Kunsthaus Baselland
Wie finden wir uns wieder? Die Kunst macht es vor

Das Kunsthaus Baselland zeigt drei Künstlerinnen, die sich die gleiche Frage stellen: Wie werden wir wieder Teil dieser Welt?

Hannes Nüsseler
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Liebe ist eine Sprache: Videoinstallation von Anna Maria Maiolino.

Liebe ist eine Sprache: Videoinstallation von Anna Maria Maiolino.

Gina Folly / Kunsthaus Baselland

Im Kunsthaus Baselland rumort es. Als würden Möbelpacker auf einem Klavier probespielen, als verlegten die SBB Gleise durch die Wand, als ginge ein Gespenst um. Die Klänge sind natürlich Teil der Ausstellungseröffnung, zu der Direktorin Ines Goldbach die Medien eingeladen hat. Zu sehen – und hören – sind gleich drei Einzelausstellungen, aus deren unterschiedlichen Setzungen sich aber doch ein Grundakkord ergebe, wie Goldbach betont: «Es geht um die Präsenz des menschlichen Körpers. Darum, dass wir als Anwesende gebraucht werden.»

Andrea Blum.

Andrea Blum.

Kenneth Nars

Erster Zwischenhalt bei «Parallel Lives» von Andrea Blum, die eigens aus New York angereist ist, um ihre Ausstellung mit aufzubauen. «Wir hängen da alle mit drin», fasst sie ihre Erfahrungen des Hitzesommers 2003 zusammen, die sie dazu brachte, über das Verhältnis von Mensch und Umwelt nachzudenken. Den schmalen Anbau des Kunst­hauses hat die US-Künstlerin, die ihre Arbeit zwischen Architektur, Skulptur und Design verortet, in eine Art «Möbel-Showroom» verwandelt.

Allerdings ist es eine seltsam unbelebte Welt, die diese Sitzgelegenheiten und Liegen möblieren, bevölkert nur von digitalen Kriechtieren und einem unwirklich weissen Pfau. Und Kakteen, die dem postapokalyptischen Setting eine humorvoll-trotzige Note abringen. An der Wand breitet sich derweil auf drei Bildschirmen eine Wüstenei mit beeindruckenden Gesteinsformationen und – wiederum – Kakteen aus. Es ist nicht nur ein Foto, sondern ein Video, doch tatsächlich passiert darauf: nichts.

Da sein, wo man nicht ist

«Vielleicht ist das einfach der Eskapismus einer Städterin», sagt Blum durch ihre Gesichtsmaske, «aber ich wollte diese Wüste schon immer einmal erleben.» Ihre Trockenheit, ihre Dimen­sionen, ihre Leere. Nach dem verheerenden Pandemiejahr und den beengten Verhältnissen in der US-Metropole ein nachvollziehbarer Wunsch: eine Landschaft ohne Menschen als humanes Refugium. «Für mich geht es in der Kunst darum, sich an einen Ort zu fantasieren, an dem man nicht ist.»

Marina Rosenfeld.

Marina Rosenfeld.

Kenneth Nars

Zurück in den Eingangsbereich des Kunsthauses, wo Marina Rosenfeld für die beeindruckende Geräuschkulisse sorgt, die das Publikum beim Betreten empfängt. «We’ll start a fire» heisst die Soundinstallation der New Yorker Künstlerin und Komponistin, die ihr Werk ebenfalls ­persönlich vorstellt, immer wieder übertönt und unterbrochen von ihren eigenen Klängen.

Was ­wesentlicher Bestandteil ihrer Untersuchungen ist, wie Rosenfeld erklärt: Wahrnehmung als komplexer Prozess. «Was soll gehört werden, was nicht?» Das Navigieren verschiedener Klangschichten stellt in ihrem Verständnis eine politische Praxis dar, durchaus auch mit politischen Implikationen. Lautstärke ist je nach ­Kontext eben durchaus ein ­Argument, wenn sie beispielsweise von Polizeisirenen aus­gesandt wird. Aber wie verhält es sich mit dem Flüstern, der Leisetreterei, dem Schweigen?

Mit der Ritterrüstung in die Ausstellung

«Ich habe mit der Installation ein ­System von Beziehungen geschaffen», versucht Rosenfeld den technischen Aspekt ihrer Arbeit für Fachunkundige zu veranschaulichen. Während sich Besucherinnen und Besucher durch die ­Installation bewegen, werden sie von Mikrofonen registriert. «Menschliche Körper absorbieren Klang unheimlich gut», so Rosenfeld, «ausser man würde eine Ritterrüstung tragen: Das verstärkt den Schall.» So oder so aber interagiert das Publikum mit den Geräuschen, die per Computer erzeugt werden, und hält das digitale Feuer am Laufen, indem die eigene Präsenz in den Feedback-Kreislauf geschlauft wird.

Anna Maria Maiolino.

Anna Maria Maiolino.

Livia Gonzaga

«Presente», Gegenwart oder Geschenk heisst auch das Onlinemagazin, das Anna Maria Maiolino während der Pandemie lanciert hat. Für die in Brasilien lebende Künstlerin mit ­sizilianischen Wurzeln stelle das Magazin die wohl beste Möglichkeit dar, über Kunst und Sprache in Zeiten des Social Distancing nachzudenken, sagt die Achtzigjährige in einem Interview mit Kunsthaus-Leiterin Goldbach. Diesen Einschränkungen musste sie nun selbst Folge leisten und hat auf eine Reise in die Schweiz verzichtet.

Ihre Ausstellung versammelt Werke unterschiedlichster Formate aus über 60 Jahren, in denen sich Maiolino als Frau und Feministin bemühte, dem menschlichen Körper eine Stimme zu geben. Was sie dabei auszeichne, so Goldbach, sei ihre Krisenresistenz, die sie angesichts blutigster Diktaturen bewiesen habe. Wie hängen wir als Gesellschaft also zusammen? Natürlich über die Kommunikation, die sich bei Maiolino wie eine überlange Nudel zwischen den Mündern eines Paares spannt: Liebe ist eine Sprache.

Kunsthaus Baselland, bis 26. September. Vernissage: Do, 10.6., von 11 bis 20 Uhr. Freier Eintritt. www.kunsthausbaselland.ch