Ein kurzes Cape aus Leder zum Samtwams, eine locker geschnittene Tweedhose und derbe Boots, alles in Erdtönen gehalten: Spontan erinnert das erste Outfit von Martin Jascur an ein erwachsenes Rotkäppchen. Das Model präsentiert die Kombination und geht am Ende des Laufstegs in die Hocke, um das Ende der Show abzuwarten.

Haare, Make-up, Schnitte

Der Rest der Show von Jascur im Raum D auf dem Dreispitzareal zeigt, wie extravagant Mode sein kann: Hohe, kunstvoll mit Blumen und Glitzer verzierte Hochsteckfiguren und vom Mittelalter inspirierte Schnitte wechseln sich mit voluminösen Stücken ab. Der Designer wagt sich auch an die Königdisziplin jeder Catwalk-Kollektion: Ein Hochzeitskleid (siehe Bild links oben) zwischen Südstaaten und Charleston-Charme wird vorgeführt. Das Model hat die überlangen Enden der Schleife um den ganzen Körper drapiert und wird vom wartenden Model im Rotkäppchengewand über den Laufsteg zurück hinter die Bühne begleitet.

14 nationale und lokale Designer zeigten am Samstag in zwei identischen, gut besuchten Shows ihre Fertigkeiten. Die Auswahl ist vielfältig: Puristische Kollektionen sah man bei Acla, Kuona und Tamara Pérez. Die Casual Streetwear von Comepony und Snakes&Fairies hat durch die Haremshosen und Oberteile mit Kapuzen einen Hippietouch. Jungle Folks schickt die Models mit identischen Friseuren und Blätter im Haar über den Laufsteg. Die Kollektion von La Jaque besticht durch Stücke mit floralen Mustern, die mit gelb, violett und limettengrün kombiniert werden können. Dazu gesellt sich das Label Klamott, das deutlich von der Mode der 70er-Jahre inspiriert Kleider zeigt: Blumige, hochgeschnittene Hosen und Keilabsätze zaubern den Models endlose Beine (Bild oben links).

Kein Problem, Designer zu finden

Pascal Cornu schickt seine exotischen Mädchen in mit grafischen Details versehenen Kleidern zwischen schwarz und weiss über die Bühne, Susanne Brunner setzt auf einen Materialmix und auffällig, matte Pailletten. Peter Müller garniert den Nacken eines Models mit einem Spiegel in der Form eines Drachenquadrats. Kate Frank hingegen setzt bei ihren Ideen auf Leder und ein aufwendiges Make-up und halb offene Haare.

Katharina Andes zeigt extravagante Stücke, so auch einen beigefarbenen, knielangen Cardigan mit einem hohen Schnitt im Rücken. Die Stücke aus den Kollektionen konnten am angrenzenden Raum vor und währende den Shows erstanden werden.

«Dieses Jahr mussten wir weniger Aufwand betreiben, um Designer zu finden», sagt Ben Andrist, Gründer von Laufsteg Oslo, nach der Show. Er und sein 25-köpfiges Team träumen gross. «Die Dreispitzhalle wäre toll - ebenso ein grösseres Budget», sagt der Logistikunternehmer lächelnd. Von seiner Veranstaltung leben kann er nicht. Es sei mehr ein Hobby, sagt er, bevor er wieder entschwindet, um das nächste Problem zu lösen.

Transparent und Technik

Der grösste gemeinsame Nenner ist derjenige der grossen Vorbilder von Paris, Mailand oder Berlin: Transparenz, gerne direkt sichtbar oder subtil eingesetzt. Leder mit Netzeinsätzen, durchsichtige Seidenstoffe, anschmiegsame, feine Baumwolle und weisse, im Licht durchscheinende Stücke sind in fast jeder Kollektion zu finden. Transparenz ist Geschmacksache - die Variationen des Trends in den verschiedenen Kollektionen überzeugen durch ihre detailverliebten Umsetzungen und die Präsentation - auch wenn nicht immer alles glatt läuft.

Vor der Show versagt die Technik. Andrist lässt sich davon nicht beeindrucken. Ohne Mikrofon bedankt er sich bei den Sponsoren und überlässt das Feld den Models. Während der rund 80 Minuten der Show gibt es Ablauffehler und einen Sturz, den das Publikum lächeln lässt. Glücklicherweise geschieht er kurz vor dem Bühnenabtritt - und das Model reagiert so charmant, dass das durchwegs gestylte und urbane Publikum ihr beim nächsten Auftritt applaudiert. Bei der anschliessenden Afterparty sind solche Kleinigkeiten vergessen. Die alte Lagerhalle verwandelt sich durch die Dekoration des Veranstalterkollektivs Mir in eine Lounge, in der die Anwesenden den Abend bei einem Cüpli ausklingen lassen können.