Leitartikel

Journalismus im Grenzbereich – eine Berufsausübung zwischen Endzeitstimmung und Zuversicht

Patrick Marcolli
Lukas Engelberger, Vorsteher Gesundheitsdepartement, Regierungspraesidentin Elisabeth Ackermann, Bundespraesidentin Simonetta Sommaruga, Christoph Brutschin, Vorsteher Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt an einem Point de Presse mit gesperrten Sitzen für den Sicherheitsabstand in Basel am 6. April 2020.

Simonetta Sommaruga in Basel Corona

Lukas Engelberger, Vorsteher Gesundheitsdepartement, Regierungspraesidentin Elisabeth Ackermann, Bundespraesidentin Simonetta Sommaruga, Christoph Brutschin, Vorsteher Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt an einem Point de Presse mit gesperrten Sitzen für den Sicherheitsabstand in Basel am 6. April 2020.

Ein Leitartikel zur Arbeit von Medienschaffenden in Zeiten der Pandemie.

Eine Szene wie aus einem Endzeit-Film: Eine Handvoll Menschen versammelt sich, weitherum verteilt in einem düsteren Auditorium, alle mit Schutzmasken vor dem Mund. Die Bundespräsidentin referiert, neben ihr drei Magistraten des Kantons Basel-Stadt. Sie alle ohne Masken, ebenso maskenfrei einige ihrer Mitarbeiter. So geschehen am vergangenen Montag in einem Saal des Universitätsspitals.

Coronazeit, auch für die Journalistinnen und Journalisten. Man kann dies, ganz pragmatisch, als notwendige Massnahme zum Schutz der Regierenden interpretieren. Doch dieses Setting hat durchaus auch symbolischen Charakter: Wir Medienschaffenden – egal ob in Basel oder anderswo auf der Welt – arbeiten derzeit unter massiv erschwerten Bedingungen. Mehr denn je sind wir auf der Seite der Informationsempfänger, der Unwissenden. Unter uns ist kein Virologe, kein Experte. Wir können nur erahnen, was sich derzeit abspielt, wiedergeben, was wir hören. Die kritische Distanz zu den Regierenden ist nur beschränkt einnehmbar. Warum müssen wir in einer Konstellation wie der beschriebenen überhaupt Masken tragen? Wir hinterfragen, aber wir können nicht beweisen, dass es nicht nötig ist. Das, was derzeit in der Region, dem Land und in der Welt geschieht, hat ursächlich nichts mit bewertbaren politischen Handlungsspielräumen zu tun, sondern basiert auf einem Naturereignis und ist, seit Menschengedenken, ohne Präzedenzfall.

Und doch ist guter, gewissenhafter und kritischer Journalismus mehr gefragt denn je. Das sehen wir an den Reaktionen der Leserinnen und Leser, sei es online oder als Feedback auf Artikel in der Zeitung. Man bringt uns Vertrauen entgegen und setzt gar Hoffnungen in uns. Der Spielraum, den wir als Medienschaffende haben, liegt weniger in der Ursachenforschung und -beurteilung als in der Beschreibung dessen, was die politische Folge dieser Ursache ist. Was wird uns als Gesellschaft zugemutet im Namen der Gesundheitsvorsorge? Das Ausmass an Einschränkungen, das uns aufgebürdet wird und das wir mehr oder minder still hinnehmen, ist enorm. Sogar in der Schweiz, sogar in Basel, wo sich das Ausmass im europäischen und globalen Vergleich relativ bescheiden ausnimmt. Gehen zwei Menschen am Rhein oder auf dem Bruderholz spazieren und sind sich näher als zwei Meter, liegt auf ihnen die Beweislast, dass sie im selben Haushalt leben. Wenn sie ihre Handys eingeschaltet haben, müssen sie sich bewusst sein, dass diese zwei Punkte auf der Karte irgendwo im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung ausgewertet werden. Anonym, wird uns gesagt. Sicher? Vielleicht gelangen in der Region bald, wie bereits im Kanton Genf, Drohnen zum Einsatz, die uns zur Einhaltung der Regeln ermahnen. Brave New World.

In dieser Situation sind die Medien mehr denn je gefragt. Wir müssen uns ein Bild von all dem verschaffen, um der Öffentlichkeit ein möglichst präzises Bild zu vermitteln. Nur auf der Basis einer dichten Beschreibung der Situation kann eine politische Schlussfolgerung gezogen werden. Wohin steuern wir, welche dieser staatlichen Grenzüberschreitungen sind wir bereit, in Kauf zu nehmen? Dass die Landesgrenzen derzeit geschlossen sind, verdeutlicht das Ausmass der Restriktionen. Wir merken an den Leserreaktionen auf Artikel zur Abschottung des einstmaligen Dreilands, wie sensibel und emotional die Öffentlichkeit genau darauf reagiert. Das zeigt uns: Wir sind mit diesen Themen auf dem richtigen Weg. Niemand, der ganz bei Trost ist, will, dass die Schlagbäume unten bleiben. Aber der Übergang von einer liberalen Gesellschaft hin zu einem autoritär organisierten Staatsmodell geschah in der Geschichte oft fliessend. Die Staatenlenker fanden auch ohne Pandemien immer Argumente, dass dies zum Wohl aller geschehe. Also ist höchste Wachsamkeit das Gebot der Stunde und das Gebot für uns Journalisten.

Es ist schon fast eine Ironie der Geschichte, dass die traditionellen nicht-staatlichen Medien dies aus einer Situation der wirtschaftlichen Schwäche leisten müssen. Wie so viele andere Arbeitnehmer auch, sind die Journalisten dieser Zeitung seit kurzem dem Kurzarbeitsregime unterworfen. Wir planen, koordinieren und schreiben grösstenteils von zu Hause aus. Das ist eine Parforceleistung sondergleichen. Wir möchten und müssen auch unter diesen Umständen den Mächtigen in unserer Beschreibung der Situation und der Handlungen so nahe wie möglich kommen. Ja, wir müssen sie demaskieren.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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