Journalismus
Bajour ist ein Fall für Fairmedia

Das Basler Onlinemedium lässt grundlegende journalistische Tugenden vermissen. Das kommt davon, wenn gut gemeint mit gut verwechselt wird.

Christian Mensch
Christian Mensch
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Die Basler Organisation Fairmedia, begründet und bis kürzlich präsidiert vom neuen Regierungspräsidenten Beat Jans, setzt sich «für fairen Journalismus» ein. Sie macht sich zum Fürsprecher von Personen, die sich als Opfer der Medien erachten, oder ergreift aus eigenem Antrieb das Wort.

Bajour ist das neue Onlinemedium der Stadt, ideologisch und finanziell in der Nachfolge der «Tageswoche». Kernstück seiner publizistischen Leistung ist ein täglicher Newsletter, der im Wesentlichen wiedergibt, was andere Medien recherchiert haben. Seit neuestem ist sie ergänzt durch einen Ticker zur Aktualität in der Region. Bajour baut auf einer Gefolgschaft, die neudeutsch eine kritikfreie Community bildet.

Im Schwange von #MeToo

Der Nachteil dieses Konzepts: Die journalistische Distanz, eine Kerntugend in diesem Metier, bleibt auf der Strecke. In der vermeintlichen oder tatsächlichen Übereinstimmung zwischen Redaktion und Nutzerschaft in der Weltsicht, was richtig und falsch ist, entsteht eine anmassende Überheblichkeit, die dem Journalismus als Ganzes schadet.

Aktuelles Beispiel ist der Newsletter-Eintrag zum Basler Grafiker Ludovic Balland, dem die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig wegen Übergriffen fristlos gekündigt hat. Nun schwadroniert Bajour von einer problematischen Reputation des Grafikers («niemand schien erstaunt zu sein») und ruft seine Nutzer auf: «Wenn Du dich zum Fall äussern möchtest, kannst du [N.] gerne kontaktieren. Auch anonym.» Darin steckt nicht nur eine unzulässige Vorverurteilung, sie ist auch kombiniert mit einem offenen Aufruf zur Denunziation. Doch im Schwange von #MeToo scheint dies kein Problem. Bajour steht ja auf der richtigen Seite.

Der feine Unterschied zwischen Meinung und Haltung

Journalismus darf parteiisch sein – ohne Frage. Von einer «Weltwoche» sind genauso wenig politisch ausgewogene Beiträge zu erwarten wie von einer «Wochenzeitung». Doch sich für eine Position einzusetzen oder sich eine Position zu eigen machen, ist eine Unterscheidung, die zentral ist für einen Journalismus, der diesen Namen verdient.

Diese Grenzziehung ist bei Bajour völlig verloren gegangen, etwa im Zusammenhang mit den sogenannten Nazifrei-Prozessen. Angeklagt sind linke Politaktivisten, die sich bei einer Demonstration gegen die rechtsextreme Pnos ein Strafverfahren eingehandelt haben. Die Bajour-Berichterstattung liest sich nun, als stände Bajour selbst vor den Schranken des Gerichts. Man stelle sich vor, ähnlich würde über eine Pnos-Anhängerschaft berichtet.

«Rasterfahndung» ist hipp – «Racial Profiling» ist pfui

Symptomatisch schliesslich die Denunziation von Immobilienbesitzern, die möglicherweise eine «Massenkündigung» planten. «Rasterfahndung» nennt Bajour selbst das Verfahren, offenkundig völlig blind, was dieser Begriff historisch bedeutet und weshalb ihr mit guten Gründen rechtsstaatlich enge Grenzen gesetzt sind. «Rasterfahndung» ist bei Bajour im Zusammenhang mit «Massenkündigungen» jedoch hipp – über «Racial Profiling», ein technisch ähnliches Verfahren zur Verbrechererkennung, kann sich Bajour wohlfeil empören.

Wenn sich Fairmedia dafür einsetzt, was sie sich auf die Fahne geschrieben hat, kann sie sich vor der eigenen Haustür bei Bajour umsehen. Dafür müsste sie allerdings noch die bisher umgelegten Scheuklappen ablegen.