Kulturpreis Baselland
Die vier Gewinner im Gespräch mit der bz: «Ich glaube, die Ferien müssen warten»

Ein Gespräch mit den vier Gewinnern der Spartenpreise des diesjährigen Baselbieter Kulturpreises über Verwurzelung, Vernetzung und ungebremsten Arbeitseifer.

Stefan Strittmatter
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Coronakonforme Gesprächsrunde im Garten der Villa Clavel in Augst (von links): Dadi Wirz, Rebecca Weingartner, bz-Redaktor Stefan Strittmatter, Simon Dettwiler und Michael Zisman.

Coronakonforme Gesprächsrunde im Garten der Villa Clavel in Augst (von links): Dadi Wirz, Rebecca Weingartner, bz-Redaktor Stefan Strittmatter, Simon Dettwiler und Michael Zisman.

zvg/ Mathias Willi

Die Tänzerin Rebecca Weingartner (1981), die beiden Musiker Simon Dettwiler (1976) und Michael Zisman (1982) sowie der Künstler Dadi Wirz (1931) wurden diese Woche in ihrer jeweiligen Sparte mit dem Kulturpreis Baselland für ihr herausragendes Schaffen geehrt. Am Tag der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Preisverleihung haben sie sich mit der bz zum Interview im Freien getroffen.

Sie vier sind Preisträger des Kulturpreises Baselland. Wie lange kennen Sie sich gegenseitig?

Dadi Wirz: Ich sehe die anderen drei heute zum ersten Mal.

Rebecca Weingartner: Ja, ich hatte auch erst heute die Freude, Euch alle kennen zu lernen.

Simon Dettwiler: Das ging mir auch so, wobei ich mit Michael schon indirekt zu tun hatte. Wir haben beim Zmittag drüber geredet, gewusst haben wir das schon vorher, einfach persönlich begegnet sind wir uns noch nicht.

Sie beide spielen ja quasi in der gleichen Instrumentengruppe.

Michael Zisman: Wir haben beide am Soundtrack zum Film «Verdingbub» mitgearbeitet. Doch unsere Einsätze im Studio waren an anderen Tagen, also sind wir uns nicht begegnet.

Dettwiler: Da gibt es eine Stelle, wo mein Schwyzerörgeli nahtlos in Michaels Bandoneon übergeht. Unsere Instrumente haben sich quasi schon berührt, aber wir sehen uns Heute zum ersten Mal.

Dabei sind Sie Kulturschaffende aus ein und demselben Kanton. Müsste man sich da nicht kennen?

Weingartner: Es gibt ja viele Entwicklungen in Richtung Transdisziplinarität. Ich finde den Gedanken sehr unterstützenswert, wenn sich die Sparten durchmischen.

Zynisch gefragt: Wenn Sie sich untereinander nicht kennen, warum soll es der Bevölkerung anders gehen?

Dettwiler: Da stehen wir als Kunstschaffende auch selber in der Verantwortung. Ich habe schon viel mit Tänzerinnen zusammengearbeitet, aber Rebecca ist mir dabei noch nicht begegnet. Der Kanton ist halt gross, es hat hier sehr viele Künstler. Und viele oder gar die meisten davon arbeiten ja nicht nur in der Region, sondern richten sich auf nationale und internationale Projekte aus.

Dadi Wirz und Rebecca Weingartner.

Dadi Wirz und Rebecca Weingartner.

zvg/ Mathias Willi

Sie alle sind oder waren auch im Ausland tätig. Herr Wirz, Ihre Vita liest sich wie ein Atlas.

Wirz: Ich war immer auf Reisen. Mein Vater war Ethnologe, schon als dreijähriges Kind war ich in Schwarzafrika, mit fünf in China und Japan. So ging das weiter bis 1945. Erst nach dem Kriegsende wurde ich hier sesshaft.

Was hat Sie mehr inspiriert, das Ausland oder die Heimat?

