Kommentar
Zur Berichterstattung der «Basler Zeitung» zum alljährlichen Grossratsfest: Die verdrehte Weltsicht ohne Korrektiv

Pandemische Zeiten bringen manches durcheinander. Nicht zuletzt das Denken. Doch wenn dem Denken die Logik abhandenkommt, dann wird es schwierig mit dem gesellschaftlichen Diskurs, einer der wesentlichen Voraussetzungen für den sozialen Frieden.

Christian Mensch
Christian Mensch
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In der Berichterstattung der «Basler Zeitung» zur traditionellen Feier, die jeweils der Präsident des Grossen Rates ausrichtet, ist einiges durcheinandergeraten, was nicht unwidersprochen bleiben kann, wenn einem der soziale Frieden etwas wert ist.

In der Berichterstattung ist die Rede, dass der Grossratspräsident David Jenny «am Pranger» stehe. Sein Vergehen sei, dass er «Ungeimpfte freiwillig diskriminiert» habe. Er habe von den Teilnehmenden des Grossratsfestes nämlich ein Covid-Zertifikat (geimpft, getestet, genesen) verlangt, was über die Mindestauflagen hinausgehe, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verordnet hat.

Wer diskriminiert hier eigentlich wen?

Der Reporter macht sicht mit seinem Beitrag zum Sprachrohr des Jung-SVP-Politikers David Trachsel. Das ist zwar wenig professionell und wäre an sich nicht weiter beachtenswert. Doch dieser Impfskeptiker hat mit Gleichgesinnten eine Website aufgeschaltet, auf der aufgeführt wird, wer sich in seinem Schutzkonzept nicht mit dem Minimum an Auflagen begnügt.

Die Frage, die sich als erste stellt, ist: Wer diskriminiert hier eigentlich wen? – In der Logik des Berichts würden die nichtgeimpften Personen diskriminiert. Dies ist grundsätzlich Unsinn, weil sie nicht ausgegrenzt werden, sondern ihnen ein einfacher Weg offensteht, sich weiterhin nicht impfen zu lassen und dennoch an der Feier teilnehmen zu können. Und dies, ohne sich als Impfskeptiker outen zu müssen. Ein ähnlich einfacher Weg für Geimpfte, sich der potenziell höheren Gefährdung durch Nichtgeimpfte zu entziehen, gibt es nicht.

Gefährliche Polemik

Eigentlich problematisch wird nun jedoch die versuchte Umkehrung der beklagten Verhältnisse: Im Namen der angeblich Diskriminierten werden nun die mutmasslichen Diskriminierer an den Pranger gestellt – und damit: diskreditiert.

Die Methode ist bekannt und war von einem Mann zur Perfektion entwickelt worden, der bis zu seiner Abwahl Präsident der Vereinigten Staaten war. Nicht seine politischen Gegner, sondern Donald Trump selbst ist es gewesen, der den Begriff der «Fake News» erst richtig zur Blüte brachte. Nachdem ihm x-fach nachgewiesen worden war, dass er faktischen Unsinn erzählt, wendete er dieses «Fake News» gegen alle, die seiner queren Weltsicht zu widersprechen wagten. Das ist eine gefährliche Polemik, deren gesellschaftliche Spaltwirkung manifestiert ist.

Versuch einer Reflexion

Dass auch hierzulande mit verdrehter Weltsicht politisiert wird, so ist dies das eine. Von Medienschaffenden ist allerdings zu erwarten, dass sie zumindest den Versuch einer Reflexion starten, bevor sie sich – wie hier noch in potenzierter Form – zum Sprachrohr solcher Haltungen machen.

Wenn dies dem einzelnen Medienschaffenden nicht gelingt, ist dies nicht bloss zu dessen Schaden, sondern zum Schaden aller, die zum gesellschaftlichen Diskurs Sorge tragen wollen.

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