Kunst
Die Fondation Beyeler wirft das Fenster auf

Das Museum präsentiert seine Sammlung im grünen Gewand.

Hannes Nüsseler
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Installationsansicht «Nature Culture» mit Philippe Parrenos Tannenbaum und Wolken von Tacita Dean.

Installationsansicht «Nature Culture» mit Philippe Parrenos Tannenbaum und Wolken von Tacita Dean.

Mark Niederman

Schon wieder Weihnachten? Die Zeit, wenn wir ein Stück Wald in unser Zuhause holen, um ihn Tage später schnöde auf die Strasse zu kehren? Die Fondation Beyeler hat von diesen Bäumen auf ­Abruf ein Prachtexemplar ausgestellt, samt verdorrten Nadeln und den glitzernden Resten eines Eisregens. Dass dieser trotz sommerlicher Temperaturen nicht wegschmilzt, hat einen einfachen Grund: Das Werk von Philippe Parreno ist aus handbemaltem Metall.

In ihrer grössten Sammlungspräsentation seit 2017 stellt die Fondation Beyeler 170 Kunstwerke aus drei Jahrhunderten aus, mit einem Schwergewicht auf den Evergreens der klassischen Moderne. Wie Direktor Sam Keller ausführt, hat die atemberaubend invasive Installation des Isländers Olafur Eliasson dazu angeregt, den Bestand unter dem Blickwinkel von ­«Nature Culture» zu betrachten. «Wir haben die Präsentation ­weniger nach kunsthistorischen Gesichtspunkten zusammengestellt, sondern wollten auf eine Art Spaziergang durch die Werke einladen.»

Der erste von insgesamt zwölf Räumen beginnt dementsprechend mit einem wahren Kunstdickicht: Gemäss der überbordenden Ästhetik fürst­licher Sammlungen hängen die Bilder in dieser Galerie so eng, dass kaum ein Sonnenstrahl durchzudringen vermöchte, handelte es sich dabei tatsächlich um einen Wald. «Eine der höchsten Konzentrationen von Kunst in einem Raum», sagt Keller dazu gelassen und verweist auf Max Ernsts «Sumpf­engel», der leitmotivisch durch den Raum schwebt, vor ­allem aber auch den Zusammenhang zur giftgrünen und gefährlich strahlenden Naturschönheit von Eliassons Tümpel schafft.

Installationsansicht «Nature Culture» in der Fondation Beyeler mit Monnets Seerosenbildern.

Installationsansicht «Nature Culture» in der Fondation Beyeler mit Monnets Seerosenbildern.

Mark Niedermann

Bildunterschriften und weitergehende Informationen fehlen in diesem ersten, überwältigenden Kabinett der Natur- und Sinneseindrücke, doch verfolgen einen die grossen Namen auf Schritt und Tritt. «Jedes Bild hat mit seinen Nachbarn zu tun», erklärt Keller, der seine Freude an dem gelungenen Versteckspiel von Bezügen und Parallelen gar nicht erst verbergen mag. «Und wann hat man schon einmal Gelegenheit, Hopper direkt neben Hodler zu präsentieren?»

Nach dem geballten Auftakt wird der weitere Weg übersichtlicher. Hinter einem grünen Glasperlenvorhang warten ausgesuchte Werke von Constantin Brancusi, Barnett Newman und Mark Rothko, dem eine eigene «Kapelle» gewidmet ist – ­Farbe wird selbst zum Naturereignis, das seine Betrachterinnen und Betrachter überwältigt.

Verspielter geben sich Claude Monets Seerosenbilder, die ausgerahmt wurden und so die von Eliasson verflüssigte Demarkationslinie zwischen Natur und Kultur wunderbar betonen. Im selben Raum zeigt der Isländer auch mehrfarbige Gläser, die durch Vielschichtigkeit den irisierenden Effekt eines Teiches erzeugen, auf dem das Licht der Sommersonne liegt.

Installationsansicht «Nature Culture» in der Fondation Beyeler mit einem Werk von Wolfgang Tillmans.

Installationsansicht «Nature Culture» in der Fondation Beyeler mit einem Werk von Wolfgang Tillmans.

Mark Niedermann

Alberto Giacometti darf in dieser Schau natürlich nicht fehlen, dessen Skulpturen durch die Atelierfotografien von Ernst Scheidegger Kontext erhalten; von Tacita Dean ist eine grosse Wandtafel zu sehen, auf der eine exquisite Wolkenformation in Kreidefarbe aufgetupft wurde – etwas Wasser, und die luftige ­Illusion wäre dahin. Und immer wieder spielt die Ausstellung mit dem Widerspruch, dass wir uns hinter Mauern begeben, um über die Natur – die innere wie die äussere – nachzudenken.

Wolfgang Tillmans liefert dazu abschliessend das visuelle Soundbite, wenn er in der ­Museumsmauer ein Fenster als Trompe-l’œil aufwirft und uns den grünsten Baum überhaupt zeigt: Drinnen ist draussen und umgekehrt. Und wir holen Luft.

«Nature Culture», Fondation Beyeler, 13. Juni bis 21. September