Interview
Leiterin des Basler Literaturhauses: «Ich will Tiefe, keinen Schlagabtausch»

Senioren, Sofas, Sorgenkinder: Leiterin Katrin Eckert über ihre zehn Jahre am Literaturhaus Basel

Naomi Gregoris
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Kathrin Eckert

Kathrin Eckert

Kenneth Nars

Vor ziemlich genau zehn Jahren tauchte in der Basler Literaturszene plötzlich diese Frau auf: Eine grosse, nachdenkliche, spröde Zürcherin hatte das Literaturhaus übernommen. Katrin Eckert war von ihrer Stelle als Projektleiterin beim Amt für Kultur in Bern nach Basel gekommen und brachte klare Vorstellungen mit: mehr Durchmischung, mehr Experimente, mehr junges Publikum.

Was ist davon übrig geblieben? Eckert lässt noch einmal die letzten zehn Jahre Revue passieren – und wirft einen Blick in die Zukunft.

Ihr «Zehnjähriges» im Literaturhaus feiern Sie heute Abend mit dem türkischen Autoren und Komponisten Zülfü Livaneli, mit dem sie 2008 Ihre erste Lesung bestritten haben. Wieso entschieden Sie sich damals für ihn?
Katrin Eckert: Weil er mich sehr beeindruckt hat. Nicht nur als Autor, sondern auch wegen seiner Versöhnungsarbeit zwischen Griechenland und der Türkei, als Musiker. Er ist einfach eine faszinierende Persönlichkeit. Das fand ich einen tollen Auftakt.

Wie wurde der Abend?
Es war wunderbar, und «tätschvolle». Ich hatte nicht gedacht, dass tatsächlich so viele Menschen kommen würden, um zu schauen, wer da diese Neue ist. Und was mich besonders freute: Die Hälfte des Publikums war türkisch.

Also gar nicht wegen Ihnen da.
Nein. Genau das hatte ich damals in meinem Vorstellungsgespräch betont – und betone es heute noch: Ich möchte möglichst viele verschiedene Gruppen ins Literaturhaus bringen. Das wurde an diesem ersten Abend total eingelöst. Ein Geschenk! Und dass er jetzt wieder kommt, zum ersten Mal seit zehn Jahren, ist wirklich schön.

Was waren damals Ihre Visionen?
Ich wollte ein breites Programm für ein breites Publikum zu machen. Literarisch ja, aber ohne einen engen oder elitären Literaturbegriff. Ganz wichtig waren mir auch junge Erwachsene.
Junge Menschen – eine schwierige Zielgruppe für ein Literaturhaus?
Ich würde sogar sagen: die schwierigste. Wir versuchten ein paar Dinge, die liefen mehr oder weniger erfolgreich, und irgendwann entschieden wir: Wenn es so schwierig ist, die jungen Erwachsenen ins Literaturhaus zu bringen, dann müssen wir eben zu ihnen. So entstanden die Sofalesungen, in denen Autorinnen und Autoren in Privathäusern und -wohnungen lesen.

Eine Erfolgsidee?
Im Grunde ist die Idee geklaut, vom Literaturbüro Freiburg. Ich hatte das dort gesehen und meinte zu meiner Kollegin Mariann Bühler, wir sollten so was auch mal in Basel versuchen. Sie nahm es in die Hand und hat die Sofalesungen seither zu einer erfolgreichen Veranstaltungsreihe aufgebaut. Mittlerweile gibt es sie sogar in der Westschweiz.

Bei kleineren Formaten verzeichnen Sie weniger Erfolge – besonders bei der letztjährigen BuchBasel gab es kritische Stimmen, die meinten, wirklich besucht werden dann doch einfach die grossen Lesungen. Woran liegt das?
Das hat damit zu tun, dass wir die experimentellen Veranstaltungen in kleineren Lokalitäten machen – die allerdings oft aus allen Nähten platzen. Dass Stars wie zum Beispiel Sven Regener immer noch die meisten Leute anziehen, ist klar. Es ist ja gerade Teil unseres Konzepts, dass wir nicht nur die grossen Stars zeigen.

Stichwort Stars: Sie haben zwar feine Autoren im Programm, die richtig Grossen sucht man im Literaturhaus hingegen vergeblich. Weshalb?
Richtig grosse wie T. C. Boyle, meinen Sie?

Zum Beispiel, ja. Boyle war letztes Jahr schliesslich in Zürich.
Der kommt im Februar.

Echt?
Ja, das ist aber noch nicht angekündigt. Zu ihrer Frage: Das liegt daran, dass Basel nicht am Highway der Lesetouren liegt. Das macht es schwierig, internationale Stars hierher zu bekommen. Wenn ein Autor vier Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum abhält, dann lauten die Stationen in der Regel Berlin, Hamburg, München und bestenfalls noch Zürich. Mehr nicht.

