Kulturpreis Baselland
Simon Dettwiler bekommt den Spartenpreis Musik

Diese Woche werden die vier Preisträgerinnen und Preisträger des Kulturpreis BL 2021 verkündet. Der Spartenpreis Musik geht an den 45-jährigen Schwyzerörgeli-Spieler Simon Dettwiler. Die bz publiziert die Laudatio.

David Schönhaus
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Hat seinen Vater an unzähligen Stubeten begleitet: Simon Dettwiler.

Hat seinen Vater an unzähligen Stubeten begleitet: Simon Dettwiler.

Matthias Willi

Zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe ich Simon Dettwiler vor etwa 20 Jahren, als ich einen Anlass der Musikschule Gelterkinden mit dem GelterKinder-Chor und der Schwyzerörgeli-Grossformation Tschoppenhof betreute. Sowohl der Kinderchor als auch die meisten Musiker*innen der Grossformation waren bereits anwesend, als ein junger schlaksiger Mann mit blondem Lockenkopf das Konzertlokal betrat.

Er passte nicht ins Bild. Zu alt für den Kinderchor, zu jung für die Schwyzerörgeli-Formation. Mein erster Gedanke: «Er hat sich wohl verlaufen». Doch er setzte sich mit grosser Selbstverständlichkeit in die Mitte des Raumes und ohne, dass ich ein Signal bemerkt hätte, formierten sich alle Musiker*innen mit ihren Schwyzerörgeli im Halbkreis um ihn.

Kulturpreis BL: Porträt Simon Dettwiler.

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Als wäre er ein Magnet, richteten sich alle nach ihm aus und schon erklangen die wunderbarsten und überraschendsten Melodien. Dieser junge Musiker führte fast wortlos, nur mit seiner Ausstrahlung und mit seiner Musik, das Ensemble durch den Abend. Alles schien plötzlich zu stimmen.

Simon Dettwiler kennt, respektiert und liebt die Tradition.

Das Schwyzerörgeli in all seinen regionalen Variationen beherrscht er mit Feingefühl und Witz wie kein Zweiter. Er ist mit der Tradition aufgewachsen und hat das Instrument so gelernt wie viele Generationen vor ihm auch: durch Zuhören, Nachspielen, Nachahmen und Weiterentwickeln.

Er ist Bürger von Langenbruck und in Hölstein aufgewachsen. Simon begleitete seinen Vater an unzählige Stubeten, Chilbis und Konzerte, erlebte seine musikalischen Vorbilder und wusste bald, «das will ich auch». Schon früh war er vom Schwyzerörgeli begeistert. Den ersten Unterricht genoss er bei Stefan Wehrli, dem Lehrer, der in Insiderkreisen zum wichtigsten Förderer der regionalen Schwyzerörgeli-Kultur zählt, in dessen Mofa-Werkstatt, die kurzerhand nach Ladenschuss zum Unterrichtslokal verwandelt wurde.

Dettwilers Neugier lässt ihn experimentieren, improvisieren und lernen.

Dettwilers Neugier lässt ihn experimentieren, improvisieren und lernen.

zVg

Simon Dettwiler hat keinerlei Berührungsängste mit andern Musikarten und -kulturen. Seine Neugier lässt ihn experimentieren, improvisieren und lernen. Heute gehört er zu den führenden Exponenten der «neuen» Volksmusik, manchmal weit entfernt von allem, was als traditionell empfunden wird. Ein Widerspruch? Nein, im Gegenteil! Dank seiner tiefen Verwurzelung in der Tradition ist es ihm möglich, darauf aufbauend neue Klänge und musikalische Welten zu entdecken und zu kreieren.

Auf diesem Fundament bewegt er sich mit Leichtigkeit zwischen Stilen und Klängen, unternimmt so manchen musikalischen Hochseilakt und treibt sich und andere an, musikalische Grenzen charmant und liebevoll zu missachten. Die Tradition behält er dabei im Rückspiegel im Auge und zollt ihr grossen Respekt, ohne dabei in Ehrfurcht zu erstarren. Mit traumwandlerischer Sicherheit geht er seinen eigenen Weg. Er musiziert kunstvoll, aber nicht gekünstelt, archaisch und filigran zugleich.

Und wenn man ihn stilistisch in einer Schublade verorten möchte, weiss er sich geschickt daraus zu befreien.

Neben seinen eigenen musikalischen Projekten, die zwischen Innovation und Tradition oszillieren, zeigt sich seine Innovationskraft auch in der Gründung und Organisation der Markthalle-Stubete. In urbanem Umfeld entsteht ein musikalischer Kosmos, den man eher an einem ländlichen Dorffest vermutet. Dabei begegnen sich Musiker*innen aller Gattungen und jeden Alters, um gemeinsam zu musizieren und zu feiern. Die Markthalle-Stubete steht für genau diese Offenheit und Lust, alte und neue Klänge zu vermischen, Begegnungen zu ermöglichen und sich gegenseitig zuzuhören.

Kulturpreis BL: Verleihung Simon Dettwiler.

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Mit seiner Offenheit und seiner musikalischen Integrität ist Simon Dettwiler ein Brückenbauer zwischen Jung und Alt, Vergangenheit und Zukunft. Seine Musik ist ehrlich, erfrischend, überraschend und doch so vertraut. Er vollbringt damit das Kunststück zu fliegen und gleichzeitig die Bodenhaftung zu behalten. Mit dem Spartenpreis Musik 2021 erweist der Kanton Basel-Landschaft Simon Dettwiler seine Hochachtung vor dem beschrittenen Weg und freut sich, wenn er diesen weitergeht, um noch viele unbekannte und neue Klänge zu entdecken.

David Schönhaus ist Kulturrat Baselland.