Wirz: Das kann ich nicht beurteilen, aber ich weiss, dass mir die Ruhe, die ich beim Arbeiten in meinem Elternhaus am Waldrand zwischen Reinach und Therwil habe, enorm wichtig ist.

Zisman: Ich denke, Kunst hat grundsätzlich einen universellen Charakter. Besonders auch in meiner Musik spielt der geografische Standort eine eher untergeordnete Rolle. Hier in der Region finde ich jedoch den stimmigen Raum für meine Arbeit.

Weingartner: Ich fühle mich stark mit Basel verbunden. Für mich war es auch eine bewusste künstlerische Entscheidung, nicht im Ausland tätig zu sein, ich will mich mit dem Hier auseinandersetzen. Dies liegt vielleicht an meiner Identität. In der Schweiz werde ich noch immer regelmässig gefragt, woher ich eigentlich komme. Als ich in Amsterdam studiert habe, wurde ich das beispielsweise nie gefragt.

Dettwiler: Bei mir ist es hingegen so, dass ich schon wegen meines Instrumentes wegen an die Schweiz gebunden bin.

Simon Dettwiler

Simon Dettwiler

zvg/ Mathias Willi

Mit dem Schwyzerörgeli könnten Sie aber auch ein Exportschlager sein.

Dettwiler: Es ist nicht so, dass die Welt auf alpenländische Volksmusik gewartet hat. Das ist bei der irischen Volksmusik, dem Tango oder beim Klezmer anders. Ich könnte in New York mit Schweizer Volksmusik vermutlich keine Existenz aufbauen. Ich hatte auch nie dieses Bedürfnis.

Abgesehen von der regionalen Anbindung, wie wichtig ist die Vernetzung mit einzelnen Institutionen?

Weingartner: Für mich ist das Theater Roxy in Birsfelden enorm wichtig, das betrachte ich ein Stück weit als meine Heimat. Aber bei Institutionen gilt: Mehr könnte es immer geben.

Könnte oder müsste?

Weingartner: Die Coronazeit hat uns gelehrt, uns neu zu erfinden. Das wünsche ich mir auch von den Häusern. Mir wäre es ein grosses Anliegen, dass sich nach der Pandemie auch neue Räume, neue Formate in der Region öffnen.

Wirz: Bei mir war das Kunsthaus Baselland immer enorm wichtig. Hier fand ich viel Unterstützung. Ebenso bei einer Basler Galerie, die meine Kunst und jene meiner Frau regelmässig ausstellt. Alleine deswegen schon möchte ich heutzutage nirgendwo sonst mehr sein als hier.

Zisman: Ich bin noch nicht so lange in der Region, und habe immer schon länger gebraucht, Wurzeln zu schlagen und Kontakte zu knüpfen. Ich habe jedoch zunehmend einen guten Draht zu diversen Kulturveranstaltern und ich freue mich, was da künftig alles noch entstehen wird.

Michael Zisman

Michael Zisman

zvg/ Mathias Willi

Denken Sie, dass Ihnen dabei der Kulturpreis helfen wird?

Zisman: Ich muss zugeben, das ich mir dazu noch gar keine Gedanken gemacht habe. Im Moment überwiegt bei mir die Dankbarkeit für die Anerkennung. Als Kunstschaffender stelle ich mir ja oft die Frage, wie relevant mein Schaffen ist.

Dettwiler: Ich mache meine Musik nun seit 30 Jahren, da tut so eine Anerkennung schon sehr gut. Auch weil ich den Preis als Preis für meine Szene erachte: Die Schweizer Volksmusik schafft zunehmend den Schritt in den Kulturkuchen.

Weingartner: Bei mir hat der Preis Gedanken auf vielen Ebenen ausgelöst. Wie Simon empfinde ich ihn als Anerkennung für meine Szene. Und gleichzeitig empfinde ich den Preis auch als Anerkennung für alle Kulturschaffenden, die wie ich einen Migrationshintergrund haben und gleichzeitig die Kunst nicht in die Wiege gelegt bekommen haben. Von meiner sozialen Herkunft wäre ich eigentlich nicht dazu bestimmt gewesen, Tänzerin zu werden. So bin ich auch eher zufällig und spät zum Tanz gekommen. Im Alter von 20 Jahren zu entscheiden, Tänzerin zu werden, so was ist eigentlich nur Männern vorbehalten, aufgrund ihrer Unterrepräsentation in der Tanzwelt.