Wie setzen Sie sich für Basel ein?
Indem wir für einen guten Ruf bei den Verlagen sorgen. Wenn die Autoren von ihren Lesungen zurückkommen und erzählen, es habe alles super funktioniert und die Atmosphäre sei toll gewesen, dann ist das förderlich für uns und steigert die Bereitschaft der Verlage, grosse Namen nach Basel zu schicken.

Wen hätten Sie gerne einmal zu Gast?
Ian McEwan. Seit Jahren.

Sie legen viel Wert auf Durchmischung. Bei den klassischen Lesungen ist das Publikum aber noch immer fast durchgehend grauhaarig. Ist das ein Problem?
Ich finde nicht. Das sind sehr treue, offene, interessierte Gäste. Leserinnen und Leser, die kommen und neugierig sind. Es ist eine Bevölkerungsgruppe, die wächst, insofern finde ich das nicht bedrohlich. Aber es freut mich natürlich, wenn es anders ist. Gerade beim Lyrikfestival vermischt es sich zum Teil ganz stark.

Viele dieser neuen Formate sind mehr auf Konsens als auf Kontroverse ausgerichtet. Man erlebt im Literaturhaus Basel kaum Streitgespräche.
Schlagabtausche finde ich in der Regel wenig fruchtbar. Wenn wir wie bei der BuchBasel ein Festival mit einem thematischen Schwerpunkt machen und in drei Tagen verschiedene Aspekte des Themas beleuchten wollen, dann ist es mir persönlich wichtig, dass die Analyse und Reflexion im Zentrum stehen. Dass man in die Tiefe kommt.

Machen Sie es sich damit nicht etwas einfach?
Ich finde nicht, nein. Die Gäste, die wir einladen, sind spannende Persönlichkeiten, sie haben etwas zu sagen, viele von ihnen sind kritische Denkerinnen und Denker. Deren Überlegungen finde ich viel fruchtbarer als einen kontradiktorischen Austausch von Schlagworten.

Sie sind ausserdem Teil der Geschäftsführung des Schweizer Buchpreises, der im Rahmen der BuchBasel verliehen wird. Vor einem Jahr warf Lukas Bärfuss Ihnen und Ihren Kollegen vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband während der Verleihung vor, Sie hätten die Jury beeinflusst. Ein grosser Bruch?
Für mich persönlich war das entsetzlich. Ich hatte zuvor zu Lukas Bärfuss ein gutes Verhältnis. Ich habe weder ein ideelles, noch ein materielles Interesse daran, zu beeinflussen, wer diesen Preis bekommt. Es war und ist für mich also absolut nicht nachvollziehbar, wieso diese Anschuldigungen erhoben wurden.

Wie geht es jetzt weiter?
Letzten Endes stützte niemand die Vorwürfe Bärfuss’, und die Jury hielt schriftlich fest, dass sie unabhängig entschieden habe. Der Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz verabschiedete im Mai 2018 auf Initiative von Bärfuss und Melinda Nadj Abonji eine Resolution für eine verantwortungsvolle Vergabe des Schweizer Buchpreises. Im Moment führen wir Gespräche, wie weit wir den darin genannten Forderungen entgegenkommen können und möchten. Den Buchpreis wird es aber weiterhin geben.

Bald steht Ihnen eine weitere Herausforderung bevor: Die Christoph Merian Stiftung – Ihr wichtigster Geldgeber – will aus Strategiegründen ab 2021 ihren Beitrag von 460 000 Franken um 100 000 Franken kürzen. 50 Prozent des CMS-Budgets in allen Sparten sollen fortan für neue Projekte zur Verfügung stehen.
Wir können das gut nachvollziehen, aber es stellt uns natürlich vor Probleme. Betriebskosten lassen sich ohne öffentliche Gelder kaum bewältigen. Bis jetzt sind wir zuversichtlich, dass wir das schaffen. Wir haben noch Zeit, und in einer Stadt wie Basel sollte man das Geld zusammenkriegen.

Abgesehen von einem ausreichenden Budget: Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre?
Dass sich das Literaturhaus und das Festival organisch weiterentwickeln. Ich will in den nächsten zehn Jahren nicht einfach das abfüllen, was ich in den letzten zehn Jahren aufgebaut habe. Vieles möchten wir fortführen, sicher, aber das Programm soll dabei lebendig bleiben. Kein «geng wie geng» – das ist mein grosser Wunsch.

Zülfu Livaneli im Literaturhaus Basel, 25. Oktober, 19 Uhr.