«In der Schweiz haben wir keine gut ausgebildeten Politiker, die meisten haben keinen rechten Leistungsausweis. In kaum einem Land wäre es möglich, als Konzertpianistin oder Lehrer in die Regierung aufzusteigen.» Ihre bitterböse Kritik an der Schweizer Politikerkaste kleidete Magdalena Martullo Blocher in hemdsärmlige Worte, gesprochen in einem Hochdeutsch mit starkem Schweizerdeutsch-Akzent. «Das Wissen in der Schweiz liegt in der Wirtschaft und an der Basis bei der Bevölkerung. Unsere Politiker sind nicht besser als die Politiker in anderen Ländern, sie haben bloss glücklicherweise weniger zu sagen.»

Martullo, Mehrheitsaktionärin, Vizepräsidentin und CEO von Ems Chemie sowie Tochter von alt Bundesrat Christoph Blocher, hielt gestern ein Referat unter dem Titel «Innovativ in die globale Zukunft» vor der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in der Aula der Universität Basel. «Innovation ist etwas Neues, das andere noch nicht haben. Aber es muss auch Erfolg haben. Luftschlösser sind keine Innovationen», meinte Martullo. In den 77 Jahren Firmengeschichte habe sich die Ems-Chemie mindestens vier Mal neu erfinden müssen. Es begann mit dem Benzinersatz «Emser Wasser», änderte sich in Dünger-Produkte und Kunststofffasern und führte zu Hochleistungspolymeren. Heute produziert Ems vor allem Hochleistungskunststoffe, zum Beispiel als Metallersatz für die Automobil- oder die Computerindustrie.

Asien im Visier

Ems Chemie sei nur dank ihrer Innovationskraft erfolgreich. 2012 habe die Firma 76 Forschungsgrundlagenprojekte geführt, 13 Grundlagenprojekte mit Hochschulen und 15 neue Patente angemeldet. 30 Prozent der Mitarbeiter forschen oder entwickeln. Das Geheimnis liege dabei in einer guten Mischung von jungen und sehr erfahrenen Mitarbeitern. Jeder achte Angestellte in Domat/Ems sei ein Lernender. Jeder vierte Mitarbeiter arbeite bereits 20 Jahre in Domat/Ems.

Martullo richtet ihr Augenmerk vor allem nach Asien: «Asien ist für die Ems Chemie sehr wichtig: Bereits heute wird jedes zweite Auto in Asien gebaut und verkauft. Im Gegensatz dazu nimmt die Zahl der verkauften Autos in Europa kontinuierlich ab. Die Märkte verlagern sich. Während in Europa Autowerke geschlossen werden, entstehen in Asien Dutzende neuer Fabriken.»

Was sind die Anforderungen an die Führung in diesem globalen Umfeld?

«Es entstehen neue, riesige Märkte, wie wir sie bisher nicht kannten. Die Geschwindigkeit, vor allem in China, ist riesig. Der globale Standortwettbewerb ist enorm. Kleinstaaten wie Singapur oder Luxemburg verbessern die steuerliche Ausgangslage in ihren Ländern ständig. Die Schweiz ist unter Druck, zumal der Franken weiterhin sehr stark ist. »

Welche Anforderungen stellt das an die Politik?

«Die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme der EU drücken auf Steuern, die Regulierung und die Energiepolitik. Die Schweiz wird von der EU als Störfaktor angesehen, weil die Schweiz demonstriert, dass es auch ohne EU geht und das sogar besser. Diese Angriffsfläche soll glatt gerieben werden, bis kein Vergleich mehr stattfinden kann, der zu Ungunsten der EU ausfällt. Gleichzeitig sind die Staaten ausserhalb der EU selbstbewusst geworden und machen vorwärts in Sachen attraktiver Rahmenbedingungen.»

Als wichtigste Voraussetzung für Innovation bezeichnete Martullo fundierte Kenntnisse über Zusammenhänge und Märkte. «Bundespolitiker haben meist weder Wissen noch Erfahrungen, Berufspolitiker sowieso nicht. Sie müssten sich diese beschaffen. Dazu wäre eine Demuthaltung nötig, die heute fehlt», kritisierte Martullo. «Denken Sie nur an die Energiepolitik, das Asylwesen, die Rechtssysteme oder das Sozialwesen.»

Die heutigen Politiker holten nicht mehr Wissen und Ideen bei Bürgern und Wirtschaft, sondern wollten sie belehren. «Statt auf offene Ohren stosse ich bei Politikern auf Belehrungen und Besserwisser. Die Medien kritisieren die Wirtschaft, statt die Politiker.» Es sei nicht nötig, die Wirtschaft zu kritisieren. Den Standort könne man nämlich ganz einfach ändern. Martullo zitierte Winston Churchill: «Manche Leute halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse. Andere sehen in ihm eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne. Nur wenige erkennen in ihm das Pferd, das den Karren zieht.» Ohne die Wirtschaft, betonte Martullo, gehe gar nichts. «Die Wirtschaft ist das Pferd, das den Karren zieht. Die USA, zum Teil auch Deutschland, sehen das immer noch so. Ich hoffe, dass die Schweiz die Wirtschaft nicht mit einer Kuh verwechselt.»

Martullo zitiert Darwin

Nicht die stärkste und die intelligenteste Spezies überlebe am längsten, zitierte Martullo Darwin, sondern diejenige, die sich am besten anpassen könne. Die Schweiz könne sich aber offensichtlich an die Anforderungen der Wirtschaft nicht mehr anpassen. Die Firmenansiedlungen in der Schweiz seien seit 2007 rückläufig. «Warum hören die Politiker uns Firmen nicht zu? Wir thematisieren die Probleme und wir bringen auch Vorschläge. Aber es interessiert sehr wenig in Bern.» Die Schweiz müsse sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf ihre Stärken. «Wir müssen den Mut haben, unkonventionell und ein Sonderfall zu sein. Anpassung im Sinne von Angleichung hat noch nie besonderen Wohlstand gebracht.»

Sie hätte sich viele Gedanken gemacht über die Schweizer Bürger, warum sie die Probleme nicht sehen. Im Sommer habe sie eine Demoscope-Studie gelesen, die Studie «Psychologisches Klima der Schweiz». Jetzt wisse sie: «Die Schweizer sehnen sich nach einem ruhigen, beschaulichen Leben. Und dies im Umfeld der Wirtschaftskrise!» Martullo richtete sich deshalb mit einem Apell an die Bürger: «Wir dürfen die Probleme nicht verdrängen, wir dürfen keine Ausreden mehr finden. Die Bürger müssen Eigenverantwortung übernehmen. Wenn man Probleme anspricht, wird man aber in den Medien verrissen.» Um anzuhängen: «Aber den Medien geht es auch nicht mehr so gut.» Sie kritisierte, auch das Volk unterliege der Verlockung der Bequemlichkeit. Das Volk delegiere zu viel, zum Beispiel die Wahl des Bundesrats ans Parlament.

Martullos Fazit

«Globalisierung erfordert Innovation der Unternehmen, aber auch der Schweiz. Die Schweiz hat das Potenzial, sich eine führende Position zu erarbeiten. Wohlstand wird nicht vom Staat oder vom Sozialamt geschaffen, sondern von der Wirtschaft. Die Wirtschaft muss wieder in die Politik eingebunden werden, als Kraft, die den Karren zieht. Die zweitbeste Lösung reicht nicht. Packen wir es an, von unten. Es ist noch nicht zu spät.»