Ausstellung

Kunstmuseum lädt zu Neuentdeckung des Basler Künstlers Arnold Böcklin ein

In «Die Pest» gibt Arnold Böcklin der todbringenden Seuche ein furchterregendes Gesicht.

In «Die Pest» gibt Arnold Böcklin der todbringenden Seuche ein furchterregendes Gesicht.

Das Kunstmuseum wirft im Dialog mit Werken anderer Künstler einen frischen Blick auf den Hausheiligen Böcklin.

Man glaubt es fast schon zu hören, das wilde Rauschen der Meeresbrandung, die über die scharfen Riffe schwappt, und das Jauchzen der drallen schwanzflössigen Meeresnymphen in ihrem übermütigen Springen und Balgen. Das 1886 entstandene Gemälde «Das Spiel der Nereiden» gehört zu den bekannten Werken des Basler Künstlers Arnold Böcklin (1827-1901), von dem das Kunstmuseum seiner Heimatstadt die weltweit grösste Sammlung besitzt.

So grotesk sich die Szenerie präsentiert, so grellbunt sind auch die Farben, die der Künstler auf die Leinwand gepinselt hat: In leuchtendem Rot heben sich die Haare der Nymphen von der blaugrünen Meeresgischt ab, ebenso die von der Anstrengung geröteten Gesichter der wild planschenden Gruppe.
Ganz anders ist der Eindruck, den das benachbarte Bild von Félix Vallotton (1865-1925) hinterlässt. Wie bei Böcklins Wasserspiel nimmt auch das 1907 entstandene Gemälde mit dem Titel «Trois femmes et une petite fille jouant dans l’eau» das Motiv nackter badender Frauen auf. Doch während bei Böcklin ungestümer Übermut dominiert, erscheinen die Frauen bei Vallotton wie zu Stein erstarrte Gestalten, aus deren blassen Körpern jegliches Leben entwichen zu sein scheint.

Böcklins Inszenierung der grossen Seuche

Zeitlich liegen zwischen den beiden Gemälden lediglich 20 Jahre, stilistisch sind es Welten. Dies, obwohl beide Künstler – Vallotton schätzte Böcklins Werk übrigens sehr – bei der klassischen figurativen Malerei blieben und nicht in die damaligen Strömungen der Avantgarde, etwa den Impressionismus, einschwenkten.

Wird der Realismus bei Vallotton mit einem kühl-distanzierenden Schleier gebrochen, herrscht bei Böcklin reinste Theatralik – als Lustspiel, wie bei den Nereiden, oder als düstere Tragödie und Katastrophenvision wie bei seinen wohl bekanntesten Gemälden «Die Toteninsel» und «Die Pest». Letzteres kann gerade in diesen Corona-verseuchten Tagen auch als dramatische Zukunftsvision gelesen werden.

Die Gegenüberstellung dieser beiden Künstler ist auch kunsthistorisch interessant:
Julius Meier-Graefe, ein grosser Name der Kunstkritik um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und ein glühender Verfechter des damals aufkommenden Impressionismus, brandmarkte den zu Lebzeiten gefeierten Basler Künstler in seiner Kampfschrift «Der Fall Böcklin» als Gallionsfigur rückwärtsgewandter Deutschtümelei, während er für Vallotton in einem weiteren Buch durchaus lobende Worte fand.

Diese Einschätzung aus dem Dunstkreis der Avantgarde zehrte posthum an der Reputation Böcklins. Aber fast noch mehr als die Kritik dürfte dem Künstler in der Fachwelt das grosse Lob von falscher Seite geschadet haben. Der Basler Maler wurde vorab in Deutschland tatsächlich als Bollwerk gegen die verachtete französische und russische Avantgarde missbraucht. Dass Adolf Hitler Böcklin bewunderte – er liess eine Version der berühmten «Toteninsel» im Reichstag aufhängen – , gab ihm quasi den Rest. «Das Werk des Künstlers brauchte Jahrzehnte, bis es sich von dieser Umarmung erholt hatte», schrieb die NZZ 2001 in einer Ausstellungsbesprechung zum 100. Todestag Böcklins.

Diese 2001 gezeigte und international beachtete Ausstellung im Kunstmuseum Basel war Höhepunkt einer langen Phase der gelungenen Rehabilitation des Künstlers. Die Ausstellung zog sogar ins Musée d’Orsay weiter, Böcklin kam damit zum ersten grossen Einzelauftritt in Frankreich.

Böcklin gegenüber Frank Buchser

Doch zurück zur aktuellen Präsentation. Ganz anders als beim Vergleich mit Vallotton gestaltet sich der inszenierte Dialog mit seinem Zeitgenossen Frank Buchser (1828-1890). Beide haben die mythologische Geschichte von Odysseus als Gefangener der Nymphe Kalypso auf die Leinwand gebannt. Und wiederum offenbaren sich grosse Gegensätze.

In diesem Fall ist es aber Böcklin, der die Szenerie in eine erhabene symbolistische Ruhe bettet, während Buchser sie in einer hyperexpressiven Dramatik wiedergibt: Auf seinem Gemälde betet der nackte griechische Held auf einer Klippe mit ausgebreiteten Armen den Sonnenuntergang an, während sich die verzweifelte, ebenfalls nackte Nymphe an ihren gefangenen Geliebten zu klammern versucht. Bei Böcklin stehen in diesem Fall die Einsamkeit und der seelische Schmerz der Figuren im Vordergrund. In sich gekehrt und in einen dunklen Umhang gehüllt steht Odysseus auf der Klippe, während die halbnackte Kalypso in einiger Entfernung auf einem leuchtend roten Tuch sitzend zur resignierenden Einsicht zu kommen scheint, dass sie die Liebe des Kriegsherrn nicht wird gewinnen können.

Böcklins «Toteninsel» trifft auf Max Ernst

Nun aber zur berühmten «Toteninsel» von 1880, die zur Ikone des Symbolismus wurde. Ihr wurde das 1927 entstandene Gemälde «La grande forêt» des Surrealisten Max Ernst gegenübergestellt. Wenn man diese beiden Werke nebeneinander sieht, könnte man glauben, Ernst hätte sich Böcklins «Toteninsel» als Vorbild genommen: Wo bei Böcklin schwarze Zypressen auf einer Insel in den düsteren Himmel wachsen, ragen bei Ernst dunkle Baumstämme nach oben.

Die zwölf inszenierten Konstellationen lassen die besondere Qualität von Böcklins Schaffen hervortreten. Ausgehend von der deutschen Romantik hat er einen originären Weg gefunden, in atmosphärisch aufgeladenen Szenerien und dramatischem Spiel von Licht und Schatten fantastische Traumwelten und das Unterbewusste auf die Leinwand zu bringen. Dies hat ihm letztlich zurecht einen wichtigen Platz in der Kunstgeschichte beschert.

Oftmals sind die Bilder geprägt von erhabenem Ernst und grosser Schwermut. Böcklin konnte aber auch anders. In einer überaus witzigen Gegenüberstellung zeigt das Museum zwei plastische Porträts des Kulturhistorikers Carl Burckhardts: Der deutsche Bildhauer Arthur Volkmann hatte 1899 eine klassizistische Marmorbüste des Professors geschaffen. Diese wird nun naserümpfend beäugt von einer fratzenhaften Karikatur, mit der sich Böcklin offenbar an seinem Freund Burckhardt gerächt haben soll, der ihm bei öffentlichen Aufträgen nicht genügend Ehrerbietung habe zukommen lassen.

Böcklin begegnet
Bis 30. 04., Kunstmuseum Basel

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