Naturschutz

Liestal liebäugelt mit einem Stück «Urwald»

Symbolbild

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Teile des Röserentals könnten zum ersten Totalwaldreservat ohne jegliche Nutzung in der Agglomeration werden.

Der Liestaler Bürgerrat Hanspeter Stoll nahm letzte Woche auf einem Podium zum Thema Wald ein grosses Wort in den Mund: Urwald. Die Liestaler Bürgergemeinde plane im Röserental ein entsprechendes Projekt, kündete Stoll an, wollte aber auf Nachfrage der bz nicht detaillierter darauf eingehen. Dies, weil sich das Projekt noch in einem zu frühen Stadium befinde, um im Detail darüber informieren zu können.

Stoll respektive der Liestaler Bürgerrat sind nicht die ersten im Kanton, die ein grösseres Waldstück der Nutzung völlig entziehen wollen. So forderte einst Pro Natura Baselland ein Urwaldreservat am Blauen, schubladisierte aber das Begehren bald wieder, nachdem die nicht informierten Waldbesitzer dagegen Sturm gelaufen waren. Und auch der oberste Waldchef in beiden Basel, Kantonsförster Ueli Meier, tat vor bald zehn Jahren einen entsprechenden Wunsch öffentlich kund. Das aber viel subtiler, weil er weiss, wie heikel das Begehren ist. Er wies auf «ein grosses Defizit» im Baselbieter Wald hin: Ein grosses Waldreservat mit Nutzungsverzicht fehle. Meier damals: «Mein Ziel ist, in meiner verbleibenden Amtszeit ein solches Reservat von 500 bis 600 Hektaren zu schaffen.»

Unberührte Urwälder gibt es keine in der Schweiz

Davon ist Meier auch heute noch weit weg: «Wir haben viele Waldflächen mit Vorrang Natur im Kanton, sie umfassen etwa 15 Prozent der Baselbieter Wälder. Uns fehlt aber nach wie vor ein grosses Totalwaldreservat, in dem man gar nichts mehr macht.» Ein Totalwaldreservat ist das, was der Volksmund unter Urwald versteht. Aber Meier warnt vor zu grossen Erwartungen: «Bis man von einem Urwald reden kann, vergehen 200 bis 300 Jahre.»

So sei auch der Schweizer Nationalpark, in dem man seit über 100 Jahren auf jegliche Holznutzung verzichtet, noch weit weg von einem Urwald; die früheren Eingriffe seien noch gut sichtbar. Am nächsten kämen in der Schweiz der Bödmerenwald zuhinterst im Muotatal oder das Gebiet Derborance im Unterwallis einem Urwald, so Meier.

Wege ja, «Scheiaweia»mit Freizeitaktivitäten nein

Doch zurück ins Baselbiet. Hier hat das Liestaler Röserental derzeit tatsächlich die Nase als erstes Totalwaldreservat in der Agglomeration vorne; andere gibt es an der Peripherie wie im Bogental (Lauwil) oder im Dübachtal (Rothenfluh). Auch wenn der Liestaler «Urwald» von der Grösse her nie mit Meiers einst geäusserten Träumen mithalten kann, lobt er: «Das Röserental ist wegen der zentralen Lage aus pädagogischer Sicht hervorragend.» Denn so wird «Urwald» für die Bevölkerung auch erlebbar. Das allerdings mit Einschränkungen à la Nationalpark: begehbare Wege ja, «Scheiaweia» mit Freizeitaktivitäten nein.

Und auch bezüglich Artenreichtum wird ein Totalholzreservat kaum das sein, was sich viele vorstellen. Denn ein Wald ohne Eingriffe wird schnell dunkel, was zum Beispiel Reptilien und Schmetterlinge weitgehend ausschliesst. Dafür rechnet Meier dank Totholz mit viel mehr Insekten und Pilzen. Planerisch ist schon mal vorgesorgt: Sowohl im kantonalen Richtplan wie auch im Waldentwicklungsplan von Liestal sind Teile des Röserentals als Vorranggebiet Natur ausgeschieden.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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