Was geht in Ihnen vor, wenn Sie von den kurdischen Flüchtlingsströmen aus Nordsyrien in die Türkei hören?

Edibe Gölgeli: Ich bin zutiefst betroffen. Es gibt keine passenden Worte, um diese Bilder zu beschreiben. Abgesehen von meinen kurdischen Wurzeln finde ich es auch als Mensch im 21. Jahrhundert eine riesige Tragödie. Sieht man diese Bilder, ist es noch schwieriger zu fassen, dass in der Schweiz Flüchtlinge teilweise nicht respektiert werden.

Was erwarten Sie von der Schweiz?

Es kann nicht sein, dass wir in der Schweiz tatenlos zuschauen. Alleine aus humanitären Gründen geht das nicht. Grundsätzlich geht die politische Tendenz in die Richtung der Nothilfe vor Ort. Ich bin aber der Meinung, dass gerade den Jesiden ein Zufluchtsort gewährleistet werden muss. Sie sind eine kurdische Minderheit, mehrfach diskriminiert und traumatisiert. Ich erwarte von der politischen Schweiz, dass sie prüft, wie viele Flüchtlinge hier aufgenommen werden können. Auch vor dem Hintergrund, dass die Türkei die Grenzen zeitweise schliesst. Deshalb habe ich eine schriftliche Anfrage an die Nationalräte eingereicht.

«Ich erwarte von der Schweiz, dass sie prüft, wie viele Flüchtlinge hier aufgenommen werden können.»

Edibe Gölgeli

«Ich erwarte von der Schweiz, dass sie prüft, wie viele Flüchtlinge hier aufgenommen werden können.»

Viele Kurden fliehen zurzeit in die Türkei.

Meiner Meinung nach ist die Türkei politisch viel zu stark mit dem IS verwickelt. IS-Anhänger können sich beispielsweise frei in der Türkei mobilisieren. Davon abgesehen fehlt in der Türkei immer noch die Akzeptanz für die kurdische Bevölkerung. Der Wille für einen Friedensspruch ist auf den politischen Ebenen nicht vorhanden. Das ist problematisch – auch für die kurdischen Syrer, die in die Türkei flüchten.

Wie werden diese politischen Geschehnisse in der kurdischen Diaspora in Basel diskutiert?

Durch die sozialen Medien sind wir hier gut informiert und organisiert. Es gab Demonstrationen, Infostände, Mahnwachen in Bern, aber auch in Basel. Abgesehen von den Organisationen, die Protestaktionen durchführen, haben sich alle irgendwie mobilisiert. Dieses Leid lässt keinen unberührt. Die kurdische Bevölkerung unterstützt den Widerstand gegen den IS auch hier auf unterschiedlichste Art und Weise. Ich kenne Jugendliche, die Kuchen verkaufen, es gab Flohmärkte oder Spendenaufrufe und Direkthilfe mit Hilfsgütern.

Was für Organisationen werden damit unterstützt?

Das kann nicht pauschal beantwortet werden. Neben dem kurdischen Halbmond gibt es verschiedene Stiftungen in der Schweiz, aber auch der Türkei, die sich für die Flüchtlinge einsetzen. Aber auch Privatpersonen lancieren Aufrufe und verschicken Hilfsgüter in Eigeninitiative. Die Kurden in der Schweiz sind sehr aktiv.

Sie sind auch Präsidentin der SKG, der Schweizerisch-Kurdischen Gemeinschaft. Plant diese Aktionen?

Nein, wir haben nichts konkret geplant und schliessen uns individuell jenen Organisationen an, die etwas auf die Beine stellen. Diese Tragödie hat ein breites Bewusstsein für die Betroffenen geschaffen – nicht so, wie beim Erdbeben in Van.

Damals hat sich die Städtepartnerschaft Basel-Van stark für die Opfer eingesetzt.

Ja, das Engagement mit der Unterstützung von der Deza war gross. Die Türkei hatte die Grenzen für die Hilfegüter aus Europa gesperrt. Nur wir aus der Schweiz konnten etwas unternehmen. Deshalb war es eine komplett andere politische Situation. Zurzeit gibt es viele Kanäle, die Hilfsgüter organisieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns wieder mit diversen Organisationen zusammentun und in dieser Form nochmals Hilfsgüter organisieren.

Die kurdische Gemeinschaft in Basel gehört verschiedenen Religionen an und stammt aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Was verbindet sie?

Beim kurdischen Verein beobachte ich viele Gemeinsamkeiten, weil wir uns politisch für die Autonomie von kurdischen Gebieten engagieren. Bei den anderen Gemeinschaften – ich bekenne mich als Alevitin, setze mich aber nicht stark für diese Gemeinschaften ein – gibt es Differenzierungen. Ich spüre aber keinen Widerstand untereinander. Für die Jungen sind zudem weitere Treffpunkte wichtig. Sie treffen sich beispielsweise im kurdischen Fussballclub oder an musikalischen Anlässen.

In den Medien war von jungen Kurden zu lesen, die in den Kampf gegen den IS zogen.

Das kann durchaus passieren. Ich kenne aber niemanden.

Wie stehen Sie dazu?

Ich bin Pazifistin. Meiner Meinung nach muss Politik mit demokratischen Normen ausgeübt werden. Solch ein Engagement ist bedeutsam. Das macht beispielsweise die HDP, die pro-kurdische Partei in der Türkei. Aber vor dem Hintergrund, wie der IS Menschen richtiggehend schlachtet, kann ich es nachvollziehen, dass ein junger Mensch sich so betroffen fühlt, dass er in den Kampf zieht.

Werden Sie in Ihrem Alltag durch die mediale Berichterstattung vermehrt auf Ihre kurdischen Wurzeln angesprochen?

Ja, aber das freut mich auch. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Problematik der Kurden in den hiesigen Medien nicht ankommt. Der Krieg zwischen der Türkei und den Kurden dauerte über dreissig Jahre. Dadurch, dass die Türkei ein antidemokratisches Land ist, mit einem Präsidenten, der sogar Twitter verbietet, dringt vieles nicht nach draussen. Natürlich sind aber die Umstände, die dazu führten, dass jetzt vermehrt über uns berichtet wird, enorm tragisch.

Was wünschen Sie sich für die Kurden?

Ich bin eine Befürworterin der kurdischen Autonomie innerhalb von Staaten. Südkurdistan im Irak ist autonom, dieses Modell müsste auch von der Türkei übernommen werden. Es braucht die Anerkennung, als ethnische Gruppe im Land leben zu dürfen. Aber auch hier sind die Meinungen in der kurdischen Gemeinschaft unterschiedlich. Das ist mein persönlicher Wunsch.