Kunstmuseum Basel
Festlicher Augenschmaus: Den Überblick bewahren mit Pieter Bruegel

Das Kunstmuseum Basel zeigt Radierungen und Kupferstiche des flämischen Meisters, der grosse Fragen auf kleinstem Raum verdichtet.

Hannes Nüsseler
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Der Tiefsinn steckt im Detail: «Die grossen Fische fressen die kleinen Fische», 1557.

Der Tiefsinn steckt im Detail: «Die grossen Fische fressen die kleinen Fische», 1557.

Kunstmuseum Basel

Nur eine Türe trennt die sieben Tugenden von den sieben Lastern. Ariane Mensger, Kuratorin am Kunstmuseum Basel, durchschreitet den ersten Raum zügig und führt direkt hinein in die wunderbar wimmelnde Bilderwelt von Pieter Bruegel d. Ä. († 1569), der mit den biblischen Todsünden seinen Spass hat. So gafft auf einem der 70 Stiche etwa die aufgeputzte Hoffart in einen Spiegel, aus dem ihr eine Fratze entgegenblickt. Ihre Entourage, ein groteskes Bosch-Bestiarium, feixt dazu. Obwohl das Format klein ist, geht der Überblick rasch verloren.

Welches Laster hätte Bruegel mit den zwiespältigen Reaktionen auf die aktuelle Pandemie illustriert? «Die Wut», sagt Mensger spontan, führt dann aber einen Raum weiter zu den allegorischen Darstellungen, für die der Niederländer ebenso bekannt war wie für seine Landschaften oder Bauernszenen. Ein Alchemist verrennt sich da in eine fixe Idee und ruiniert sich selbst; ein Krämer liegt träge in der Sonne, während eine Horde Affen ihn um seine Habe bringt. «Das bürgerliche Arbeitsethos drückt durch», sagt Mensger.

Denn das Staunen über menschliche Unzulänglichkeiten nährt sich auch aus einer Erfolgsgeschichte, wie die Kuratorin erklärt. «Bruegel zeigt eine Gesellschaft, die in kurzer Zeit zu viel Geld gekommen ist.» Das liegt an der frühneuzeitlichen Globalisierung und Hafenstädten wie Antwerpen – eine der weltweit grössten Handelsstädte des 16. Jahrhunderts, in der auch Bruegels Verleger tätig war. «Der Maler fertigte Vorzeichnungen an, die von professionellen Kupferstechern umgesetzt wurden.» Von Antwerpen aus verbreiteten sich die Stiche und Radierungen in ganz Europa und fanden ihren Weg so auch in die Privatsammlung von Bonifacius Amerbach († 1562).

Entdecken als wesentlicher Bestandteil

Der Basler Humanist wird über die drollige Suche nach menschlicher Wahrheit geschmunzelt haben, wie sie der flämische Renaissancekünstler zum Beispiel mit «Elck» (Jedermann) thematisiert. Der Stich zeigt Männer, die bei Tageslicht mit Laternen einen Haufen Plunder durchwühlen, auf der Suche nach Sinn oder sich selbst. Anderswo wird einem Fisch der Bauch aufgeschnitten, heraus quillt Meeresgetier mit jeweils kleineren Fischen im Maul. «Ich habe es schon immer gewusst», hilft eine Legende dem Bildverständnis auf die Sprünge. «Die Grossen fressen die Kleinen.» Und die ärgsten Räuber im Haifischbecken sind wir selbst.

«Rastende Soldaten», um 1555/56.

«Rastende Soldaten», um 1555/56.

Kunstmuseum Basel

«Bei aller Kritik steht bei Bruegel immer das Lachen im Vordergrund», betont Mensger. Das Gefühl von Überwältigung oder gar Verwirrung beim Betrachten der kleinteiligen Bilder gehöre dabei durchaus zum Konzept. «Das Entdecken ist ein wesentlicher Bestandteil, genau wie die Unterhaltung über das Gesehene.» Das gilt auch für das übrige Werk. Ob Berglandschaften (dank einer Italienreise kannte der Niederländer die Alpen), Schiffsansichten oder Bauernszenen: Stets springt das Auge von Detail zu Detail und sucht Halt in den verdichteten, aber durchaus realistischen Szenerien.

So gerät der Stich zum Thema «Gerechtigkeit» schon fast dokumentarisch – weniger wegen der drastisch dargestellten Strafen, sondern weil für einmal auch der «institutionelle Apparat» mit seinen Beamten und Gerichtsschreibern ins Bild gerückt wird. «Die Welt, wie sie uns Bruegel zeigt, ist vielfältig, aber auch anstrengend und laut», schliesst Mensger. «Das müssen wir aushalten und selber eine Ordnung finden.» Wer fröhlich üben möchte, geht jetzt ins Museum.

Pieter Bruegel d. Ä., Kupferstiche und Radierungen, bis 6. März 2022. www.kunstmuseumbasel.ch