Kunst
Verspielte Pop-Referenz, verdichtete Kommunikation und kunstvolle Ironie: Wo Songtitel das Gespräch suchen

Die Kulturstiftung Basel H. Geiger zeigt ein Projekt des Künstlerduos Jahic/Roethlisberger, das nach Corona klingt, aber vorher erdacht wurde.

Stefan Strittmatter
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«Willkommen im Dschungel» sangen die österreichischen Bilderbuch. Und Jahic/Roethlisberger eröffnen damit den Dialog.

«Willkommen im Dschungel» sangen die österreichischen Bilderbuch. Und Jahic/Roethlisberger eröffnen damit den Dialog.

Bild: Zvg

«Immigrant Song» steht da in blutroter Handschrift. Darunter hat jemand in hochgezogenen Lettern, die an eine Skyline erinnern, ergänzt: «I’m Afraid of Americans». Was wie eine schriftliche Auseinandersetzung an einer Toilettenwand anmutet, ist verspielte Pop-Referenz, verdichtete Kommunikation und kunstvolle Ironie.

Das A4-Blatt, auf dem sich die genannten Songs von – Rockfans haben es erkannt – Led Zeppelin und David Bowie begegnen, hängt gerahmt in der Kulturstiftung Basel H. Geiger an der Spitalstrasse. Entlang den Wänden und frei von der Decke hängend finden sich rund 80 weitere Zeugnisse dieser «Conversation Through Song Titles», wie das Künstlerduo Jahic/Roeth­lis­ber­ger sein neustes Projekt nennt.

Rund 80 Songtitel-Dialoge sind entstanden.

Rund 80 Songtitel-Dialoge sind entstanden.

Bild: Zvg

Assoziationsspiel und Austausch

Die «Songtitel-Konversa­tion­en» haben ihren Ursprung in einem Assoziationsspiel, das Admir Jahic und Comenius Roethlisberger untereinander eingeführt hatten: Der eine schreibt einen Song auf ein Blatt, der andere antwortet mit einem anderen Lied. Schnell war die Idee geboren, diesen Austausch mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern weiterzuführen.

Die Ergebnisse sind witzig, etwa wenn Tom Waits’ «Chocolate Jesus» mit einem fordernden «Gimme Gimme Gimme» von Abba gekontert wird. Sie stimmen nachdenklich, wie bei der Kombination von «Boys Don’t Cry» und «Ain’t That A Shame». Oder sie geraten zum philosophischen Mini-Exkurs wie beim Dreierdialog aus «I Kissed A Girl», «I Kissed A Boy» und dem abschliessenden «I Still Haven’t Found What I’m Looking For».

Dass sie ihre Briefe um den Globus schickten, just als die Postzustellung wegen der Pandemie vielerorts an ihre Grenzen stiess, habe der Aktion eine ­unbeabsichtigte Aktualität ver­liehen, führt Jahic aus: «Manche Pakete mussten wir bis zu viermal verschicken, ehe wir eine Antwort bekamen.» Und Roethlisberger ergänzt: «Auch dass wir uns mit der Musik als Kommunikationsmittel jenes Genre ausgesucht hatten, das im Lockdown ganz zu verstummen drohte, ist ein schöner Zufall.»

Admir Jahic und Comenius Roethlisberger hinter einer der Neoninstallationen in der Kulturstiftung Basel H. Geiger.

Admir Jahic und Comenius Roethlisberger hinter einer der Neoninstallationen in der Kulturstiftung Basel H. Geiger.

Bild: Zvg

Der Zufall hat im Schaffen des Künstlerduos ohnehin einen hohen Stellenwert. Sie hätten bewusst nur mit minimalen Vorgaben gearbeitet und nicht gewusst, was sie auf ihre versendeten Songtitel zurückbekommen würden. Entsprechend mutig sei die Kulturstiftung Basel H. Geiger gewesen, als sie dem Projekt frühzeitig ihre Unterstützung angeboten habe, so die beiden federführenden Künstler.

Neben dem Zufall spielt in den Arbeiten von Jahic/Roeth­lisberger die Gleichberechtigung eine wichtige Rolle. So haben sie als Gegenüber für ihre Dialoge neben gestandenen Grössen der internationalen Kunstszene auch junge Absolventinnen und Absolventen von Kunstgewerbeschulen gewählt. Dass sie ihre Werke in den Ausstellungsräumen ohne Namen präsentieren, verstärkt diesen Effekt.

Ein kostenloser Katalog und ein aufwendiges Buch

Gleichzeitig fehlen auch die Angaben, um wessen Song es sich jeweils handelt. Diese Informationen finden sich teilweise im kostenlosen und sehr schön gestalteten Ausstellungskatalog und vollumfänglich im fast 400-seitigen Begleitbuch.

Das Fehlen jeglicher Zusatzangaben vor Ort ist – neben den Neoninstallationen einiger ausgewählter Handschriften – denn auch der grösste Mehrwert der Ausstellung gegenüber den Publikationen. Denn so treten die Betrachtenden unweigerlich in den Dialog mit den Songtitel-Austauschenden. Automatisch hört man – so man die Stücke denn kennt – die genannten Songs im Kopf. Und dann merkt man, wie gut das wuchtige ­Gitarrenriff von Led Zeppelins «Immigrant Song» zur erdrückenden Klangwand des fast drei Jahrzehnte jüngeren «I’m Afraid Of Americans» von David Bowie passt.

Wer dafür zu wenig Musik-Know-how mitbringt, dem kann vor Ort geholfen werden: Auf Kopfhörern stehen Playlists mit den in der Ausstellung vorkommenden Songs zur Verfügung.

Music – A Conversation Through Song Titles.
Kulturstiftung Basel H. Geiger. Bis 14. November. www.kbhg.ch

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