Fussfessel-Experiment
Leben mit der Fussfessel: Eine Woche lang radikale Langeweile

Im Selbstversuch trägt der bz-Journalist eine Woche lang eine elektronische Fussfessel und richtet seinen Alltag danach. Der intensivste Moment ist, wenn die Schnalle wieder entfernt wird

Moritz Kaufmann
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Die Fussfessel und der dazugehörende Sender.

Die Fussfessel und der dazugehörende Sender.

Nicole Nars-Zimmer

Freiheit ist ja ein schwer fassbares Gefühl. Man kann sich nicht wirklich etwas darunter vorstellen – bis Freiheit und Unfreiheit ohne Übergang aufeinanderprallen. Solche Momente sind relativ selten im Leben. Als Kind spürte ich es am letzten Schultag, als die langen Sommerferien begannen. Als junger Erwachsener, als ich aus der Rekrutenschule entlassen wurde. Und gestern, als die Fussfessel von meinem Bein und der dazu gehörende Sender von unter meinem Bett verschwanden. Auch wenn mein Selbstversuch als Gefangener nur eine Woche dauerte, war die Erfahrung relativ einschneidend. Wobei der gestrige Nachmittag vielleicht der intensivste Moment der vergangenen sieben Tage war.

Nicht, weil ich besonders spannende oder prägende Erfahrungen machte – im Gegenteil. Mit der Fussfessel wurde mein Alltag vor allem radikal langweilig. Es ist ja nicht so, dass es eine schlechte Sache wäre, sich eine Woche lang ein bisschen zurückzunehmen und einfach mal zu Hause zu bleiben. Doch auf dem Bett zu liegen und ein Buch zu lesen, macht mehr Spass, wenn man sich aus freien Zügen dazu entscheidet. Oder um es mit einem schlauen Satz des Philosophen Jean-Jacques Rousseau zu sagen: «Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.» Zu Hause zu bleiben, wenn man nicht will, ist definitiv Unfreiheit. Insofern kann ich sagen: Hausarrest mit Fussfessel ist eine echte Strafe. Auch wenn mans nur eine Woche lang ausprobiert hat.

Bis auf die Sekunde genau wurde registriert, wann ich ein und aus ging. So sehr es einem stinkt: Es war schon erstaunlich, wie schnell man sich an den Rhythmus gewöhnt und sich anpasst. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Eine Nachevaluation des Justiz- und Sicherheitsdepartements hat ergeben, dass nach einer verbüssten Fussfessel-Strafe bis zur Hälfte der Delinquenten auch ein halbes Jahr, nachdem ihnen diese abgenommen wurde, den alten Rhythmus beibehalten. Andere träumen von der Plastikschnalle am Fuss. Auf jeden Fall verinnerlicht man sie irgendwie.

Gewiss: Wer Fussfessel trägt, wurde rechtmässig zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und kann diese damit umgehen. Insofern ist es ein Privileg, die Fussfessel zu tragen. Es gibt also auch keinen Grund, Mitleid zu haben mit jemandem, der den Hausarrest verbüsst. Doch unter dem Strich ist es eben nicht nur der Verurteilte, der profitiert. Zugespitzt kann man sagen: Wer eine halbjährige Gefängnisstrafe absitzt und dadurch Arbeit und Privatleben verliert, braucht nach seiner Entlassung noch mal ein halbes Jahr Betreuung, weil er so lange resozialisiert werden muss.

Selbst SVP-Grossrat Joël Thüring, der sich letzte Woche noch sehr kritisch geäussert hatte und die Berichterstattung mitverfolgte, äussert sich nun differenzierter: «Es hat mich gefreut zu lesen, dass eine Fussfessel das Leben wirklich umständlich macht», sagt er. Auch wenn die grundsätzlichen Vorbehalte bleiben, dass Fussfesseln eine zu harmlose Strafe seien, sagt er nun: «In dem Rahmen, in dem Basel-Stadt den Hausarrest anwendet ist es in Ordnung.» Es dürfe sich einfach nicht ausweiten.

Und die Moral der Geschichte? Es gibt eigentlich keine. Ausser vielleicht: Wenn einem am eigenen Leben etwas liegt, sollte man es nicht so weit kommen lassen, dass einen je einmal ein Richter zu einer Freiheitsstrafe verdonnert. Aber das wussten wir ja eigentlich schon. Ich werde auf jeden Fall die eine oder andere lustige Erinnerung aus der vergangenen Woche mitnehmen und dieses Wochenende einen weitschweifigen Ausflug unternehmen. Und vielleicht habe ich dann sogar auch wieder Lust, zu Hause auf dem Bett ein Buch zu lesen.

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