. Mit bunten Medleys und eigenen Hits («Single Ladies») machen sie kurzzeitig vergessen, dass die wenigen Tanzenden auf dem Riesen­gelände sehr verloren wirken.

Die 35-jährige Johannesburgerin animierte ihre Fans mehrfach zum Tanzen und Singen.

Die 35-jährige Johannesburgerin animierte ihre Fans mehrfach zum Tanzen und Singen.

Roland Schmid

Und plötzlich steht Nomcebo Zikode auf der Bühne, um zum Halbplayback fünf Songs zu performen, die alle ähnlich klingen wie «Jerusalema», das sich seit nunmehr eineinhalb Jahren in den Schweizer Charts hält. Man kauft der 35-jährigen Johannesburgerin ihre Freude ab – auch wenn sie einmal zugibt, dass es schade sei, dass das Konzert «nicht ganz ausverkauft» sei.

Tuchfühlung statt Tanz-Challenge

Mehrfach tanzt Zikode vor der Bühne mit ihren Fans und holt spontane Sängerinnen – darunter ein blindes Mädchen, das alle Songs zu kennen scheint – zu sich auf die Bühne, ehe sie den obligaten Hit gleich doppelt darbietet. Aus der geplanten grossen Tanz-Challenge wird an dem Abend nichts, doch die anwesenden Besucher kommen in den Genuss einer Privataudienz bei der Sängerin – Tuchfühlung und Selfies inklusive.

Sie mache an den beiden Abenden keinen Gewinn, spricht die Veranstalterin, die «Jerusalema in Basel» als Wohltätigkeit mit dem eigenwilligen Zweck «Myself» (ich selber) vermarktet hatte, das Offensichtliche aus. Doch sie gehe glücklich ins Bett.

Nomcebo Zikode hatte sichtlich Spass.

Nomcebo Zikode hatte sichtlich Spass.

Roland Schmid

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