Mein Dreiland
Frieden statt Wilhelm Tell

Peter Schenk
Peter Schenk
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Es ist eines der am buntesten durchmischen Quartiere der Stadt Basel: Blick ins St. Johann vom Turm der Antoniuskirche aus.

Es ist eines der am buntesten durchmischen Quartiere der Stadt Basel: Blick ins St. Johann vom Turm der Antoniuskirche aus.

KEYSTONE

Seit kurzem wohne ich nicht mehr im Kleinbasel, sondern im St. Johann in der Vogesenstrasse – der Name gefällt mir. Das Elsass, wo ich lange gelebt habe, hat mich wieder. Wie neulich in einer Kolumne erwähnt, stammen viele Strassennamen hier aus dem Elsass.

Beim Flanieren in meinem neuen Quartier ist mir die Friedensgasse aufgefallen. Wie auf dem Strassenschild steht, erinnert der Name an den Frankfurter Frieden vom 10. Mai 1871. Die Franzosen hatten damals den Deutsch-Französischen Krieg verloren und wurden im Frieden nicht nur zur Zahlung von horrenden fünf Milliarden Francs für Reparationen verdonnert, sondern auch zur Abgabe von Elsass-Lothringen.

Merkwürdig, dass es Basel angemessen fand, gerade diesem Triumph der Deutschen eine Strasse zu widmen. Vielleicht ist das aber auch schon ein Hinweis auf den Ersten Weltkrieg, als die Sympathien von grossen Teilen der Deutschschweiz eindeutig auf Seiten des Deutschen Reichs lagen und Frankreich vor allem im welschen Landesteil unterstützt wurde?

Kommt hinzu, dass die Friedensgasse noch eine Woche
vor der offiziellen Benennung Wilhelm-Tell-Strasse heissen sollte. Laut André Salvisberg, Autor des Buchs «Die Basler Strassennamen», lag dies eventuell daran, dass der Name des Schweizer Nationalhelden bereits für die Tellstrasse und
den Tellplatz im Gundeldinger Quartier verplant war, man dies aber erst im letzten Moment bemerkt hatte.

Basel muss sich auch bei weiteren Strassenbenennungen an die geopolitischen Neuerungen von 1871 orientiert haben, wie Salvisberg glaubt. So kam es dazu, dass Metz als zweitgrösste Stadt des deutschen Elsass-Lothringens eine Strasse erhielt, obwohl es 200 Kilometer von Basel entfernt ist. Ähnliches gilt für die Lothringer- und die Rheinländerstrasse. Die preussische Provinz Rheinland lag noch nördlich von Lothringen vor allem links des Rheins. Mit dem benachbarten Elsass direkt zu tun hat die Mittlere Strasse, die auf die Lage zwischen den ehemaligen Landstrassen nach Burgfelden und Saint-Louis verweist.

Mein neues Quartier habe ich schon vor dem Umzug entdeckt, allerdings damals ohne die Musse, mir Gedanken über die Strassennamen zu machen. Neben der intensiven Wohnungssuche im Internet habe ich mir 500 persönlich formulierte Flyer drucken lassen und diese im St. Johann in die Briefkästen der Häuser verteilt, die mir gefielen. Drei Wohnungen wurden mir durch diese altmodische Aktion angeboten, und so bin ich zu meiner schönen Bleibe in einem Baumgartnerhaus in der Vogesenstrasse gekommen. Der Name der Strasse war bei der Verteilaktion kein Kriterium.