Wirz: Ich sehe den Kulturpreis als schönen grossen goldenen Rahmen für meine Kunst. Aber er ist mehr als das: Er ist auch Passepartout.

Also bewusst nicht als abschliessenden Preis für Ihr Lebenswerk?

Wirz: Für mich ist es wichtig, immer weiter zu machen. Es kommt der Zeitpunkt, wo ich ganz von selber aufhöre. Ich denke noch nicht an den Ruhestand.

Aber vielleicht an Ferien? Wie setzen Sie das Preisgeld von je 20'000 Franken ein?

Zisman: Die aktuelle Situation ist für uns alle in der Kultur ein tiefer Einschnitt, und zumindest bei mir wird das Preisgeld zu einem Teil Coronalöcher stopfen müssen. Dies schafft jedoch Luft, um gewisse langersehnte Projekte voranzutreiben.

Dettwiler: Ich hoffe, dass die Pandemie nicht noch länger andauert, denn ich möchte einen Teil des Betrags in die Renovation von ein oder zwei alten Instrumenten investieren.

Weingartner: Kaum hatte ich vom Preisgeld gehört, rief ich meinen Produktionsleiter an, um ihm zu sagen, dass die Finanzierung unseres nächsten Projekts steht. Aber seine Antwort war: «Auf keinen Fall, Rebecca. Du hast erst seit zwei Jahren eine Pensionskasse. Dein Geld geht dahin!»

Rebecca Weingartner

Rebecca Weingartner

zvg/ Mathias Willi

Und?

Weingartner: Ich brauche noch etwas Zeit, um mich zu entscheiden, zwischen dem vernünftigen und dem inspirierten Weg. Aber ja, es ist ein beruhigendes Gefühl, aus der ersten akuten Prekarität raus zu sein.

Wirz: Ich habe die Wahl zwischen einem langen Aufenthalt auf einer Südseeinsel oder Materialgeld für eine Arbeit aus Messing und Stahl, an der ich gerade arbeite. Und ich glaube, die Ferien müssen noch warten.

Kehren wir zum Baselbiet zurück. Wie sehen Sie den Kanton im schweizweiten Vergleich?

Zisman: Als Zuzüger bin ich extrem überrascht von der Offenheit des Kulturwesens und der Institutionen. Ich hatte sofort das Gefühl, wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden.

Dettwiler: Man spürt, dass wir ein Halbkanton sind und uns entsprechend immer mit der Stadt messen müssen. Was mir aber mehr auffällt, ist, dass wir für die Restschweiz wohl eine Art Insel sind.

Eine, die man verlassen müsste?

Dettwiler: Man könnte den Bözberg abtragen, aber es bleibt wohl das Schicksal einer Randregion, dass sie im Rest des Landes weniger wahrgenommen wird. Gleichzeitig haben wir den Vorteil des nahen Auslands.

Weingartner: Ich sehe viel Potenzial bei Zusammenarbeiten der beiden Halbkantone. Und ich mag auch die Bemühungen, die es bereits gibt, uns mit den angrenzenden Regionen zu vernetzen. Andererseits gibt es gemessen am hiesigen Potenzial noch viel Ausbaufähigkeit. Grenzüberschreitendes Denken müsste – wie in der Kunst selber – auch bei der Vermittlung und Vernetzung ein Ziel sein.

Wirz: Basel-Stadt und Baselland liegen rein geografisch gesehen an einem idealen Ort: Man ist schnell in Paris oder Berlin. Andererseits haben wir mit der ART eine Kunstmesse von Weltniveau, wer kann denn sonst mit so etwas auftrumpfen? Ich bin einfach nur froh, hier sein und arbeiten zu dürfen.