Konzert-Reihe
Zum Floss-Auftakt waren alle Schleusen weit geöffnet

Der Floss-Auftakt mit Goran Bregovic geriet zur ausgelassenen Party am Kleinbasler Rheinufer – mit enormem Publikumsandrang und faktisch kaum Auflagen.

Stefan Strittmatter
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Goran Bregovic und seine Wedding & Funeral Band eröffneten am Mittwochabende den Reigen der diesjährigen Floss-Konzerte.

Goran Bregovic und seine Wedding & Funeral Band eröffneten am Mittwochabende den Reigen der diesjährigen Floss-Konzerte.

Roland Schmid

Am Schluss sitzt eigentlich nur noch der Meister selber: Lange vor der obligaten Zugabe – dem Knaller «Kalashnikov» – haben Goran Bregovic und seine Wedding & Funeral Band am Mittwochabend geschafft, was bei den Floss-Konzerten nur selten passiert: Sämtliche Besucherinnen und Besucher erheben sich von den Sitzplätzen, die sie zuvor am Kleinbasler Rheinufer ergattert und verteidigt hatten.

Dass der bosnische Band­leader auf seinem Stuhl ­hocken bleibt und lediglich mit den Armen tanzt, gehört zur Selbstinszenierung, die der 71-jährige (und zumindest aus der Entfernung massiv jünger wirkende) Musiker perfektioniert hat: Bregovic als weiss gekleideter Zeremonienmeister, der mit Versatzstücken aus Balkan, Gipsy, Mariachi und Euro­dance einen Soundtrack ­anrührt, dem sich niemand entziehen kann.

Perkussion und Bässe ab Konserve eingespielt

Seine hochkarätige Band hätte das Zeugs zum Konzert, ihm aber steht die Laune nach Party. Und so verkommen die acht Musiker und Sängerinnen über lange Strecken des 90-minütigen Auftritts zu Statisten. Die musikalischen Haupt­akteure bleiben die ab Konserve eingespielten Perkussions- und Bass-Spuren.

Nur im letzten Drittel ertönt der eine oder andere Song ohne Hilfe von Halbplayback. Diese Stellen im Repertoire geraten – wenig überraschend – zu den Höhepunkten des Abends. Da wäre zum einen das von Bregovic zu spärlichen Gitarrenakkorden mehr rezitierte denn gesungene «In the Deathcar»: Diese Variation auf ein Lied des algerisch-französischen Sängers Enrico Macias ist vertonter Wüstensand, der vergessen macht, dass das Floss ­dieses Jahr um knapp zwei Monate in Richtung Herbst verschoben stattfindet.

Die Besucher – bis zu 850 Personen im abgesperrten Bereich – riss es von den Sitzen.

Die Besucher – bis zu 850 Personen im abgesperrten Bereich – riss es von den Sitzen.

Roland Schmid

Noch berauschender, weil geheimnisvoller, gerät die Roma-­Ballade «Ederlezi», die Bregovic 1988 für einen Film von Emir Kustu­rica geschrieben hatte. Hier kommen die wunderbar fremdartigen Stimmen von ­Judmila Radkova Traykova und Danijela Radkova Alesandrova voll zur Geltung, die sonst im Getöse eher untergehen.

Doch die intimen Momente währen nur kurz: Sei es mit einer aufgepeppten Version des Gassenhauers «Bella Ciao» oder Power-Stücken wie «Mesecina» und «Gas Gas», die Wedding & Funeral Band heizt die Stimmung am Rheinbord weiter an. Es scheint, als tanze sich hier die halbe Stadt den Lockdown- und Homeoffice-Blues vom Leib. Alle Schleusen stehen weit offen.

Bis zu 850 Besuchende im abgesperrten Bereich

Tino Krattiger, selbsternannter «Kapitän» des Flosses, freut sich zurecht ab dem Eröffnungsabend der diesjährigen Konzertreihe: Er sei sehr zufrieden mit der Opening Night, sagt er auf Anfrage: «Da war ein grosses Bedürfnis der Menschen in unserer Stadt nach etwas Normalität und Musik und Lebensfreude spürbar.»

Spürbar war indes auch eine ­anfängliche Verwirrung betreffend der geltenden Coronamassnahmen. War im vergangenen Jahr der gesamte Zuschauerraum inklusive Uferstrasse abgesperrt, so galt dieses Jahr lediglich für die Treppenstufen und die Sonnenterrasse eine Zertifikatspflicht.

Man stand dicht an dicht mit Besucherinnen und Besuchern, die ausserhalb der Abschrankungen kein Zertifikat zeigen mussten.

Man stand dicht an dicht mit Besucherinnen und Besuchern, die ausserhalb der Abschrankungen kein Zertifikat zeigen mussten.

Roland Schmid

Krattiger spricht von rund 850 Besuchenden zu Spitzenzeiten, wobei dies nur den abgesperrten Bereich beinhaltet, wo während des Konzertes ohnehin kein weiterer Mensch Platz gefunden hätte. Dass der Übergang vom ­abgesperrten zum frei zugäng­lichen Areal fliessend ist, macht mit Blick auf die Coronaprävention jedoch wenig Sinn. Getrennt einzig von einem Stahlgitter, steht man dicht an dicht. Zudem muss man sich für ein Bier den Weg durch die nicht zertifizierten Massen bahnen.

Für das Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt stellt dies kein Problem dar, wie dessen Sprecherin Anne Tschudin auf Anfrage sagt: «Sämtliche Bestimmungen der Covid-Verordnung wurden eingehalten.»

Floss. Kleinbasler Rheinufer. Bis 18. September. www.floss.ch

Goran Bregovic (ganz in weiss) blieb seiner Rolle als Zeremonienmeister der Party treu.

Goran Bregovic (ganz in weiss) blieb seiner Rolle als Zeremonienmeister der Party treu.

Roland Schmid

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